50 Dinge, die ich über meine Hochsensibilität gelernt habe

50 Dinge, die ich über meine Hochsensibilität gelernt habe

Als ich diesen Blog begonnen habe, hätte ich nicht gedacht, dass ich irgendwann genau diese Zahl vor mir sehen würde. 50 Artikel über Hochsensibilität. 50-mal habe ich versucht, Worte für Dinge zu finden, die sich manchmal nur schwer erklären lassen.

Für die Reizüberflutung, die tiefe Wahrnehmung, das Bedürfnis nach Rückzug. Und das Gefühl, ein Alien zu sein. Aber auch für Empathie, Begeisterung und die Fähigkeit, zwischenmenschliche Signale zu verstehen.

Vor allem aber habe ich diese Texte für dich geschrieben.

Für dich, wenn du dich in manchen Situationen fragst, warum du anders reagierst als andere. Für dich, wenn du dich manchmal zu empfindlich, zu anstrengend oder einfach „anders“ fühlst. Für dich, wenn du verstehen möchtest, was hinter deiner Hochsensibilität steckt.

Und für dich, wenn du vielleicht gerade erst beginnst zu entdecken, dass mit dir gar nichts falsch ist.

Was ich damals nicht wusste: Während ich dir helfen wollte, dich selbst besser zu verstehen, habe ich begonnen, mich selbst noch besser zu verstehen.

Das Schreiben über Hochsensibilität hat mir immer wieder einen Spiegel vorgehalten.

Manchmal habe ich einen Gedanken für dich formuliert und dabei gemerkt: Das gilt eigentlich auch für mich.

Deshalb möchte ich meinen 50. Artikel nicht einfach dazu nutzen, noch einmal zu erklären, was Hochsensibilität ist.

Ich möchte zurückblicken. Auf das, was ich über mich gelernt habe. Auf das, was sich verändert hat. Und wie all das, was ich durchs Schreiben gelernt habe, letztlich auch meine Arbeit als Beraterin beeinflusst hat.

 

1. Ich war schon hochsensibel, bevor ich wusste, was Hochsensibilität ist

Meine Hochsensibilität war natürlich schon da, bevor ich einen Namen dafür hatte.

Ich wusste nur nicht, wie ich das, was ich erlebte, einordnen sollte:

  • Warum beschäftigen mich manche Dinge so lange?
  • Warum brauche ich manchmal mehr Ruhe?
  • Warum nehme ich Stimmungen so schnell wahr?
  • Warum können mich bestimmte Situationen so tief berühren?

Damals hatte ich nicht die Antwort: Weil ich hochsensibel bin.

Ich hatte eher die Frage: Warum bin ich so?

Heute weiß ich, wie viel es verändern kann, wenn man für etwas, das einen lange begleitet, endlich Worte findet.

 

2. Ich habe viele dieser Texte für dich geschrieben – und dabei mich selbst noch besser kennengelernt

Wenn ich einen Artikel schreibe, denke ich zuerst an dich.

An den Menschen, der sich vielleicht gerade in einer Reizüberflutung befindet. An die Frau, die sich fragt, ob sie „zu empfindlich“ ist. An jemanden, der Schwierigkeiten damit hat, Grenzen zu setzen. An einen Menschen, der sich in Beziehungen immer wieder selbst vergisst.

Ich möchte Orientierung geben. Verständnis schaffen. Dinge erklären, für die vielleicht bisher die richtigen Worte gefehlt haben.

Aber beim Schreiben passiert etwas, womit ich anfangs nicht gerechnet habe: Ich begegne mir selbst.

Meine Texte sind für andere entstanden. Und trotzdem haben sie mir selbst immer wieder etwas gezeigt. Das ist vielleicht das Schönste, was mir dieser Blog bisher gegeben hat.

 

3. Ich habe gelernt, mich für meine Einzigartigkeit nicht mehr zu schämen

Das war kein Schalter, den ich einfach umlegen konnte.

Lange war Anderssein aufgrund der Hochsensibilität für mich eher etwas, das ich erklären oder möglichst gut verbergen wollte. Heute sehe ich meine Einzigartigkeit anders.

Ich möchte sie nicht nur akzeptieren. Ich möchte sie lieben und wertschätzen.

Nicht jeden Tag. Nicht in jeder Situation. Aber immer mehr.

 

4. Anders bedeutet nicht falsch

Wenn man häufig das Gefühl bekommt, anders zu sein, kann daraus irgendwann die Überzeugung entstehen, dass mit einem selbst etwas nicht stimmt.

Heute glaube ich das nicht mehr. Vielleicht bedeutet anders manchmal tatsächlich einfach nur: anders.

Nicht schlechter. Nicht weniger. Nicht falsch.

 

5. Ich muss nicht weniger fühlen

Ich habe lange gedacht, dass vieles leichter wäre, wenn mich Dinge weniger berühren würden.

Wenn ich weniger nachdenken würde und mir manches einfach egal wäre.

Heute möchte ich nicht mehr weniger fühlen. Ich möchte lernen, mit dem, was ich fühle, gut umzugehen. Denn meine Sensibilität bringt nicht nur Überforderung mit sich.

Sie bringt auch Tiefe, Empathie, Begeisterung und Verbundenheit. Und diese Seiten möchte ich nicht verlieren.

 

6. Meine Hochsensibilität ermöglicht mir tiefe Beziehungen

Eine der schönsten Seiten meiner Hochsensibilität erlebe ich in meinen Beziehungen.

Ich möchte nicht nur wissen, was jemand tut. Ich möchte verstehen, was einen Menschen bewegt. Was ihn beschäftigt. Was ihn glücklich macht. Was vielleicht hinter seinen Worten liegt.

Diese Tiefe kann manchmal anstrengend sein.

Aber sie ist auch etwas, für das ich heute sehr dankbar bin – und die mir eine völlig neue Dimension von Intimität ermöglicht.

 

7. Ich brauche keine möglichst große Anzahl an Menschen

Mit der Zeit ist mir wichtiger geworden, wie sich eine Beziehung anfühlt, nicht wie viele Menschen zu meinem Leben gehören.

Ich brauche Menschen, bei denen ich mich nicht verstellen muss. Menschen, bei denen Stille nicht unangenehm ist. Menschen, mit denen ich auch über die Dinge sprechen kann, die wirklich wichtig sind.

Und Menschen, bei denen ich nicht ständig erklären muss, warum ich etwas so empfinde.

 

8. Nähe und Rückzug schließen sich nicht aus

Ich kann einen Menschen sehr lieben und trotzdem Zeit für mich brauchen. Ich kann mich auf ein Treffen freuen und danach erschöpft sein. Ich kann jemanden vermissen und trotzdem allein sein wollen.

Früher erschien mir das manchmal widersprüchlich.

Heute nicht mehr. Ich brauche beides: Nähe und Rückzug.

 

9. Kritik kann mich beschäftigen

Ich möchte Kritik nicht vermeiden. Aber sie kann mich berühren.

Vor allem dann, wenn sie einen Punkt trifft, an dem ich selbst unsicher bin – vielleicht weil ich dort eine innere Wunde habe, die noch nicht gut versorgt ist.

Ich versuche deshalb, zwischen einem Fehler und meinem persönlichen Wert zu unterscheiden.

Ich kann etwas falsch gemacht haben, ohne deshalb falsch zu sein.

 

10. Ich darf länger brauchen, um etwas zu verarbeiten

Manche Situationen sind für andere längst vorbei, während sie in mir noch nachwirken.

Ich denke darüber nach. Ordne ein.  Verstehe vielleicht erst später, warum mich etwas so berührt hat.

Früher hätte ich das gern schneller abgestellt. Heute akzeptiere ich eher, dass ich manchmal Zeit brauche.

 

11. Ich nehme Stimmungen oft sehr schnell wahr

Ein Blick. Ein Tonfall. Eine kleine Veränderung.

Manchmal spüre ich, dass etwas nicht stimmt, bevor jemand es ausspricht. Das kann eine schöne Fähigkeit sein.

Aber ich habe auch gelernt: Wahrnehmung ist nicht dasselbe wie Gewissheit.

Ich kann etwas spüren und mich trotzdem irren. Aber je besser die Verbundenheit zu mir selbst ist, desto aufschlussreicher ist mein Bauchgefühl.

 

12. Ich muss nicht jede Wahrnehmung sofort erklären

Früher wollte ich für alles eine Erklärung. Heute kann ich manches einfach wahrnehmen.

Vielleicht zeigt sich die Antwort später. Vielleicht auch nicht.

Nicht alles muss sofort verstanden werden.

 

13. Meine Intuition darf ein Hinweis sein – aber nicht die ganze Wahrheit

Ich vertraue meinem Bauchgefühl.

Gleichzeitig weiß ich, dass auch Erfahrungen, Ängste und Erwartungen beeinflussen können, wie wir eine Situation wahrnehmen.

Deshalb darf meine Intuition sprechen. Aber ich darf auch nachfragen und sie liebevoll überprüfen.

 

14. Ich darf mich irren

Auch wenn ich etwas sehr deutlich wahrnehme, kann meine Interpretation falsch sein. Vielleicht bin ich gerade viel zu gestresst, um etwas aus einer möglichst neutralen Perspektive zu sehen.

Das macht meine Sensibilität nicht weniger wertvoll. Es macht mich einfach menschlich.

 

15. Ich kann mich unglaublich für Dinge begeistern

Wenn mich etwas wirklich interessiert, möchte ich eintauchen. Verstehen. Lesen. Zusammenhänge entdecken. Weiterdenken.

Diese Intensität empfinde ich heute nicht mehr nur als anstrengend.

Sie ist auch ein Teil von mir, den ich sehr mag. Denn wenn ich einmal Biss habe, dann widme ich mich etwas von ganzem Herzen.

 

16. Kleine Dinge können mich tief berühren

Ein Sonnenstrahl. Musik. Natur. Ein bestimmter Geruch. Ein Blick von einem geliebten Menschen. Eine liebe Nachricht. Ein kurzer Moment, den wahrscheinlich niemand sonst besonders bemerkenswert findet.

Für mich kann er es sein.

Und ich möchte diese Fähigkeit nicht missen.

 

17. Mein Kopf kann schwer abschalten

Ein Gedanke führt zum nächsten. Und irgendwann bin ich sehr weit vom Ausgangspunkt entfernt.

Ich habe gelernt, dass nicht jeder Gedanke zu Ende gedacht werden muss. Das gelingt mir nicht immer. Aber immer öfter.

Ich habe verstanden: Je sicherer ich mich in mir fühle, desto leiser wird das Gedankenwirrwarr in meinem Kopf.

 

18. Nachdenken und Grübeln sind nicht dasselbe

Nachdenken kann mir helfen, etwas zu verstehen. Es ist eine wertvolle Fähigkeit, um Lösungen zu finden und verschiedene Sichtweisen einzubeziehen.

Grübeln kann mich festhalten, denn dann drehe ich mich im Kreis.

Wenn ich merke, dass ich dieselbe Frage immer wieder stelle, ohne weiterzukommen, versuche ich heute, Abstand zu gewinnen.

Nicht jeder Gedanke braucht eine Lösung.

 

19. Rückzug bedeutet nicht Ablehnung

Wenn ich mich zurückziehe, heißt das nicht automatisch: Ich möchte dich nicht sehen.

Oft bedeutet es vielmehr: Ich möchte wieder bei mir ankommen.

Weniger Reize. Weniger Informationen. Weniger Außen. Ein bisschen mehr Ruhe.

Ich habe gelernt, meinen Rückzug nicht mehr als etwas zu betrachten, das ich rechtfertigen muss. Ich nutze ihn als Kraftquelle – ganz ohne Reizschuld.

 

20. Ich vergleiche meine Innenwelt weniger mit der Außenwelt anderer

Ich sehe bei anderen Menschen meistens nur das, was sie zeigen. Ich weiß nicht, was in ihnen wirklich passiert. Ich habe ein Gespür für sie, aber sicher bin ich mir nicht immer.

Deshalb frage ich mich heute weniger: Warum können andere das einfach?

Und häufiger: Was brauche ich, damit es für mich funktioniert?

 

21. Ich habe verstanden, dass mein Leben nicht aussehen muss wie das der anderen

Das war für mich eine wichtige Erkenntnis.

Ich darf unkonventionell leben. Nicht, weil ich unbedingt anders sein möchte.

Sondern weil ich verstanden habe, dass manche Dinge einfach besser zu mir passen.

 

22. Es ist für mich gesünder, entsprechend meiner Bedürfnisse zu leben

Ich möchte nicht mehr nur danach entscheiden, was gesellschaftlich üblich ist.

Ich frage mich:

  • Was passt zu mir?
  • Was tut mir gut?
  • Was kostet mich dauerhaft zu viel Kraft?
  • Was brauche ich, um mich in meinem eigenen Leben wohlzufühlen?
  • Welche Konditionierungen fühlen sich wie eine Blockade für mich an?

Und manchmal führt die Antwort eben nicht zum konventionellsten Weg.

Das ist in Ordnung.

 

23. Ich muss mich nicht in ein Leben hineinzwängen, das nicht zu mir passt

Ein Leben kann von außen ungewöhnlich aussehen und sich von innen vollkommen richtig anfühlen.

Ich glaube, das habe ich inzwischen verstanden.

Es geht nicht darum, möglichst normal zu leben. Es geht darum, stimmig zu leben. Stimmig für dich – nicht für andere.

 

24. Ich darf und muss meine Bedürfnisse ernst nehmen

Wenn ich Ruhe brauche, brauche ich Ruhe. Wenn mir etwas zu viel ist, darf ich das wahrnehmen.

Ich muss meine Bedürfnisse nicht erst vor anderen beweisen, damit sie ihre Berechtigung haben. Ich darf selbst dafür sorgen, dass meine Bedürfnisse erfüllt werden.

 

25. Mein Körper sagt mir oft früher als mein Kopf, dass etwas zu viel wird

Unruhe. Anspannung. Erschöpfung. Reizbarkeit. Der Wunsch, einfach nur noch weg zu wollen.

Ich versuche heute, diese Signale früher wahrzunehmen. Nicht erst dann, wenn gar nichts mehr geht.

Meine Energie ist begrenzt. Und darauf sollte ich Rücksicht nehmen.

 

26. Ich muss nicht erst völlig erschöpft sein, um eine Pause zu verdienen

Für mich war das lange nicht selbstverständlich. Ich habe viele Jahre unter sozialer Erschöpfung gelitten, weil ich geglaubt hatte, immer funktionieren zu müssen.

Heute darf ich früher reagieren:

  • Eine Pause machen.
  • Einen Termin absagen.
  • Nach Hause gehen.
  • Mich zurückziehen.

Nicht, weil ich schwach bin.

Sondern weil ich mich und meine Bedürfnisse ernst nehme.

 

27. Ein Nein darf sich trotzdem unangenehm anfühlen

Ich kann wissen, dass mein Nein richtig für mich ist, und mich trotzdem schlecht fühlen.

Denn ich nehme die Reaktion des anderen wahr. Vielleicht ist jemand enttäuscht oder fühlt sich zurückgewiesen.

Das darf sein, und ich halte das aus.

Ein unangenehmes Gefühl bedeutet nicht automatisch, dass meine Grenze falsch ist.

 

28. Ich kann heute viel direkter sagen, wenn eine Grenze überschritten wurde

Das ist eine Veränderung, auf die ich selbst stolz bin. Früher habe ich Grenzen vielleicht länger ausgehalten, als mir gutgetan hat.

Heute kann ich sagen: Das war für mich eine Grenze.

Oder: So lasse ich mich nicht behandeln.

Direkt. Sachlich. Ohne großes Drama.

Für mich fühlt sich das nach Stärke an. Ich bin handlungsfähig, auch wenn jemand versucht, mir wehzutun.

 

29. Ich darf jemanden enttäuschen

Ich möchte niemanden absichtlich verletzen.

Aber ich habe verstanden: Es ist nicht meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass niemand jemals enttäuscht von mir ist.

Ich darf Nein sagen. Ich darf eine Entscheidung für mich treffen.

Und der andere darf damit trotzdem unzufrieden sein. Das ist OK und es ist seine Eigenverantwortung, wieder in Balance zu kommen. Nicht meine.

 

30. Ich muss nicht die Gefühle anderer Menschen reparieren

Ich darf mitfühlen, zuhören, unterstützen. Aber ich muss nicht dafür sorgen, dass es allen Menschen in meinem Umfeld gut geht.

Diese Verantwortung kann und will ich nicht mehr übernehmen. Ich habe mein übergroßes Verantwortungsbewusstsein auf ein gesundes Maß gedrosselt. Ich entscheide nun weise, wofür und wen ich Verantwortung tragen möchte – und das fühlt sich viel besser an.

Denn ich habe verstanden, dass mich zu viel Verantwortung für andere davon abhält, eigenverantwortlich zu handeln.

 

31. Ich kann mich verlieren, wenn ich zu sehr auf andere achte

Das ist etwas, das ich durch das Schreiben immer wieder neu verstanden habe. Ich schreibe über Bedürfnisse, Beziehungen, Grenzen und Selbstfürsorge.

Und manchmal merke ich dabei: Diese Frage stelle ich gerade eigentlich mir selbst.

  • Was brauche ich?
  • Was möchte ich?
  • Wo ist meine Grenze?
  • Was tut mir gut?

Schreiben für andere wurde dadurch manchmal zu einer Begegnung mit mir selbst. Und hat mir dabei geholfen, mein eigenes Leben liebevoll auf den Prüfstand zu stellen.

Schließlich lerne ich ja auch immer dazu.

 

32. Selbstfürsorge ist für mich heute mehr als Ruhe

Natürlich gehört Ruhe dazu.

Aber Selbstfürsorge kann auch bedeuten, etwas auszusprechen. Eine Grenze zu setzen. Eine Entscheidung zu treffen. Eine Beziehung anders zu gestalten.

Oder einen Weg zu wählen, der nicht dem entspricht, was andere von mir erwarten.

Manchmal ist Selbstfürsorge unbequem, führt zu Widerstand und dem Gefühl, unverstanden zu sein.

Aber trotzdem ist Selbstfürsorge wichtig, damit es mir langfristig gut geht.

 

33. Ich darf meine Priorität sein

Tatsächlich habe ich mich irgendwann zur Priorität meines Lebens gemacht. Nicht aus Egoismus oder weil mir andere Menschen weniger wichtig sind.

Aber ich habe verstanden, dass nur ich wissen kann, was ich brauche, damit es mir gut geht. Und damit ich das immer wieder herausfinden kann, brauche ich eine gute Verbundenheit zu mir selbst, Zeit und Ruhe.

Ich habe gelernt:

  • Ich darf empathisch sein und trotzdem auf mich achten.
  • Ich darf Rücksicht nehmen und trotzdem Grenzen haben.
  • Ich darf für andere da sein, ohne mich selbst dabei zu vergessen.

Nur wenn ich mich gut um mich selbst kümmere, kann ich auf gesunde Art und Weise für andere da sein.

 

34. Ich kann mich heute besser verteidigen

Und ich glaube, das hat sehr viel mit meinem Selbstwert zu tun. Je mehr ich mich selbst wertschätze, desto weniger bin ich bereit, mich kleinzumachen.

Ich kann heute eher sagen: Das möchte ich nicht. Das geht für mich nicht. Hier ist meine Grenze.

Nicht, weil ich härter geworden bin.

Sondern weil ich mich selbst mehr liebe und achte.

 

35. Grenzen setzen bedeutet für mich heute Selbstachtung

Früher war meine Frage oft: Wie kann ich vermeiden, dass der andere sich schlecht fühlt?

Heute kommt eine andere dazu, die für mich mehr Gewicht hat: Wie geht es mir damit?

Ich bin gern bereit, anderen zu helfen. Aber nicht jedem, nicht immer, nicht zu jedem Preis. Ich wäge ab, ob ich gerade Kapazitäten habe, für jemanden da zu sein.

Und ich versuche, das Maß an Hilfsbereitschaft für mich zu finden, das ich gerade aufbringen kann, ohne meine Grenzen zu überschreiten.

 

36. Ich möchte nicht mehr überall dazugehören

Ich möchte mich nicht mehr so stark verbiegen, nur damit etwas nach außen harmonisch aussieht. Ich möchte dort dazugehören, wo ich sein darf, wie ich bin. Ich bin bereit, mich auch etwas anzupassen, aber das hat Grenzen.

Und wenn nicht jede Umgebung zu mir passt, ist das in Ordnung.

Jeder ist anders. Und jeder fühlt sich woanders wohl.

 

37. Nicht jeder Mensch muss mich verstehen

Ich kann erklären. Ich kann erzählen. Ich kann meine Perspektive zeigen.

Aber Verständnis und Akzeptanz kann ich nicht erzwingen.

Das war eine Lektion, an der ich lange herumgekaut habe. Denn es ist ein (kindliches) Grundbedürfnis, verstanden zu werden – vor allem von engen Bezugspersonen aus der Familie.

Ich habe begriffen, dass manche mich nicht verstehen (können und wollen). Egal, was ich mache. Es ist mit viel Trauer verbunden, diese Erwartung nach Verständnis loszulassen – aber auch sehr heilsam.

Mittlerweile ist das in Ordnung für mich. Ich fühle mich auch sicher, obwohl mich die meisten Menschen nicht verstehen.

 

38. Ich brauche Menschen, bei denen ich mich nicht ständig erklären muss

Menschen, bei denen ein „Heute brauche ich Ruhe.“ reicht.

Menschen, die nicht sofort bewerten. Menschen, bei denen ich nicht beweisen muss, warum etwas für mich gerade schwierig ist.

Diese Beziehungen sind für mich besonders wertvoll. In den letzten Jahren habe ich viele hochsensible Freunde gefunden, die ähnlich empfinden wie ich. Das gegenseitige Verständnis macht einiges leichter – und die tiefe Verbundenheit hilft mir dabei, noch mehr zu wachsen.

 

39. Ich werde mich wahrscheinlich nie vollständig verstehen

Und inzwischen finde ich diesen Gedanken sogar schön.

Ich darf mich verändern. Neue Seiten entdecken. Meine Meinung ändern. Dinge anders sehen als früher. Ich muss nicht fertig sein.

Niemand wird je fertig.

Wir nähern uns bestenfalls immer mehr uns selbst an. Und diese Entdeckungsreise finde ich wahnsinnig spannend. Das ist für mich das wahre Leben.

 

40. Und trotzdem gibt es so viel, das ich daran liebe

Die Tiefe. Die Empathie. Die Begeisterungsfähigkeit. Die kleinen Dinge. Die intensiven Beziehungen. Das Wahrnehmen. Das Staunen.

Heute möchte ich diese Seiten nicht mehr gegen die schwierigen ausspielen.

Beides gehört zu mir.

Und ich achte mich so sehr, dass ich versuche, mein Leben so zu gestalten, dass ich die schönen Seiten genießen kann.

 

41. Hochsensibilität ist keine Entschuldigung für alles

Meine Hochsensibilität kann erklären, warum mich etwas stärker belastet.

Aber sie nimmt mir nicht die Verantwortung für mein Verhalten:

  • Auch ich kann mich irren.
  • Auch ich kann jemanden verletzen.
  • Auch ich darf mich entschuldigen.

Das gehört für mich zu einem ehrlichen und erwachsenen Umgang mit meiner Sensibilität.

Nur, weil ich hochsensibel bin, bin ich nicht fehlerfrei. Wenn ich etwas falsch gemacht habe, stehe ich dafür gerade.

 

42. Ich muss nicht jeden Tag dankbar für meine Hochsensibilität sein

Manchmal liebe ich sie. Manchmal ist sie einfach anstrengend.

Beides darf wahr sein.

Ich muss meine Hochsensibilität nicht ständig als Geschenk bezeichnen, um sie anzunehmen.

Es ist eine Lernaufgabe, sie zu akzeptieren und das Leben entsprechend zu gestalten. Aber es ist auch OK, sich manchmal zu wünschen, anders zu sein.

Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, die uns für unsere Hochsensibilität nicht direkt feiert, sondern uns die Akzeptanz unserer Feinfühligkeit eher erschwert.

 

43. Selbstakzeptanz bedeutet nicht, alles an mir toll zu finden

Ich muss nicht jeden Teil meiner Persönlichkeit lieben. Aber ich möchte aufhören, gegen mich selbst zu kämpfen.

Manchmal reicht: Das gehört zu mir.

Und dann die Frage: Wie kann ich gut damit umgehen?

Alle Teile existieren, weil es dafür Gründe gibt. Sie haben mir bis hierhin geholfen zu (über-)leben. Deshalb versuche ich, rücksichtsvoll mit mir zu sein, auch wenn ich bemerke, gerade in einem schwierigen Muster festzustecken.

 

44. Mein Wert hängt nicht davon ab, wie viel ich leiste

Es gibt produktive Tage. Und es gibt Tage, an denen weniger geht.

Mein Wert verändert sich dadurch nicht. Ich bin keine Maschine, sondern ein Mensch mit Höhen und Tiefen, mehr und weniger Power.

Das ist etwas, das ich mir selbst immer wieder sagen darf. Und es hat über die Jahre dazu geführt, selbstbewusst für mich einzustehen.

 

45. Ich möchte mich weiterentwickeln, aber mich nicht ständig optimieren

Ich möchte wachsen. Lernen. Mich besser verstehen. Aber ich möchte aus mir kein Projekt machen, das irgendwann perfekt funktionieren muss.

Ich bin kein Projekt. Ich bin ein Mensch.

Viele Menschen im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung werden härter statt sanfter, weil sie sich dazu drillen, jemand „anderes“ oder „besseres“ zu werden.

Aber bei einer gesunden Entwicklung geht es um Verletzlichkeit und die Akzeptanz für den, der man gerade ist.

 

46. Ich möchte meine Hochsensibilität nicht romantisieren

Es gibt wunderschöne Seiten.

Aber es gibt auch Tage, an denen sie einfach anstrengend ist. Tage, an denen mir alles zu laut, zu nah und zu viel ist. An denen ich mit jeder Faser meines Körpers spüre, dass mein dysreguliertes Nervensystem dringend eine Pause braucht.

Ich muss diese Tage nicht schöner machen, als sie sind.

Auch das gehört zu einem ehrlichen Umgang mit Hochsensibilität.

 

47. Ich frage heute häufiger: „Was brauche ich?“

Früher war die Frage oft: Warum bin ich so?

Heute ist sie häufiger: Was brauche ich?

Ruhe? Nähe? Abstand? Ein Gespräch? Zeit? Eine Grenze?

Diese Frage bringt mich näher zu mir als die Suche nach einer Erklärung, warum ich so bin, wie ich bin.

 

48. Ich möchte mich nicht mehr selbst verlassen, um dazuzugehören

Ich kann Kompromisse eingehen, Rücksicht nehmen, mich auf andere einstellen.

Aber nicht mehr um jeden Preis.

Denn was bringt mir Zugehörigkeit, wenn ich mich dafür selbst verliere?

Ich finde es immer wieder spannend, neu auszuloten, welchen Grad an Anpassung ich gerade leisten kann und möchte, ohne dabei die Verbindung zu mir selbst zu gefährden.

 

49. Mein Anderssein ist kein Problem, das gelöst werden muss

Vielleicht ist das die größte Veränderung:

  • Ich muss nicht weniger sensibel werden.
  • Ich muss nicht konventioneller leben.
  • Ich muss meine Bedürfnisse nicht anpassen, damit andere sie bequemer finden.
  • Ich darf anders sein.

Ich darf dieses Anderssein inzwischen sogar lieben. Es macht mich einzigartig.

Und mal ganz unter uns: Ich persönlich finde mein Leben viel bunter, verbundener und lebendiger als das der meisten Menschen.

 

50. Ich habe beim Schreiben für andere gelernt, mich selbst noch mehr wertzuschätzen

Damit bin ich bei der Erkenntnis angekommen, die für mich heute über allen anderen steht.

Ich habe diese 50 Artikel geschrieben, weil ich dir etwas mitgeben wollte.

Eine Erklärung. Einen Gedanken. Eine andere Perspektive. Vielleicht ein bisschen Verständnis für dich selbst.

Vielleicht das Gefühl: Ich bin damit nicht allein.

 

Und während ich dir diese Texte geschrieben habe, ist etwas passiert, das ich so nicht vorausgesehen hatte: Ich habe mich selbst noch viel besser kennengelernt.

Und noch viele Stellschrauben in meinem Leben gefunden, an denen ich zu meinem Wohle drehen konnte. Vor allem aber bin ich heute dankbar für vieles, was ich früher an mir verändern wollte.

Diese ungeheure Tiefe, die Energiesensibilität, die Fähigkeit zu echter Verbundenheit, die Begeisterungsfähigkeit für kleinste Dinge, die Fähigkeit, zwischenmenschliche Signale innerhalb eines Augenblicks auszuwerten – all das erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Ich hätte nie gedacht, dass ein Blog, den ich für andere Menschen schreibe, mir selbst so viel über mich erzählen würde.

Aber vielleicht ist genau das das Schönste daran.

 

Was das für meine Arbeit als Beraterin bedeutet

Vielleicht fragst du dich jetzt, was all diese persönlichen Erkenntnisse mit meiner Arbeit als Beraterin zu tun haben.

Für mich ziemlich viel.

Denn je besser ich mich selbst verstehe, desto bewusster kann ich auch anderen hochsensiblen Menschen begegnen.

Ich weiß heute aus eigener Erfahrung, wie gut es tun kann, wenn jemand nicht sofort versucht, einen zu verändern.

Wenn jemand nicht sagt: „Du musst einfach lernen, damit besser umzugehen.“

Sondern erst einmal zuhört. Versteht. Nachfragt.

Und vielleicht sogar sagt: „Mit dir ist alles in Ordnung. Lass uns schauen, wie du dein Leben so gestalten kannst, dass es sich mehr nach dir anfühlt.“

Genau diese Haltung ist mir auch in meiner Beratung wichtig. Ich möchte Menschen nicht in eine bestimmte Richtung bringen oder ihnen sagen, wie sie zu leben haben.

Ich möchte gemeinsam mit ihnen herausfinden, was für sie persönlich stimmig ist.

Eine wertschätzende und offene Haltung ist mir besonders wichtig, denn Respekt und Augenhöhe sind für mich die Basis für eine gute Zusammenarbeit.

Beratung bedeutet für mich nicht, einem Menschen zu zeigen, wie er werden sollte.

Es bedeutet, ihn ein Stück dabei zu begleiten, herauszufinden, wer er bereits ist und was er braucht, um mehr danach leben zu können.

 

Danke, dass du hier bist

50 Artikel habe ich geschrieben.

Für dich. Für Menschen, die sich selbst vielleicht manchmal nicht verstehen. Für Menschen, die sich nach Verständnis sehnen. Für Menschen, die sich fragen, ob sie mit ihrer Art zu fühlen und wahrzunehmen allein sind.

Und wenn du einer dieser Menschen bist, möchte ich dir heute nicht noch einen Rat mitgeben: Du musst dich nicht für dich selbst schämen.

  • Nicht für deine Sensibilität.
  • Nicht für deine Bedürfnisse.
  • Nicht dafür, dass dein Leben vielleicht anders aussieht.
  • Und auch nicht dafür, dass du manchmal mehr brauchst als andere.

Das ist nicht ganz einfach, kann aber der Beginn einer wundervollen Beziehung zu dir selbst sein. Vielleicht wünschst du dir irgendwann gar nicht mehr, jemand anders zu sein – weil du mehr in Frieden mit dir bist.

Das wäre wunderbar – und ich wünsche es dir von Herzen. Danke, dass du hier bist.

 

Häufige Fragen (FAQ) rund um Hochsensibilität

Warum fühlt sich ein „Nein“ manchmal trotzdem falsch an, obwohl ich weiß, dass es richtig ist?

Weil ein schlechtes Gefühl nicht automatisch bedeutet, dass eine Entscheidung falsch ist. Ich kann Nein sagen und trotzdem ein schlechtes Gewissen haben. Ich kann jemanden enttäuschen und trotzdem die richtige Entscheidung für mich getroffen haben.

Diese Unterscheidung hat mir sehr geholfen: Ein unangenehmes Gefühl ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass ich etwas falsch gemacht habe.

Warum möchte ich manchmal ein anderes Leben als die Menschen um mich herum?

Vielleicht, weil das Leben, das für andere funktioniert, nicht automatisch auch für mich funktionieren muss. Ich habe für mich verstanden, dass ich nicht möglichst konventionell leben möchte, sondern möglichst stimmig. Das kann bedeuten, meinen Alltag anders zu gestalten, andere Prioritäten zu setzen oder Entscheidungen zu treffen, die für andere ungewöhnlich erscheinen.

Für mich ist die entscheidende Frage deshalb nicht mehr: „Was macht man normalerweise?“ Sondern: „Was passt zu mir?“

Warum fühle ich mich manchmal „zu anders“?

Weil wir sehr schnell lernen, uns mit anderen zu vergleichen.

Wenn andere scheinbar problemlos mit Lärm, großen Gruppen, spontanen Veränderungen oder bestimmten sozialen Situationen umgehen, kann man sich mit den eigenen Bedürfnissen schnell falsch fühlen.

Ich habe irgendwann aufgehört, meine Bedürfnisse ständig daran zu messen, was für andere normal ist. Anders zu sein bedeutet nicht automatisch, dass etwas mit mir nicht stimmt.

Kann man hochsensibel sein und trotzdem selbstbewusst Grenzen setzen?

Ja – und für mich gehört genau das inzwischen zusammen. Ich dachte lange, dass Sensibilität und Durchsetzungsfähigkeit irgendwie Gegensätze sind. Heute sehe ich es anders. Je mehr ich mich selbst wertschätze, desto leichter fällt es mir, für mich einzustehen.

Ich muss dafür nicht laut oder hart werden. Ich kann sensibel sein und deutlich. Empathisch sein und Nein sagen. Rücksichtsvoll sein und meine eigenen Grenzen schützen.

Warum kann Selbstliebe bei Hochsensibilität so viel verändern?

Weil sich mit der Beziehung zu sich selbst auch der Blick auf die eigene Sensibilität verändert.

Wenn ich mich selbst wenig wertschätze, wirkt meine Sensibilität schnell wie ein Problem, das ich möglichst gut verstecken oder kontrollieren muss.

Wenn ich mich selbst mehr annehme, kann ich mich fragen:

  • Was brauche ich?
  • Was tut mir gut?
  • Welche Grenzen habe ich?
  • Wie möchte ich eigentlich leben?

Für mich war das ein entscheidender Wandel: Ich versuche heute nicht mehr, mich so zu verändern, dass ich besser in die Welt passe. Ich versuche, mein Leben so zu gestalten, dass ich darin gut leben kann.

Muss ich meine Hochsensibilität immer als Stärke sehen?

Nein. Das möchte ich ganz bewusst sagen. Manchmal ist meine Hochsensibilität etwas, das ich sehr schätze. Meine Tiefe. Meine Empathie. Meine Begeisterungsfähigkeit. Meine Wahrnehmung. Und manchmal ist sie einfach anstrengend.

Ich möchte sie deshalb nicht romantisieren. Für mich bedeutet Selbstakzeptanz nicht, jeden Aspekt meiner Hochsensibilität toll finden zu müssen. Es bedeutet vielmehr, mich auch an den schwierigen Tagen nicht dafür abzuwerten.

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Viele Hochsensible wissen noch gar nicht so recht, wie viel Reichtum sie in sich tragen.

In meiner Beratung begleite ich HSP dabei, sich mit ihrer Hochsensibilität anzufreunden und sich selbst wertschätzen zu lernen.

Falls auch du wissen willst, wie du deine Hochsensibilität besser in dein Leben integrieren kannst, nimm gern Kontakt zu mir auf!

 

Soziale Erschöpfung bei Hochsensiblen: Warum Menschen müde machen

Soziale Erschöpfung bei Hochsensiblen: Warum Menschen müde machen

Du kommst nach Hause, schließt die Tür hinter dir und möchtest eigentlich nur noch eines: Niemanden sehen. Niemanden hören. Einfach Ruhe. Dabei war der Abend doch schön. Du hast dich mit Freunden getroffen, ihr habt gelacht und eine gute Zeit miteinander verbracht. Trotzdem fühlst du dich danach völlig erschöpft.

Vielleicht kennst du auch den Gedanken: „Warum bin ich nach Menschen so müde?“ In diesem Artikel schauen wir uns genauer an, was soziale Erschöpfung ist, warum sie gerade bei hochsensiblen Menschen entstehen kann, woran du sie erkennst und was dir helfen kann, deinen sozialen Akku wieder aufzuladen.

Was ist soziale Erschöpfung bei Hochsensibilität, Nicole Trojahn

 

Was ist soziale Erschöpfung?

Soziale Erschöpfung beschreibt einen Zustand, in dem soziale Kontakte so viel Energie beansprucht haben, dass du anschließend ein deutliches Bedürfnis nach Ruhe, Rückzug und Erholung verspürst.

Vielleicht bist du nach einem Treffen müde. Vielleicht möchtest du nicht mehr telefonieren. Oder du merkst, dass selbst kleine Entscheidungen zu viel sind.

Manche Menschen sprechen auch von einem „Social Hangover“ oder einem „sozialen Kater“. Damit ist umgangssprachlich die Erschöpfung oder Überreizung nach sozialen Situationen gemeint.

Soziale Erschöpfung kann nach sehr unterschiedlichen Situationen auftreten:

  • im Büro, wenn deine Hochsensibilität im Beruf strapaziert wird
  • nach einem Familienfest
  • nach einem Treffen mit mehreren Freunden
  • im Dating
  • nach einem Konzert oder einer Party
  • nach einem intensiven Gespräch
  • nach mehreren Terminen hintereinander
  • nach einem Urlaub mit vielen gemeinsamen Aktivitäten
  • sogar nach einem eigentlich wunderschönen Wochenende

Das Entscheidende ist deshalb nicht unbedingt, ob eine soziale Situation schön oder unangenehm war. Auch schöne Begegnungen können anstrengend sein.

 

Warum soziale Kontakte so viel Energie kosten können

Ein Gespräch besteht nicht nur aus Worten. Während du mit einem anderen Menschen sprichst, verarbeitest du gleichzeitig zahlreiche Informationen:

  • Du hörst, was die Person sagt.
  • Du beobachtest ihre Mimik und Körpersprache.
  • Du reagierst auf Tonfall, Stimmung und Schwingungen.
  • Du überlegst, was du antwortest.
  • Vielleicht bemerkst du, dass dein Gegenüber etwas beschäftigt.

 

Und vielleicht nimmst du gleichzeitig noch die Umgebung wahr: Stimmen, Musik, Licht, Gerüche oder Bewegungen.

Für manche Menschen läuft vieles davon relativ automatisch und wenig bewusst ab. Wenn du dagegen sehr viel wahrnimmst und intensiv verarbeitest, kann eine soziale Situation deutlich mehr Kapazität beanspruchen.

Das ist insbesondere dann relevant, wenn zu den sozialen Reizen noch weitere Sinnesreize kommen.

 

Hochsensibel und soziale Erschöpfung: Warum kann das zusammenhängen?

Hochsensibilität wird häufig mit einer intensiveren Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen beschrieben. Dabei geht es nicht nur um Lautstärke, Licht oder Gerüche. Auch emotionale und soziale Reize können sehr präsent sein.

Diese Form der Wahrnehmung kann eine wertvolle Seite haben. Du bemerkst vielleicht Dinge, die andere übersehen. Du kannst dich gut auf Menschen einstellen und Gespräche sehr intensiv erleben.

Aber genau diese intensive Verarbeitung kann auch Energie kosten. Vor allem dann, wenn viele Eindrücke gleichzeitig auf dich zukommen.

In einer Studie von Weyn et al. (2026) zu sozialer Erschöpfung wurde herausgefunden, dass die Überstimulation bei den Studienteilnehmern im Tagesverlauf zunahm und höher war, wenn andere Menschen anwesend waren. Bei stärker sensitiven Personen war die Überstimulation außerdem höher, wenn sie müde waren oder sich negativ fühlten. HSP könnten also schneller sozial erschöpfen als Nicht-Hochsensible.

Soziale Erschöpfung bedeutet deshalb nicht automatisch, dass du Menschen nicht magst.

Manchmal bedeutet sie lediglich, dass dein System eine Pause braucht. Und diese Pause solltest du dir gönnen – ganz ohne Reizschuld.

Warum soziale Kontakte für HSP anstrengend sein können, Nicole Trojahn

 

Die soziale Batterie: Warum sie manchmal schneller leer ist

Vielleicht hilft dir das Bild einer sozialen Batterie.

Stell dir vor, du startest morgens mit einem bestimmten Energielevel in den Tag. Ein Gespräch mit einer vertrauten Person kostet vielleicht nur wenig. Ein Meeting mit 10 Menschen kostet schon mehr. Ein lautes Restaurant mit vielen Gesprächen, Licht und Bewegung kostet möglicherweise noch mehr.

Und wenn du zusätzlich versuchst, die Bedürfnisse aller anderen im Blick zu behalten, kann dein Akku noch schneller leer werden.

Das Problem ist dann nicht unbedingt die Anzahl der Menschen.

Manchmal ist es die Kombination aus mehreren Faktoren: Menschen + Reize + Erwartungen + Anpassung + fehlende Pausen.

Genau deshalb kann ein zweistündiger Spaziergang mit einem Menschen, bei dem du dich wohlfühlst, weniger anstrengend sein als eine Stunde auf einer lauten Geburtstagsfeier.

Tipp: Du möchtest wissen, wie du deine soziale Batterie und Energie schützen kannst? Dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Energiesensibilität gesund leben – Als HSP vor Fremdenergien schützen“.

Was ist die soziale Batterie bei Menschen mit Hochsensibilität, Nicole Trojahn

Woran erkennst du soziale Erschöpfung?

Soziale Erschöpfung kann sich körperlich, emotional und mental bemerkbar machen.

Vielleicht erkennst du dich in einigen dieser Situationen wieder:

  • Du möchtest nach einem Treffen allein sein
  • Du kommst nach Hause und möchtest erst einmal niemanden sehen.
  • Vielleicht möchtest du sogar, dass dein Handy möglichst still bleibt.
  • Einfach weil du gerade keine weitere Interaktion aufnehmen kannst.
  • Kleine Dinge, die dich normalerweise nicht stören, gehen dir plötzlich auf die Nerven und du entdeckst neurotisches Verhalten bei dir.

Offensichtlich ist deine soziale Batterie leer. Alles, was jetzt noch „on top“ kommt, ist einfach zu viel.

 

Dein Kopf ist noch voller Gespräche

Du möchtest eigentlich abschalten, aber dein Kopf macht weiter. Du gehst Situationen noch einmal durch:

  • Was wurde gesagt?
  • Warum hat jemand so reagiert?
  • Habe ich etwas Falsches gesagt?
  • Was hätte ich anders machen können?

Diese gedankliche Nachbereitung kann ebenfalls dazu beitragen, dass du dich nicht richtig erholst.

Übrigens: Wenn die Zeit für die Verarbeitung und Nachbereitung zu kurz ist bzw. fehlt, kann es bei uns HSP schnell passieren, dass wir uns über kurz oder lang selbst verlieren.

 

Du kannst dich schlechter konzentrieren

Nach vielen sozialen Eindrücken kann selbst eine einfache Aufgabe plötzlich anstrengend wirken.

Eine E-Mail beantworten. Einkaufen. Eine Entscheidungsfindung.

Vielleicht brauchst du einfach länger als sonst. Das ist vollkommen OK – du kannst auch überlegen, welche Aufgaben du abgeben bzw. einfach auf später verschieben kannst.

 

Du möchtest keine Nachrichten beantworten

Das ist ein häufig unterschätztes Zeichen.

Du siehst eine Nachricht und denkst: „Ich antworte später.“

Nicht, weil du nicht antworten möchtest. Sondern weil selbst das Formulieren einer Antwort gerade wie eine weitere soziale Aufgabe wirkt.

Soziale Erschöpfung bei Hochsensiblen erkennen, Nicole Trojahn

 

Wenn du Menschen magst und trotzdem Abstand brauchst

Einer der schwierigsten Gedanken bei sozialer Erschöpfung lautet: „Wenn ich meine Freunde wirklich mögen würde, müsste ich doch mehr Zeit mit ihnen verbringen wollen.“

Aber so funktioniert Energie nicht.

Ein Mensch kann dir sehr wichtig sein und dich trotzdem erschöpfen. Eine Begegnung kann emotional bereichernd und gleichzeitig anstrengend sein.

Nähe und Rückzug schließen sich nicht aus.

Vielleicht brauchst du nach intensiver Verbindung einfach Zeit, um die Verbundenheit zu dir selbst wieder aufzunehmen bzw. zu stärken.

Das gilt besonders dann, wenn du dich während eines Treffens stark auf andere Menschen konzentrierst – und darin sind wir Hochsensiblen ziemlich gut.

 

Soziale Erschöpfung und Introvertiertheit – ist das dasselbe?

Nein. Introvertiertheit und soziale Erschöpfung sind nicht dasselbe.

Introvertierte Menschen können soziale Kontakte sehr genießen. Gleichzeitig kann ihnen Zeit allein helfen, ihre Energie wiederherzustellen.

Hochsensibilität wiederum ist ebenfalls nicht gleichbedeutend mit Introvertiertheit. Ein hochsensibler Mensch kann introvertiert sein. Er kann aber genauso kontaktfreudig, gesellig und gerne unter Menschen sein.

Vielleicht bist du diejenige Person, die andere zum Tanzen auffordert und stundenlang spannende Gespräche führen kann. Und trotzdem bist du am nächsten Tag völlig erschöpft.

Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen:

  • Was genau kostet mich Energie?
  • Sind es die Menschen?
  • Die Lautstärke?
  • Die vielen Gespräche?
  • Das Gefühl, funktionieren zu müssen?
  • Die ständige Anpassung?
  • Oder die Tatsache, dass ich kaum Pausen habe?

 

Wenn People Pleasing soziale Erschöpfung verstärkt

Ein besonders wichtiger Faktor kann People Pleasing sein.

Vielleicht bist du es gewohnt, die Bedürfnisse anderer sehr schnell wahrzunehmen. Du merkst, wenn jemand sich langweilt, möchtest niemanden enttäuschen und bleibst länger, obwohl du eigentlich gehen möchtest.

Du sagst zu, obwohl du eigentlich keine Energie hast, sagst „Ja“, obwohl du „Nein“ meinst.

 

Dann kostet nicht nur die soziale Begegnung Energie. Auch die permanente Selbstanpassung kostet Kraft.

Vielleicht wäre ein Treffen für dich eigentlich nach 2 Stunden beendet. Du bleibst aber vier Stunden. Nicht, weil du noch Energie hast. Sondern weil du Angst hast, unhöflich zu wirken.

Am Ende bist du völlig erschöpft.

Hier kann ein neuer Gedanke hilfreich sein: „Ich muss nicht erst völlig leer sein, bevor ich gehen darf. Ich darf Grenzen setzen, damit es mir langfristig gut geht.“

 

Warum Grenzen bei sozialer Erschöpfung so wichtig sind

Grenzen zu setzen bedeutet nicht, Menschen abzulehnen. Es bedeutet, die eigenen Kapazitäten ernst zu nehmen.

Du darfst sagen: „Ich komme gerne, aber ich bleibe heute nicht so lange.“

Oder: „Heute schaffe ich leider kein Treffen. Ich brauche einen ruhigen Abend.“

Das kann sich am Anfang ungewohnt anfühlen und Schuldgefühle verursachen. Gerade wenn du es gewohnt bist, dich stark an anderen bzw. gesellschaftlichen Konventionen zu orientieren.

Aber deine Energie ist eine begrenzte Ressource.

Du musst sie nicht jedem Menschen jederzeit zur Verfügung stellen. Deshalb darfst du lernen, mit deiner Energie zu haushalten.

Gesunde Grenzen gegen soziale Erschöpfung bei HSP, Nicole Trojahn

 

Nicht jeder soziale Kontakt kostet gleich viel

Eine interessante Frage ist deshalb: „Welche Menschen laden meinen Akku auf – und welche Begegnungen leeren ihn?“

Vielleicht stellst du fest, dass du dich nach einem Gespräch mit deinen hochsensiblen Freunden zwar müde, aber gleichzeitig innerlich erfüllt fühlst. Nach einem Treffen mit einer bestimmten Person fühlst du dich dagegen leer, angespannt oder klein.

Das ist ein wichtiger Unterschied – und du darfst so fühlen.

Auch die Qualität einer Beziehung spielt eine Rolle. Manchmal ist nicht die soziale Interaktion an sich erschöpfend. Vielleicht ist es das Gefühl, dich verstellen zu müssen. Oder ständig aufpassen zu müssen, was du sagst, weil du es gerade mit einem toxischen Menschen zu tun hast, der alles verdreht.

Deshalb kann es hilfreich sein, nicht nur die Menge deiner Kontakte, sondern auch deren Qualität anzuschauen.

 

Soziale Erschöpfung reduzieren: 6 einfache Alltagstipps

Es geht nicht darum, dein Leben möglichst sozialarm zu gestalten. Es geht darum, soziale Kontakte so zu gestalten, dass sie zu deiner Energie passen.

 

1. Plane nicht jeden Tag voll

Wenn du weißt, dass ein Termin viel Energie kostet, plane danach bewusst etwas Ruhe ein. Ein Abend ohne weitere Verabredung kann einen großen Unterschied machen. Ständige Erreichbarkeit solltest du für eine Weile meiden (z. B. indem du dein Smartphone ausschaltest).

 

2. Begrenze die Dauer

Du musst nicht immer bis zum Ende bleiben. Eine Feier kann auch nach 2 Stunden beendet sein. Das ist kein Scheitern. Es ist Selbstfürsorge.

Und Selbstfürsorge ist für uns Hochsensible ein absolutes Must-have, damit es uns langfristig gut geht.

Tipp: Wenn du wissen möchtest, wie du immer wieder in deine Balance zurückfinden kannst, wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Selbstfürsorge für Hochsensible – 7 Routinen für den Alltag“.

 

3. Wähle kleinere Gruppen

Vielleicht stellst du fest, dass Gespräche zu zweit oder zu dritt für dich viel angenehmer sind als große Gruppen.

Dann darfst du genau solche Begegnungen häufiger wählen. Oft fällt es uns Hochsensiblen leichter, wenige, aber dafür hochwertige Kontakte zu pflegen, als viele oberflächliche.

 

4. Achte auf die Umgebung

Wenn du schnell reizüberflutet bist, kann die Umgebung einen erheblichen Unterschied machen.

Ein ruhiges Café kann angenehmer sein als eine laute Bar. Ein Spaziergang kann angenehmer sein als ein Treffen in einem vollen Raum.

Es geht nicht darum, alles zu vermeiden. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen du dich wohlfühlst.

Hinweis: Falls du trotzdem unter akuter Reizüberflutung leiden solltest, wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Nervensystem regulieren“.

 

5. Plane Übergangszeiten ein

Vielleicht brauchst du nach der Arbeit nicht sofort den nächsten Termin.

Eine halbe Stunde Ruhe zwischen 2 Verpflichtungen kann bereits helfen. Diese Übergangszeit wird oft unterschätzt. Und auch ein reizarmer Alltag kann dich dabei unterstützen, dass deine Energiereserven nicht ständig aufgebraucht werden.

 

6. Lerne deine persönlichen Warnsignale kennen

Warte nicht darauf, bis du komplett erschöpft bist.

Beobachte, was vorher passiert:

  • Wirst du unruhig?
  • Wirst du gereizt?
  • Kannst du schlechter zuhören?
  • Möchtest du plötzlich fliehen?
  • Fällt dir das Sprechen schwer?

Das sind möglicherweise Signale, dass deine Kapazität gerade abnimmt.

Je besser du dich kennst, desto eher kannst du intervenieren, um dein Nervensystem zu schonen.

Das eigene Energielevel besser wahrnehmen und soziale Erschöpfung verhindern, Nicole Trojahn

 

Was hilft nach sozialen Kontakten?

Wenn deine soziale Batterie leer ist, brauchst du möglicherweise keine weitere Beschäftigung. Vielleicht brauchst du weniger. Weniger Geräusche. Weniger Gespräche. Weniger Entscheidungen.

Was dir hilft, ist individuell.

Vielleicht sind es:

  • ein Spaziergang
  • eine warme Dusche oder ein Bad
  • Lesen
  • Musik
  • Natur
  • Schlaf
  • eine Tasse Tee
  • eine ruhige Wohnung
  • Zeit ohne Handy
  • kreative Tätigkeiten
  • einfach einmal gar nichts tun

Dabei musst du nicht die perfekte Entspannungsmethode finden.

Frag dich lieber: „Was hilft mir gerade, wieder bei mir anzukommen?“

 

Und wenn Rückzug gar nicht mehr erholsam ist?

Hier lohnt sich eine wichtige Unterscheidung.

Ein gesunder Rückzug kann wohltuend sein. Du bist gerne allein, weil dein System Ruhe braucht. Nach einiger Zeit fühlst du dich wieder aufgeladen und hast vielleicht sogar Lust auf Kontakt.

Wenn du dich dagegen dauerhaft erschöpft fühlst, dich immer weiter zurückziehst oder selbst nach ausreichend Ruhe kaum Erholung eintritt, sollte man genauer hinschauen.

Soziale Erschöpfung kann viele Ursachen haben. Nicht jede Erschöpfung lässt sich durch Hochsensibilität erklären.

Anhaltende Erschöpfung kann beispielsweise auch im Zusammenhang mit chronischer Überlastung oder Erkrankungen auftreten. Bei Burnout gehören anhaltende emotionale Erschöpfung und fehlende Erholung zu den beschriebenen Merkmalen. Aber auch der Menstruationszyklus kann manchmal mit längerfristiger Erschöpfung in Zusammenhang stehen.

Wenn du über längere Zeit stark erschöpft bist oder dein Alltag dadurch deutlich eingeschränkt wird, kann es deshalb sinnvoll sein, ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung einzubeziehen.

Das bedeutet nicht, dass mit dir etwas „nicht stimmt“.

Es bedeutet lediglich, dass du deine Erschöpfung ernst nimmst.

 

Du brauchst nicht weniger Nähe – vielleicht brauchst du passendere Nähe

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Soziale Erschöpfung bedeutet nicht automatisch, dass du weniger Beziehungen brauchst.

Vielleicht brauchst du andere Formen von Beziehung. Weniger oberflächliche Kontakte. Mehr echte Gespräche mit Tiefe. Weniger Anpassung.

Vielleicht brauchst du nicht weniger Menschen, sondern solche, bei denen du du selbst sein kannst. Menschen, bei denen du nicht ständig überlegen musst, ob du gerade „richtig“ bist.

Menschen, bei denen du sagen kannst: „Ich bin gerade müde. Ich gehe nach Hause.“

Und niemand nimmt es persönlich.

Ich persönlich finde das wirklich entscheidend. Wir brauchen soziale Kontakte, die vertrauenswürdig und liebevoll sind und eine gewisse emotionale Reife und Eigenverantwortung mitbringen. Diese Menschen sind Gold wert, denn sie nehmen uns so, wie wir sind. Bei ihnen können wir einfach wir selbst sein.

Nähe gesund gestalten für Hochsensible, Nicole Trojahn

 

Soziale Erschöpfung ist kein persönliches Versagen

Vielleicht hast du dich schon einmal gefragt: „Warum schaffen andere das alles und ich nicht?“

Warum können andere nach der Arbeit noch Freunde treffen, telefonieren, einkaufen und anschließend feiern gehen? Und warum möchtest du nach einem einzigen langen Gespräch am liebsten die Wohnungstür abschließen?

Der Vergleich hilft meistens wenig.

Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Belastungsgrenzen und unterschiedliche Arten, Reize und soziale Situationen zu verarbeiten.

Deine Aufgabe muss deshalb nicht sein, so viel auszuhalten wie andere.

Vielleicht besteht deine Aufgabe vielmehr darin, deine eigenen Grenzen früher zu erkennen. Nicht erst dann, wenn nichts mehr geht. Sondern schon bei den ersten kleinen Signalen.

 

Vielleicht darfst du dir selbst eine andere Frage stellen

Statt: „Warum bin ich nach Menschen so erschöpft?“ könntest du dich fragen: „Was genau an dieser Begegnung hat mich Energie gekostet?“

War es die Lautstärke? Hatte es mit den vielen Menschen zu tun? Oder dem Gefühl, funktionieren zu müssen? War es die fehlende Pause? Die emotionale Intensität?

Oder vielleicht sogar die Tatsache, dass du dich selbst während des Treffens kaum gespürt hast?

Je genauer du hinschaust, desto leichter kannst du etwas verändern. Auch tägliche Energiearbeit kann dich dabei unterstützen.

Und vielleicht stellst du irgendwann fest:

  • Du musst dich nicht zwischen Nähe und Rückzug entscheiden.
  • Du darfst beides haben.
  • Du darfst Menschen brauchen.
  • Und du darfst Ruhe brauchen.
  • Du darfst gesellig sein.
  • Und du darfst allein sein wollen.
  • Du darfst dich auf ein Treffen freuen.
  • Und danach erschöpft sein.

Das eine macht das andere nicht weniger wahr.

Vielleicht geht es bei einem guten Umgang mit sozialer Erschöpfung deshalb gar nicht darum, deine soziale Batterie irgendwie größer zu machen.

Es geht vielmehr darum, besser zu verstehen, wann sie leer wird – und was du brauchst, damit sie wieder aufladen kann.

 

Häufige Fragen zur sozialen Erschöpfung

Was ist soziale Erschöpfung genau?

Soziale Erschöpfung bezeichnet das Gefühl, nach sozialen Kontakten mental, emotional oder körperlich ausgelaugt zu sein und ein starkes Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug zu haben. Sie kann nach unangenehmen, aber ebenso nach schönen sozialen Begegnungen auftreten. Der Begriff beschreibt kein eigenständiges Krankheitsbild.

Warum bin ich nach sozialen Kontakten so müde?

Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Gespräche erfordern Aufmerksamkeit, Verarbeitung und Reaktion. Bei hochsensiblen Menschen können zusätzlich viele soziale, emotionale und sensorische Eindrücke gleichzeitig wahrgenommen werden. Auch Stress, Schlafmangel, ein voller Terminkalender oder ständige Anpassung können soziale Erschöpfung verstärken.

Ist soziale Erschöpfung ein Zeichen dafür, dass ich introvertiert bin?

Nicht unbedingt. Introvertiertheit und soziale Erschöpfung sind unterschiedliche Dinge. Auch extrovertierte oder sehr gesellige Menschen können nach intensiven sozialen Situationen erschöpft sein. Ebenso ist Hochsensibilität nicht dasselbe wie Introvertiertheit.

Was kann ich tun, wenn ich nach Menschen immer erschöpft bin?

Hilfreich kann sein, soziale Termine bewusster zu planen, Pausen einzuplanen, die Dauer von Treffen zu begrenzen und auf eine reizärmere Umgebung zu achten. Auch klare Grenzen können helfen. Wichtig ist außerdem, die eigenen Warnsignale kennenzulernen und nicht erst auf den völligen Energieverlust zu reagieren.

Wann sollte ich soziale Erschöpfung ernst nehmen?

Wenn die Erschöpfung dauerhaft anhält, du dich zunehmend aus deinem sozialen Leben zurückziehst oder auch nach ausreichender Ruhe kaum Erholung eintritt, lohnt sich eine genauere Betrachtung. Anhaltende Erschöpfung kann unterschiedliche Ursachen haben und muss nicht durch Hochsensibilität erklärt werden. Bei deutlicher oder länger anhaltender Belastung kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.

 

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Viele Hochsensible sind gern unter Menschen, neigen aber dazu, sich nach intensiven sozialen Kontakten erschöpft zu fühlen.

In meiner Beratung begleite ich HSP dabei, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und in der sozialen Interaktion zu berücksichtigen.

Falls auch du wissen willst, wie du soziale Erschöpfung langfristig vermeiden kannst, nimm gern Kontakt zu mir auf!

 

Sich selbst verlieren: Wenn Hochsensible sich nicht mehr spüren

Sich selbst verlieren: Wenn Hochsensible sich nicht mehr spüren

Es geschieht nicht plötzlich, dass du dich selbst verlierst. Meistens passiert es ganz leise.

Wenn du eine Nachricht bekommst und sofort darüber nachdenkst, wie du antworten musst, damit sich niemand vor den Kopf gestoßen fühlt. Wenn du eigentlich keine Kraft mehr hast, aber trotzdem zusagst, weil du schon weißt, wie enttäuscht der andere sein könnte.

Oder wenn jemand dich fragt: „Was möchtest du?“ Und du merkst, dass du darauf keine klare Antwort hast. Nicht, weil du keine Wünsche hast. Sondern weil du so lange damit beschäftigt warst, die Wünsche anderer wahrzunehmen, dass deine eigenen irgendwann leiser geworden sind.

Irgendwann fragst du dich, wann du aufgehört hast, dich selbst zu fragen, was du brauchst. In diesem Artikel erfährst du, wie du den Zugang zu dir und deinen Bedürfnissen wieder stärken kannst.

7 Anzeichen dafür, dass du dich als HSP selbst verloren hast, Nicole Trojahn

 

Wenn „Was brauchst du?“ leichter ist als „Was brauche ich?“

Vielleicht fällt es dir leicht, für andere da zu sein. Jemand erzählt dir von einem Problem – und du siehst sofort mehrere Möglichkeiten:

  • Du kannst zuhören.
  • Du kannst verstehen.
  • Du kannst verschiedene Seiten betrachten.
  • Du kannst sogar nachvollziehen, warum jemand etwas getan hat, das dich verletzt hat.

Aber dann geht es um dich:

„Soll ich bleiben oder gehen? Soll ich etwas ansprechen oder lieber warten? Ist meine Leidensfähigkeit in der Beziehung noch gesund? Brauche ich Nähe oder Abstand? Oder sage ich nur zu, weil ich Angst habe, jemanden zu enttäuschen?“

Manchmal sind es nicht einmal die großen Entscheidungen, sondern die kleinen.

Wenn du dich lange an anderen orientiert hast, können solche Fragen überraschend schwer werden. Denn du hast die Verbundenheit zu dir selbst vernachlässigt, weil du gelernt hast, immer zuerst nach außen zu schauen:

  • Was passt für alle?
  • Was braucht der andere?
  • Was wäre jetzt angemessen?
  • Was würde niemanden verletzen?

Und erst ganz am Ende kommt vielleicht die Frage: „Und was möchte ich?“

 

Anpassung beginnt oft ganz harmlos

Anpassung ist nichts Schlechtes.

Wir alle passen uns manchmal an. Wir machen Kompromisse. Wir verzichten auf etwas, weil es einem Menschen, den wir lieben, gerade wichtig ist. Wir nehmen Rücksicht. Vor allem wir Hochsensible sind gut darin, uns anzupassen – schon allein aufgrund unseres hohen Verantwortungsbewusstseins.

Anpassungsfähigkeit ist wichtig für Beziehungen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: „Passe ich mich an?“ Sondern: „Wie oft passe ich mich an, obwohl ich eigentlich etwas anderes möchte?“

Vielleicht sagst du Ja, obwohl du Nein fühlst. Du lächelst, obwohl du verletzt bist.

Du sagst: „Kein Problem.“ Obwohl es sehr wohl ein Problem ist. Einmal ist das kein großes Thema. Auch zehnmal vielleicht nicht.

Aber wenn es zu einem Muster wird, verändert sich etwas.

 

Dann ist Anpassung nicht mehr nur Rücksichtnahme: Sie wird zu einer Strategie.

  • Du passt dich an, damit niemand enttäuscht ist.
  • Du schweigst, damit es keinen Streit gibt.
  • Du gibst nach, damit die Stimmung wieder gut ist.
  • Du erklärst dich, damit niemand ein falsches Bild von dir bekommt.
  • Du gehst zu einem Treffen, obwohl du bereits unter sozialer Erschöpfung leidest.

Und irgendwann kann der Satz entstehen: „Ich weiß gar nicht mehr, was ich eigentlich selbst möchte.“

 

Wenn du so unkompliziert geworden bist, dass niemand deine Grenzen kennt

Menschen, die sich häufig anpassen, wirken oft besonders unkompliziert. Du bist flexibel, hast Verständnis, machst kein Drama. Du bist für viele Menschen angenehm.

Aber vielleicht wird genau das irgendwann zum Problem. Denn andere gewöhnen sich daran. Sie gewöhnen sich daran, dass du Verständnis hast, immer nachgibst und dich schon irgendwie arrangierst.

Und wenn du eines Tages beginnst, dich selbst ernster zu nehmen und Grenzen setzen willst, kann das irritieren:

  • „Du warst doch sonst nicht so.“
  • „Warum ist das jetzt plötzlich ein Problem?“
  • „Das hätte ich von dir nicht gedacht.“

Vielleicht bekommst du dann ein schlechtes Gewissen.

Und vielleicht fragst du dich: „Bin ich wirklich schwieriger geworden?“

 

Manchmal ist die Antwort unbequem: Du bist nicht unbedingt schwieriger geworden. Vielleicht bist du nur ehrlicher geworden.

Ich persönlich kann erst seit ein paar Jahren für mich einstehen, ohne danach ständig ein schlechtes Gewissen zu haben. Wir lernen ja alle irgendwie, dass andere immer wichtiger sind als wir selbst. Aber: Niemand ist wichtiger als du! Wir müssen uns selbst priorisieren, damit es uns langfristig gut geht.

Außenwirkung von Hochsensiblen, die sich selbst verloren haben und kaum Grenzen aufzeigen, Nicole Trojahn

 

Besonders in Beziehungen kann man sich selbst verlieren

In einer Partnerschaft kann Selbstverlust besonders leicht passieren, denn aus einem „Ich“ wird schnell ein „Wir“.

Am Anfang fühlt sich das wunderschön an:

  • Du möchtest möglichst viel Zeit miteinander verbringen.
  • Du möchtest die Welt des anderen kennenlernen.
  • Du übernimmst vielleicht Gewohnheiten.
  • Du entdeckst neue Interessen.

Das alles kann Nähe sein und dazu führen, dass gesunde Intimität entsteht.

Eine neue Liebe darf Raum einnehmen. Aber irgendwann sollte dein eigenes Leben darin nicht vollständig verschwinden.

 

Vielleicht bemerkst du irgendwann:

Du weißt genau, was dein Partner gerne macht.

Aber weißt du noch, was du gerne machst?

Du weißt, was ihn glücklich macht.

Aber weißt du noch, was dich glücklich macht?

Du kennst seine Bedürfnisse.

Aber wann hast du zuletzt über deine eigenen nachgedacht?

 

Vielleicht gibt es kaum noch Dinge, die nur dir gehören. Vielleicht triffst du Entscheidungen fast automatisch danach, was für euch beide passt. Vielleicht sagst du: „Mir ist eigentlich alles recht.“ Und meinst damit: „Ich weiß gar nicht mehr, was mir recht wäre.“

Das muss nicht bedeuten, dass deine Beziehung schlecht ist.

Aber es kann bedeuten, dass du dich selbst darin zu weit nach hinten geschoben hast.

 

Wenn Liebe mit Selbstaufgabe verwechselt wird

Vielleicht kennst du Gedanken wie: „Wenn ich ihn wirklich liebe, muss ich doch Verständnis haben.“ Oder: „Sie macht gerade so viel durch. Jetzt kann ich nicht auch noch mit meinen Bedürfnissen kommen.“

Solche Gedanken sind menschlich.

Natürlich gibt es Zeiten, in denen ein Mensch mehr Unterstützung braucht und du ihn ein bisschen „mitträgst“.

Aber irgendwann darf eine andere Frage auftauchen: „Wie lange kann ich mich selbst zurücknehmen, ohne dabei etwas Wichtiges in mir zu verlieren?“

 

Liebe bedeutet nicht, dass immer alles exakt ausgeglichen sein muss. Aber wenn einer dauerhaft trägt und der andere dauerhaft getragen wird, entsteht ein Ungleichgewicht.

Und manchmal bemerkt die Person, die immer trägt, dieses Ungleichgewicht erst sehr spät:

  • Weil sie es gewohnt ist.
  • Weil sie viel aushält.
  • Weil sie stark sein kann.
  • Weil sie die Bedürfnisse des anderen so gut versteht.

Und vielleicht auch, weil sie irgendwann vergessen hat, dass ihre eigenen Bedürfnisse genauso existieren.

Hinweis: Wenn du wissen willst, wie du lernst, deine Grenzen ernst zu nehmen, wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Bedürftigkeit stillen und Grenzen stabilisieren“.

 

Woran du merken kannst, dass du dich selbst immer weiter verlässt

Es gibt keine einfache Checkliste, mit der sich feststellen lässt, ob jemand „sich selbst verloren“ hat.

Aber bestimmte Muster können zum Nachdenken einladen.

Vielleicht kennst du einige davon:

  • Du sagst häufig Ja, obwohl dein erster Impuls eigentlich Nein war.
  • Du überlegst lange, wie andere auf deine Entscheidungen reagieren könnten.
  • Du fühlst dich schuldig, wenn du etwas nur für dich möchtest.
  • Du stellst deine Bedürfnisse zurück, sobald jemand anderes etwas braucht.
  • Du vermeidest Konflikte, obwohl dich etwas beschäftigt.
  • Du entschuldigst dich schnell, auch wenn du nicht genau weißt, wofür.
  • Du brauchst die Zustimmung anderer, um deiner eigenen Entscheidung zu vertrauen.
  • Du fühlst dich für die Stimmung anderer verantwortlich.
  • Du merkst erst sehr spät, dass dir etwas zu viel geworden ist.
  • Du hast Angst, jemanden zu enttäuschen.
  • Du fragst dich, ob du „zu empfindlich“ bist, wenn dich etwas verletzt.
  • Du fühlst dich in bestimmten Beziehungen nicht mehr ganz wie du selbst.
  • Du weißt sehr genau, was andere brauchen – aber kaum, was du selbst brauchst.

Vielleicht trifft einiges davon auf dich zu, vielleicht kaum etwas. Vieles, was du gerade gelesen hast, entspricht typischen Symptomen von Hochsensibilität.

Die Liste soll dir kein Etikett geben.

Sie soll nur eine andere Frage in dir auslösen: „Wie oft bin ich eigentlich auf meiner eigenen Seite?“

 

Wenn du deine eigenen Bedürfnisse so lange übergehst, bis du sie kaum noch wahrnimmst

Das Schwierige an Selbstübergehen ist: Man kann darin erstaunlich gut werden.

Am Anfang bemerkst du noch: „Ich bin müde.“ Dann kommt: „Aber ich kann das trotzdem machen.“ Später bemerkst du die Müdigkeit vielleicht erst, wenn dein Körper sie sehr deutlich macht.

Du funktionierst, hilfst, antwortest. Du bist ständig erreichbar und hältst durch. Und irgendwann kommt der Punkt, an dem du nur noch denkst: „Ich möchte niemanden mehr sehen.“

Vielleicht erschrickst du dann über dich selbst:

  • Warum brauche ich plötzlich so viel Abstand?
  • Warum bin ich so gereizt?
  • Warum möchte ich einfach nur allein sein?

Vielleicht ist die Antwort weniger dramatisch, als du denkst. Vielleicht hast du einfach sehr lange zu wenig Raum für dich gehabt.

 

Nicht unbedingt äußerlich. Sondern innerlich. Denn selbst wenn du für einen reizarmen Alltag sorgst und Zeit für dich allein einplanst, kann dein Kopf noch bei anderen Menschen sein:

  • Was denkt er?
  • Wie geht es ihr?
  • Habe ich etwas falsch gemacht?
  • Was braucht meine Familie?
  • Wem muss ich noch antworten?

Allein zu sein bedeutet nicht automatisch, bei sich zu sein.

Tipp: Es ist sinnvoll, dich immer wieder aus dem Alltag zu nehmen und deinen Energietank aufzuladen. Wirf dazu gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Selbstfürsorge für Hochsensible – 7 Routinen für den Alltag“.

 

People Pleasing ist nicht dasselbe wie Freundlichkeit

Vielleicht kennst du den Begriff People Pleasing.

Gemeint ist damit vereinfacht ein starkes Bedürfnis, es anderen recht zu machen und möglichst zu verhindern, dass jemand enttäuscht, verärgert oder unzufrieden mit dir ist.

Aber nicht jedes freundliche Verhalten ist People Pleasing. Und nicht jeder Mensch, der gerne hilft, verliert sich selbst.

Die interessantere Frage lautet: Was passiert in dir, wenn jemand enttäuscht von dir ist?

  • Kannst du es aushalten?
  • Oder entsteht sofort der Drang, etwas zu reparieren?
  • Möchtest du deine Entscheidung erklären?
  • Entschuldigst du dich?
  • Nimmst du dein Nein zurück?
  • Versuchst du, die Gefühle des anderen wieder ins Gleichgewicht zu bringen?

Genau dort liegt eine wichtige Grenze.

Du darfst empathisch sein. Aber Empathie bedeutet nicht, für die Gefühle anderer verantwortlich zu sein.

3 Gründe, warum Hochsensible oft Angst haben, jemanden zu enttäuschen, Nicole Trojahn

 

Du darfst jemanden enttäuschen, ohne etwas falsch gemacht zu haben

Das kann einer der schwierigsten Gedanken sein.

Wenn du sehr feinfühlig bist, kann es sich unangenehm anfühlen, einen anderen Menschen leiden zu sehen. Vor allem dann, wenn du glaubst: „Ich habe dieses Gefühl verursacht.“

Aber 2 Dinge können gleichzeitig wahr sein:

  • Du kannst jemanden enttäuschen. Und du kannst trotzdem nichts Falsches getan haben.
  • Du kannst Nein sagen. Der andere kann traurig sein.
  • Du kannst eine Grenze setzen. Der andere kann sie nicht verstehen.
  • Du kannst eine andere Meinung haben. Der andere kann sich darüber ärgern.

Das bedeutet nicht automatisch, dass du lieblos bist und dich mit Schamgefühlen herumplagen musst. Es bedeutet zunächst nur, dass du ein eigenständiger Mensch bist. Und der andere ist es auch.

 

Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Aufgaben in Beziehungen: Die Gefühle des anderen wahrzunehmen, ohne sie automatisch zu deiner Verantwortung zu machen.

Hinweis: Hochsensible, die wieder Zugang zu ihren Bedürfnissen erhalten, können erst mal mit Wut zu tun haben. Wut, die sich entwickelt hat, weil Grenzen viel zu oft übertreten worden sind. In meinem kostenfreien PDF „Hochsensibilität und Wut – Gesund mit Wut umgehen“ erfährst du, wie diese Emotion zu einer wertvollen Ressource für dich wird.

 

3 Fragen, mit denen du wieder Kontakt zu dir aufnehmen kannst

Du musst nicht sofort dein ganzes Leben verändern.

Vielleicht beginnt der Weg viel kleiner – indem du dich wieder häufiger selbst fragst, was in dir eigentlich passiert.

 

1. Was würde ich wollen, wenn ich niemanden enttäuschen könnte?

Diese Frage kann überraschend viel sichtbar machen.

Vielleicht würdest du genau das tun, was du ohnehin vorhattest. Vielleicht würdest du aber auch etwas anderes wählen:

  • Absagen.
  • Etwas ansprechen.
  • Mehr Abstand nehmen.
  • Eine Beziehung anders gestalten.
  • Dir etwas erlauben.

Die Antwort muss nicht automatisch deine Entscheidungsfindung beeinflussen.

Aber sie kann dir zeigen, was dein eigener Wunsch überhaupt ist.

 

2. Was fühle ich gerade – bevor ich es erkläre?

Gerade wenn du viel reflektierst, kann es passieren, dass du sofort deine Gefühle analysierst:

  • „Dafür gibt es doch keinen Grund.“
  • „Das ist bestimmt nur meine Hochsensibilität.“
  • „Ich bin wahrscheinlich einfach müde.“
  • „Die andere Person kann ja nichts dafür.“

Vielleicht stimmt das alles.

Aber bevor du dein Gefühl erklärst, darfst du es erst einmal wahrnehmen.

Bin ich traurig? Bin ich wütend? Bin ich überfordert? Bin ich verletzt? Bin ich erleichtert? Bin ich gelangweilt? Bin ich vielleicht sogar glücklich?

Du musst dein Gefühl nicht sofort rechtfertigen.

Ein Gefühl darf zunächst einmal existieren.

Unterschiede zwischen Gefühle fühlen und Gefühle denken, Nicole Trojahn

 

3. Wo sage ich Ja, obwohl ich Nein meine?

Vielleicht gibt es in deinem Alltag bestimmte Situationen, in denen dieses Muster immer wieder auftaucht, z. B. in der Familie, Partnerschaft oder bei deinen hochsensiblen Freunden.

Vielleicht auch bei ganz kleinen Dingen.

Frag dich nicht: „Warum setze ich mich nicht durch?“ Frag dich lieber: „Warum sage ich hier Ja?“ Ist es echte Zustimmung? Oder Angst? Schuldgefühl? Gewohnheit? Harmoniebedürfnis?

Vielleicht findest du dadurch genau den Punkt, an dem du dich selbst immer wieder verlässt.

Ich persönlich merke, dass ich meine Grenzen überschritten habe, wenn ich körperliche Symptome bekomme (z. B. ein Kloßgefühl im Hals, gereizter Magen-Darm-Bereich). Du solltest dich nicht verurteilen, wenn du bemerkst, dass du gerade deine eigene Grenze überschritten hast, um jemandem einen Gefallen zu tun. Versuche, es so wertfrei wie möglich wahrzunehmen und überlege dir, wie du anschließend wieder in Frieden mit dir kommen kannst. Das Gute an der Situation ist: Du hast Erkenntnisse darüber erhalten, wo genau deine Grenze verläuft und wie dein Körper Grenzverletzungen anzeigt.

 

Sich selbst wiederfinden bedeutet nicht, plötzlich nur noch an sich zu denken

Vielleicht macht dir genau das Angst: „Was passiert, wenn ich mehr auf mich achte? Werde ich egoistisch und rücksichtslos? Gelte ich plötzlich als unnahbar und schwierig?“

Zwischen Selbstaufgabe und Egoismus liegt sehr viel Raum.

Du musst nicht immer deine eigenen Bedürfnisse an die erste Stelle setzen. Aber sie dürfen überhaupt vorkommen und sollten ausreichend Priorität haben:

  • Wenn du eine Entscheidung triffst, dürfen deine Bedürfnisse Teil dieser Entscheidung sein.
  • Wenn du einen Menschen liebst, darfst du trotzdem Grenzen haben.
  • Wenn du jemandem helfen möchtest, darfst du vorher prüfen, ob du überhaupt die Kraft dafür hast.
  • Wenn du Nein sagst, darf dein Nein bestehen bleiben.

Und wenn jemand enttäuscht ist, darf diese Enttäuschung existieren. Du musst sie nicht sofort beseitigen.

Sich selbst treu bleiben und so oft wie möglich authentisch sein – das ist es, worum es geht.

 

Sätze, mit denen du anfangen kannst, Grenzen zu setzen

Manchmal wissen wir sehr genau, dass wir eine Grenze brauchen – wir wissen nur nicht, wie wir sie aussprechen sollen.

Vielleicht helfen einfache Sätze wie:

  • „Ich möchte darüber gerade nicht sprechen.“
  • „Ich brauche etwas Zeit, bevor ich dir eine Antwort geben kann.“
  • „Heute habe ich keine Energie dafür.“
  • „Ich sehe das anders.“
  • „Das möchte ich nicht.“
  • „Ich brauche heute Zeit für mich.“
  • „Ich verstehe, dass du enttäuscht bist. Trotzdem möchte ich bei meiner Entscheidung bleiben.“

Du musst diese Sätze nicht wortwörtlich verwenden. Bestimmt findest du deine eigenen Worte.

Wichtig ist nicht, besonders selbstbewusst zu klingen. Wichtig ist, ehrlich zu sein.

 

Eine Grenze kann sich falsch anfühlen und trotzdem richtig für dich sein

Vielleicht hast du bisher gedacht: „Wenn sich mein Nein schlecht anfühlt, war es wahrscheinlich falsch.“

Aber das muss nicht stimmen. Wenn du dich lange angepasst hast, kann eine Grenze zunächst ungewohnt sein. Manchmal stellen sich dann Schuldgefühle, Angst und Unruhe ein.

Das bedeutet nicht automatisch, dass deine Grenze falsch ist. Es bedeutet nur: Du machst gerade etwas anders als bisher. Und genau das kann sich zunächst unangenehm anfühlen.

Nicht jedes schlechte Gefühl ist ein Beweis dafür, dass du etwas falsch gemacht hast. Manchmal ist es einfach das Gefühl von Veränderung.

Sich selbst verlieren: so lernst du, noch besser für dich und deine Hochsensibilität einzustehen, Nicole Trojahn

Wenn andere deine Veränderung nicht verstehen

Wahrscheinlich werden Menschen überrascht sein, wenn du dich veränderst. Vielleicht sagt jemand: „Du bist irgendwie anders geworden.“ Und vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht hast du früher schneller Ja gesagt, mehr ausgehalten, deine eigenen Bedürfnisse stärker zurückgestellt.

Das bedeutet nicht, dass dein früheres Ich falsch war. Es hat damals einfach versucht, auf die Weise zurechtzukommen, die ihm zur Verfügung stand.

Du darfst dich verändern. Und andere Menschen dürfen darauf reagieren.

Nicht jede negative Reaktion bedeutet automatisch, dass deine Grenze richtig ist. Manchmal kann eine Grenze unklar formuliert sein, dann könnt ihr darüber sprechen.

Aber eines bleibt wichtig: Die Enttäuschung eines anderen Menschen ist nicht automatisch ein Auftrag an dich, wieder so zu werden wie früher.

 

Vielleicht bist du nicht zu sensibel – vielleicht hast du dich zu lange selbst übergangen

Manchmal suchen wir die Erklärung an der falschen Stelle.

Gerade wir Hochsensiblen denken oft:

  • „Ich bin zu empfindlich.“
  • „Ich denke zu viel.“
  • „Ich mache mir zu viele Gedanken.“
  • „Ich muss härter werden.“

Ich glaube, du musst gar nicht härter werden.

Vielleicht darfst du stattdessen lernen, deine eigene Wahrnehmung wieder ernst zu nehmen:

  • Wenn du erschöpft bist, darfst du erschöpft sein.
  • Wenn dir etwas weh tut, darf es weh tun.
  • Wenn du Ruhe brauchst, darfst du Ruhe brauchen.
  • Wenn du jemanden gerade nicht sehen möchtest, darfst du das zunächst einmal wahrnehmen.

Das bedeutet nicht, dass jedes Gefühl automatisch eine Handlungsanweisung ist. Aber du musst es auch nicht sofort wegdiskutieren.

Du darfst lernen, zwischen diesen beiden Dingen zu unterscheiden: „Ich fühle etwas.“ Und „Ich muss deshalb sofort etwas tun.“ Dazwischen liegt ein großer Raum. Und in diesem Raum kannst du wieder anfangen, dich selbst zu hören.

 

Hinweis: Um die Verbundenheit zu dir selbst zu stärken, hilft es, deinen Alltag so entspannt wie möglich zu gestalten. Wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Reizarme Alltagsgestaltung für Menschen mit Hochsensibilität“.

 

Unter der Anpassung steckt manchmal die Angst, nicht mehr geliebt zu werden

Vielleicht liegt unter all dem noch etwas Tieferes: Die Angst, dass Menschen dich nicht mehr lieben, wenn du dich wirklich zeigst – mit deinen Bedürfnissen, Grenzen und Facetten. Wenn du nicht mehr immer verfügbar bist. Wenn du nicht mehr die unkomplizierte Version deiner selbst bist.

Vielleicht steckt dahinter eine Frage wie: „Bin ich auch dann noch liebenswert, wenn ich nicht das tue, was andere von mir erwarten?“

Das ist keine kleine Frage. Sie lässt sich auch nicht einfach mit einem beruhigenden Satz beantworten. Denn wir alle erleben Ablehnung. Wir alle erleben Menschen, die mit bestimmten Seiten von uns nicht umgehen können.

Und manchmal gehen Beziehungen auseinander.

Authentisch zu sein bedeutet deshalb nicht, dass jeder dich plötzlich verstehen wird. Vielleicht bedeutet es eher: Du hörst auf, dich selbst so stark zu verändern, nur damit niemand einen Grund hat, dich abzulehnen.

Denn irgendwann stellt sich eine andere Frage: „Was bleibt von mir übrig, wenn ich mich ständig so verändere, dass es für alle anderen passt?“

 

Hinweis: Wenn du zum Thema „sich selbst verlieren“ eine berührende Geschichte lesen möchtest, dann wirf gern einen Blick in „Mavie und ich: Eine Geschichte übers Verlieren und Wiederfinden“. Ich habe sie selbst geschrieben und darin meine Erfahrungen verarbeitet.

 

Du musst nicht immer genau wissen, wer du bist

Vielleicht setzt du dich zusätzlich unter Druck, weil du denkst: „Ich muss doch wissen, was ich will.“

Wenn du dich lange an anderen orientiert hast, ist es nicht ungewöhnlich, dass deine eigenen Wünsche zunächst undeutlich sind. Es braucht Zeit, Neugier und Selbstmitgefühl, um herauszufinden, was du möchtest.

Vielleicht merkst du erst durch ein Nein, dass du eigentlich Ja sagen wolltest. Vielleicht merkst du erst durch ein Ja, dass es eigentlich ein Nein war. Auch das gehört dazu.

Du musst irgendwann nicht die perfekte Antwort auf die Frage kennen: „Wer bin ich?“ Wir sind alle immer im Wandel – unsere Persönlichkeit entwickelt sich ständig weiter.

Es geht um etwas viel Einfacheres: „Bin ich heute ehrlich mit mir?“

Heute möchtest du vielleicht Ruhe, morgen Gesellschaft, übermorgen Abstand – das ist OK. Bedürfnisse ändern sich.

Sich selbst treu zu bleiben bedeutet nicht, immer derselbe Mensch zu sein. Es bedeutet, ehrlich mit dem Menschen zu sein, der du gerade bist.

Übung für Hochsensible: Sich selbst besser kennenlernen, Nicole Trojahn

 

Vielleicht musst du dich gar nicht wiederfinden

Wenn du das Gefühl hast, dich selbst verloren zu haben, entsteht leicht ein bestimmter Gedanke: „Ich muss mich wiederfinden.“

Als wäre irgendwo ein altes Ich verschwunden, das du nur suchen müsstest. Aber vielleicht ist es gar nicht weg, sondern nur sehr leise geworden.

Unter Erwartungen, Rollen, zu viel Anpassung und all den Gedanken darüber, was richtig wäre.

 

Vielleicht hast du so oft gefragt:

  • „Was braucht er?“
  • „Was braucht sie?“
  • „Was erwarten sie von mir?“
  • „Was ist jetzt angemessen?“
  • „Was kann ich tun, damit es allen gut geht?“

Dass eine andere Frage irgendwann ungewohnt geworden ist: „Was brauche ich?“

Vielleicht musst du dich deshalb gar nicht neu erfinden. Vielleicht musst du nur wieder anfangen, dich selbst zu fragen.

Tipp: Wenn du wissen willst, wie schwierige Erfahrungen dazu führen, dass wir den Zugang zu uns selbst verlieren, schau gern in meinen kostenfreien PDF „Der Mensch als Schichtmodell – Warum Entwicklung in Spiralen erfolgt“.

 

Du darfst andere verstehen, ohne dich selbst zu verlassen

Vielleicht möchtest du deine Feinfühligkeit gar nicht verlieren. Und das musst du auch nicht. Du darfst weiterhin spüren, wenn jemand traurig ist. Du darfst Verständnis haben, helfen, Rücksicht nehmen. Du darfst deine Energiesensibilität leben.

Die Frage ist nur: Kannst du all das tun, ohne dich selbst dabei zu verlieren?

  • Kannst du merken, dass dein Partner einen schlechten Tag hat, ohne automatisch dafür verantwortlich zu werden?
  • Kannst du verstehen, warum deine Freundin gerade schwierig reagiert, ohne deine eigene Verletzung deshalb für ungültig zu erklären?
  • Kannst du die Bedürfnisse deiner Familie sehen, ohne deine eigenen ständig nach hinten zu stellen?

Vielleicht ist genau das die Form von Abgrenzung, die du brauchst: Nicht weniger Empathie, sondern mehr Selbstkontakt.

 

Du musst dich nicht verlieren, um geliebt zu werden

Wahrscheinlich ist das eine der schwierigsten Erkenntnisse: Liebe sollte nicht davon abhängen, wie viel du aushältst.

Du musst nicht die unkomplizierteste Version deiner selbst sein, um liebenswert zu sein.

Du darfst sagen: „Das möchte ich nicht.“ Und ja – du darfst sogar jemanden enttäuschen.

Nicht, weil dir der andere egal ist, sondern weil du selbst auch jemand bist. Jemand, dessen Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen zählen.

Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Beziehungen noch tiefer und verlässlicher anfühlen, wenn wir uns trauen, ehrlich mit uns und unserem Gegenüber zu sein. Denn wie sollen wir uns bei einer anderen Person sicher fühlen, wenn wir nicht wir selbst sein können? Nur, wenn wir uns wirklich zeigen, können wahrhaftige Verbundenheit und echtes Vertrauen entstehen.

 

Der Weg zurück zu dir beginnt vielleicht ganz klein

Sich selbst zu verlieren ist selten eine einzige große Entscheidung – es sind oft viele kleine Momente der Anpassung, in denen du dein Nein nicht ausgesprochen und deine Wünsche zurückgestellt hast.

Viele Situationen, in denen du dachtest: „Es ist schon okay.“ Bis du irgendwann nicht mehr weißt, ob es wirklich okay ist.

Der Weg zurück kann deshalb ganz behutsam starten.

Mit einem ehrlichen: „Eigentlich möchte ich das nicht.“, „Ich brauche heute Zeit für mich.“, „Ich muss darüber erst nachdenken.“

Du musst nicht sofort wissen, was du willst. Du musst nicht plötzlich alle Grenzen perfekt setzen.

Vielleicht reicht es zunächst, wieder hinzuhören. Denn vielleicht bedeutet Authentizität gar nicht, immer genau zu wissen, wer man ist. Vielleicht bedeutet sie, ehrlich genug mit sich selbst zu sein, um immer wieder hinzuhören.

Und vielleicht stellst du irgendwann fest: Du hast dich gar nicht vollständig verloren. Du warst die ganze Zeit da. Du hast dich nur sehr lange selbst überhört.

 

Hinweis: Wenn du wissen willst, wie du die Verbundenheit zu dir und deinem Körper weiter stärken kannst, wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Körperarbeit für Hochsensible – Signale des Körpers verstehen“.

4 Anzeichen dafür, dass du als Hochsensibker gut mit dir selbst verbunden bist, Nicole Trojahn

Häufige Fragen (FAQ) zum Thema sich selbst verlieren

Was bedeutet es, sich selbst zu verlieren?

Sich selbst zu verlieren kann bedeuten, dass die eigenen Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche immer stärker hinter denen anderer zurücktreten. Man richtet sich häufig danach, was andere brauchen, erwarten oder fühlen, und verliert dadurch den Kontakt zur eigenen Wahrnehmung. Besonders auffällig kann das werden, wenn es schwerfällt, eigene Wünsche zu erkennen oder Nein zu sagen.

Warum verlieren sich hochsensible Menschen manchmal selbst?

Hochsensible Menschen nehmen häufig besonders viele Reize, Stimmungen und zwischenmenschliche Veränderungen wahr. Dadurch kann es leicht passieren, dass die Aufmerksamkeit stark auf andere gerichtet ist. Wenn jemand ständig spürt, wie es anderen geht, kann die eigene Wahrnehmung dabei in den Hintergrund geraten. Hochsensibilität bedeutet jedoch nicht automatisch, dass man sich selbst verliert. Entscheidend ist vielmehr, wie man mit der eigenen Sensibilität und den eigenen Grenzen umgeht.

Woran erkenne ich, dass ich mich selbst zu stark an andere anpasse?

Mögliche Hinweise sind, dass du häufig Ja sagst, obwohl du eigentlich Nein möchtest, dich für die Gefühle anderer verantwortlich fühlst oder Entscheidungen stark davon abhängig machst, wie andere darauf reagieren könnten. Auch Schuldgefühle bei eigenen Bedürfnissen, Konfliktvermeidung und die Frage „Was möchte ich eigentlich?“ können darauf hinweisen, dass du dich selbst zu wenig berücksichtigst.

Wie kann ich wieder lernen, meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen?

Du kannst zunächst mit kleinen Fragen beginnen: Was fühle ich gerade? Was brauche ich? Was würde ich wollen, wenn ich niemanden enttäuschen müsste? Hilfreich kann auch sein, bewusster auf Situationen zu achten, in denen du automatisch Ja sagst, obwohl du eigentlich Nein meinst. Es geht dabei nicht darum, nur noch die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen, sondern wieder einen gleichwertigen Platz für die eigene Wahrnehmung zu schaffen.

Ist es egoistisch, Grenzen zu setzen und Nein zu sagen?

Nein zu sagen ist nicht automatisch egoistisch. Eine gesunde Grenze bedeutet zunächst, die eigenen Bedürfnisse, Kräfte und persönlichen Grenzen ernst zu nehmen. Du kannst Rücksicht auf andere nehmen und gleichzeitig Rücksicht auf dich selbst nehmen. Gerade wenn du dich bisher häufig angepasst hast, kann sich das Setzen von Grenzen zunächst ungewohnt oder sogar mit Schuldgefühlen verbunden anfühlen. Das allein bedeutet jedoch nicht, dass die Grenze falsch ist.

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Viele Hochsensible haben sich so lange angepasst, dass sie sich irgendwann selbst verloren haben.

In meiner Beratung begleite ich HSP dabei, sich wieder mit ihren Bedürfnissen und Wünschen zu verbinden, Grenzen setzen zu lernen und für sich einzustehen.

Falls auch du dabei eine Begleitung suchst, nimm gern Kontakt zu mir auf.

 

Wie viel Leidensfähigkeit braucht die Liebe?

Wie viel Leidensfähigkeit braucht die Liebe?

Vielleicht findest du diese Frage zunächst irritierend. Liebe soll doch schön sein. Sie soll Geborgenheit schenken, Nähe schaffen und uns das Gefühl geben, mit einem Menschen wirklich verbunden zu sein. Was hat Leidensfähigkeit damit zu tun?

Wir kennen wahrscheinlich alle Momente, in denen Liebe etwas von uns verlangt, das nicht leicht ist. Die Bereitschaft, während eines Konflikts nicht sofort aufzugeben. Die Fähigkeit, mit Enttäuschungen umzugehen. Oder die Kraft, eine Zeit auszuhalten, in der wir nicht wissen, wie es mit einer Beziehung weitergeht.

Vielleicht braucht Liebe also tatsächlich ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit. Wie du deine Leidensfähigkeit stärkst und herausfindest, ob sie in deiner Beziehung überhaupt angebracht ist, erfährst du jetzt.

Was ist Leidensfähigkeit bei hochsensiblen Menschen, Nicole Trojahn

 

Was bedeutet Leidensfähigkeit?

Leidensfähigkeit klingt zunächst nach etwas Negativem. Nach Schmerz. Nach Durchhalten. Nach einer Situation, die man irgendwie überstehen muss.

Doch Leidensfähigkeit ist nicht zwangsläufig etwas Schlechtes.

Sie beschreibt zunächst die Fähigkeit, schwierige, schmerzhafte oder belastende Erfahrungen auszuhalten, ohne ihnen sofort ausweichen zu müssen. Sie ist auch die Fähigkeit, sich nach einer schmerzhaften Erfahrung wieder emotional öffnen zu können.

Und diese Fähigkeit brauchen wir im Leben, denn:

  • Wir können nicht verhindern, dass Menschen uns enttäuschen.
  • Wir können nicht verhindern, dass Beziehungen Krisen erleben.
  • Wir können nicht verhindern, dass ein geliebter Mensch sich verändert.
  • Wir können nicht verhindern, dass wir selbst manchmal Fehler machen.

Wer bei jeder unangenehmen Erfahrung sofort davonläuft, wird Schwierigkeiten haben, tiefe Beziehungen aufzubauen. Denn Intimität, Nähe und Liebe machen verletzlich. Und Verletzlichkeit bedeutet, dass auch Schmerz möglich wird.

Überhaupt ist Verletzlichkeit wichtig, um Liebe erfahren zu können.

Deshalb ist eine gewisse Leidensfähigkeit durchaus eine emotionale Ressource. Nur wer das Risiko eingeht, sich verletzlich zu zeigen und ein gewisses Maß an Leid auszuhalten, hat die Chance auf eine wachsende, tragfähige Verbundenheit.

Aber natürlich hat Leidensfähigkeit Grenzen: Nur weil du etwas aushalten kannst, heißt das nicht, dass du es aushalten musst.

 

Die paradoxe Wahrheit über Leidensfähigkeit

Vielleicht liegt genau hier die interessanteste Seite des Themas. Es gibt nämlich zwei Arten, wie Leidensfähigkeit problematisch werden kann.

Die eine besteht darin, zu wenig auszuhalten:

  • Jemand wird enttäuscht und beendet sofort die Beziehung.
  • Ein Konflikt entsteht und die Person zieht sich zurück.
  • Der Partner hat eine schwierige Phase und plötzlich wird die ganze Liebe infrage gestellt.

Hier fehlt möglicherweise die Fähigkeit, normale Frustration und Beziehungskrisen auszuhalten. Ein Grund für geringe Leidensfähigkeit bei HSP könnte z. B. innere Bindungsangst sein, die sich durch frühe Verlusterfahrungen und Traumata gebildet hat.

Hinweis: Wenn du mehr zu diesen Themen wissen möchtest, dann schau gern in meinem kostenfreien PDF „Trauma und Hochsensibilität – Entwicklung und Heilung von Traumata“ und ins PDF „Angst vor Nähe – Bindungsvermeider verstehen“ hinein.

 

Die andere Seite ist das Gegenteil: zu viel auszuhalten.

  • Jemand wird immer wieder verletzt.
  • Die eigenen Bedürfnisse werden immer wieder zurückgestellt.
  • Von dir gesetzte Grenzen werden überschritten.
  • Versprechen werden gebrochen.

Trotzdem bleibt die Person. Sie verzeiht. Sie versteht. Sie hofft. Sie wartet.

Und sagt sich:

  • „Ich liebe ihn doch.“
  • „Ich muss geduldiger sein.“
  • „Ich darf nicht so schnell aufgeben.“
  • „Vielleicht wird es irgendwann besser.“

Hier wird Leidensfähigkeit nicht mehr zur Stärke. Sie kann zur Selbstaufgabe werden. Viele Hochsensible neigen dazu, ihre Grenzen und Bedürfnisse zu vernachlässigen, um an Beziehungen festzuhalten, die ihnen langfristig schaden – bis sie sich selbst verlieren.

Das geduldige Aushalten toxischer Dynamiken kann ebenfalls mit Kindheitswunden in Zusammenhang stehen – vor allem dann, wenn wir hoffen, in der Partnerschaft doch noch das zu bekommen, was uns in der Kindheit verwehrt geblieben ist.

Tipp: In meinem kostenfreien PDF „Bedürftigkeit stillen und Grenzen stabilisieren“ erfährst du, wie du dir selbst Halt gibst. Schau dazu auch gern in meinem Artikel „Sich selbst Geborgenheit geben“ vorbei.

Zwischen diesen beiden Polen liegt etwas, das wir vielleicht als emotionale Reife bezeichnen könnten: die Fähigkeit zu erkennen, was es wert ist, ausgehalten zu werden – und was nicht.

 

Was hat Hochsensibilität damit zu tun?

Viele hochsensible Menschen können sehr aufmerksam auf andere eingehen. Sie nehmen aufgrund ihrer hohen Energiesensibilität Bedürfnisse wahr, bevor diese ausgesprochen werden. Sie hören nicht nur die Worte, sondern auch die Zwischentöne.

Gerade in einer Partnerschaft kann das wunderschön sein.

Aber es hat auch eine Schattenseite. Denn wenn du die Gefühle anderer sehr genau wahrnimmst, kann es passieren, dass du dich für diese Gefühle verantwortlich fühlst.

Und dann beginnt ein gefährlicher Gedankengang: „Wenn es meinem Partner schlecht geht, muss ich etwas tun.“

Genau dieser Gedankengang kann Hochsensible lang in Beziehungen halten – vor allem zu toxischen Menschen oder Menschen in der Opferrolle – und ihre Leidensfähigkeit unnötig strapazieren.

4 Gründe, warum HSP oft an ungesunden Beziehungen festhalten, Nicole Trojahn

 

Wenn Empathie zur Überverantwortung wird

Vielleicht kennst du das:

Dein Partner ist schlecht gelaunt. Du fragst dich sofort, ob du etwas falsch gemacht hast. Er zieht sich zurück. Du versuchst herauszufinden, was passiert ist. Er ist enttäuscht. Du bekommst ein schlechtes Gewissen. Er ist wütend. Du möchtest die Situation möglichst schnell wieder beruhigen.

Vielleicht merkst du dabei gar nicht, wie viel Energie du darauf verwendest, die emotionalen Zustände eines anderen Menschen zu regulieren.

Das kann gerade für hochsensible Menschen mit hohem Verantwortungsbewusstsein sehr anstrengend sein.

 

Denn Empathie bedeutet nicht, dass du für die Gefühle anderer verantwortlich bist.

Du darfst mitfühlen, zuhören, unterstützen.

Aber du musst nicht verhindern, dass dein Partner traurig, enttäuscht oder unzufrieden ist. Dein Partner ist erwachsen und selbst für die Regulation seiner Gefühle verantwortlich.

Während du also bemerkst, dass dein Partner mit unangenehmen Gefühlen zu tun hat, bleibst du bei dir. Wenn du das nicht gut kannst, sondern immer intervenieren möchtest, dann schadest du dir selbst.

 

Wenn du ständig versuchst, deinen Partner zu regulieren:

  • verlierst du den Zugang zu deinen Bedürfnissen und Grenzen
  • nimmst du deinem Partner die Chance, sich selbst zu regulieren und innerlich zu wachsen
  • sorgst du dafür, dass eine Dysbalance in der Beziehung entsteht: Du regulierst, der andere lässt sich regulieren. Das erzeugt ein Machtgefälle.
  • wirst du irgendwann erschöpft und ausgebrannt sein

Und vielleicht denkst du: „Es geht ja noch. Ich halte das schon aus.“

Gesunde Leidensfähigkeit sollte aber nicht dazu führen, dass wir unseren eigenen Schmerz irgendwann für normal halten. Leider geschieht das häufig bei Menschen, die selbst nicht ganz einschätzen können, ob sie hochsensibel oder traumatisiert sind.

Gerade wir Hochsensible sind von genug emotionalen Stressoren umgeben (Ungerechtigkeit, Unbewusstheit etc.). Deshalb sollten wir doch wenigstens im Privatleben dafür sorgen, dass wir Partnerschaften führen, in denen jeder seine emotionale Eigenverantwortung trägt.

 

Liebe braucht Frustrationstoleranz

Trotzdem wäre es zu einfach, jetzt zu sagen: „Leidensfähigkeit ist schlecht. Sobald etwas anstrengend ist, sollte ich die Beziehung verlassen.“

Denn das stimmt ebenfalls nicht. Eine tragfähige Beziehung braucht die Fähigkeit, Frustration auszuhalten.

  • Dein Partner wird dich enttäuschen.
  • Du wirst ihn enttäuschen.
  • Ihr werdet unterschiedliche Bedürfnisse haben.
  • Manchmal möchtest du Nähe und er braucht Abstand.
  • Manchmal möchte er reden und du brauchst Ruhe.
  • Manchmal hast du recht.
  • Manchmal hat er recht.
  • Und manchmal gibt es überhaupt keine eindeutige Antwort.

Wenn wir solche Situation nicht aushalten können, wird Beziehung schwierig.

Liebe braucht deshalb ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz, emotionaler Belastbarkeit und Konfliktfähigkeit. Und Liebe braucht Mut, um Verletzlichkeit zuzulassen – andernfalls kann überhaupt keine emotionale Verbundenheit entstehen.

Aber diese Fähigkeiten dienen der Beziehung. Sie dürfen nicht gegen dich eingesetzt werden.

 

Was ist der Unterschied zwischen gesundem Aushalten und Selbstaufgabe in der Beziehung?

Vielleicht kannst du dir zwei Sätze anschauen.

„Ich halte diese schwierige Phase mit dir aus.“ und „Ich halte dich aus.“

Der erste Satz enthält Verbundenheit. Offensichtlich gibt es gerade eine Krise, an der ihr gemeinsam arbeitet, weil euch eure Beziehung wichtig ist. Der zweite klingt bereits nach Erschöpfung – weil du deinen Partner als Belastung wahrnimmst.

Vielleicht liegt genau darin die Grenze.

 

Aushalten kann bedeuten:

  • „Ich bleibe im Gespräch.“
  • „Ich gebe uns Zeit, weil ich weiß, dass wir beide daran arbeiten.“
  • „Ich akzeptiere, dass du gerade Schwierigkeiten hast, die du bereits zu lösen versuchst.“
  • „Ich versuche, dich zu verstehen.“
  • „Ich bin nicht sofort weg, wenn es schwierig wird.“

 

Selbstaufgabe bedeutet dagegen:

  • „Ich stelle meine Bedürfnisse dauerhaft zurück, weil ich dich nicht verlieren will.“
  • „Ich akzeptiere Verhalten, das mich permanent verletzt.“
  • „Ich ignoriere meine Grenzen, damit du bekommst, was du willst.“
  • „Ich hoffe ständig auf Veränderung.“
  • „Ich verliere mich selbst, damit die Beziehung bestehen bleibt.“

 

Liebe braucht das erste. Sie braucht nicht das zweite.

Ich weiß, es ist manchmal nicht ganz leicht, den Unterschied festzustellen. Und ich finde es auch gar nicht schlimm, mal eine Weile auszuhalten, wenn der Partner eine schwierige Phase hat. Das Leben ist ja immer herausfordernd und es ist auch OK, eine Weile lang emotionale Stütze zu sein.

Frage dich einfach öfter mal: Hast du überwiegend das Gefühl, dass ihr als Team an eurer Beziehung arbeitet (dann ist Leidensfähigkeit angebracht)? Oder eher den Eindruck, dass du dauerhaft Dinge ertragen musst, die dir nicht guttun (dann macht deine Leidensfähigkeit nicht viel Sinn)?

Tipp: Schau auch gern mal, inwieweit dein Partner deine eigenen Themen triggert. Manchmal leiden wir auch deshalb in Beziehungen, weil der Partner Spiegel unserer eigenen Wunden und Muster ist.

3 Anzeichen für Selbstaufgabe in Beziehungen - wenn Leidensfähigkeit ungesund ist, Nicole Trojahn

 

Warum gerade hochsensible Menschen manchmal zu lange bleiben

Wenn du sehr empathisch bist, kann es schwer sein, einen Menschen loszulassen, dessen Verhalten dir eigentlich schadet.

Denn du siehst vielleicht seine ganze Geschichte:

  • Du weißt, dass er selbst verletzt wurde.
  • Du kennst seine Ängste (z. B. Angst, nicht gut genug zu sein).
  • Du verstehst seine Unsicherheit.
  • Du weißt, dass er es vielleicht nicht böse meint.

Und plötzlich scheint dein eigenes Leiden weniger wichtig.

„Er kann ja nichts dafür. Er hat es selbst schwer. Ich muss Verständnis haben.“

Natürlich dürfen wir Verständnis haben. Aber Verständnis und Grenze schließen einander nicht aus.

Du kannst sagen: „Ich verstehe, warum du so reagierst. Und trotzdem kann ich nicht akzeptieren, dass du so mit mir umgehst.“

Das ist keine Härte. Das ist Klarheit. Dir geht es sicher auch nicht immer gut. Vielleicht bist du als hochsensibles Kind auch verletzt worden. Aber du versuchst in Beziehungen ja auch, fair zu sein und deine Emotionen nicht an anderen auszulassen.

 

Grenzen setzen ist Teil von Liebe

Gerade wenn du hochsensibel bist, kann Grenzen setzen eine wichtige Lernaufgabe sein.

Vielleicht spürst du deine Grenze sogar sehr genau. Aber sobald du sie aussprichst, bekommst du ein schlechtes Gewissen. Vielleicht durftest du früher nicht authentisch sein und deine Grenzen nicht zeigen.

Nun möchtest du:

  • den anderen nicht verletzen
  • nicht egoistisch wirken
  • nicht als „zu empfindlich“ gelten

Also verschiebst du deine Grenze noch ein Stück. Und noch ein Stück. Bis du irgendwann selbst nicht mehr weißt, wo sie eigentlich liegt.

Dabei ist eine Grenze kein Angriff.

Eine Grenze sagt: „Hier endet meine Verantwortung für dich und beginnt meine Verantwortung für mich.“

Das kann sehr liebevoll sein. Denn nur wenn du weißt, wo du selbst stehst, kannst du einem anderen Menschen wirklich begegnen und eine echte Verbundenheit aufbauen.

 

Muss Liebe nicht auch Opfer bringen?

Aber gehört es nicht zur Liebe, Opfer zu bringen?

Doch. Natürlich. Wir verzichten manchmal, stellen unsere eigenen Wünsche zurück, unterstützen den anderen.

Aber ein Opfer und eine Selbstaufgabe sind nicht dasselbe.

Ein Opfer kann freiwillig sein, sollte aber zeitlich begrenzt sein. Es kann aus Liebe entstehen. Und es kann sich trotzdem stimmig anfühlen.

Selbstaufgabe dagegen bedeutet, dass die eigenen Bedürfnisse dauerhaft keinen Platz mehr haben. Selbstaufgabe bedeutet, du hörst auf, authentisch zu sein und dich gesund weiterzuentwickeln, um die Beziehung nicht zu gefährden. Das ist gefährlich und führt zu Erschöpfung und Frust.

Die Frage ist deshalb nicht: „Was muss ich für die Liebe aufgeben?“ Sondern: „Kann ich etwas geben, ohne mich selbst dabei zu verlieren?“

 

Sind Leidensfähigkeit und Resilienz dasselbe?

Auch psychologisch lohnt sich eine Unterscheidung.

Leidensfähigkeit bedeutet, dass wir Schmerz oder Belastung aushalten können.

Resilienz beschreibt eher die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen, sich anzupassen und nach schwierigen Erfahrungen wieder Stabilität zu finden.

Das bedeutet: Du kannst sehr leidensfähig sein und trotzdem nicht resilient mit einer Situation umgehen. Du kannst jahrelang etwas aushalten, das dich innerlich erschöpft.

Von außen wirkt das vielleicht beeindruckend. Aber vielleicht bist du gar nicht stark, sondern musstest den Zugang zu deinen Gefühlen unterbrechen, um in einer ungesunden Situation überleben zu können.

 

Vielleicht bist du einfach nur sehr gut darin geworden, dich selbst zu übergehen.

Resilienz bedeutet deshalb nicht: „Ich halte alles aus.“

Sondern eher: „Ich kann mit Schwierigkeiten umgehen und dabei mit mir selbst verbunden bleiben.“

Diese Unterscheidung ist enorm wichtig! Denn ich kenne sehr viele Menschen, die in ungesunden Verhältnissen verharren und sich für stabil halten. Tatsächlich haben sie aber überhaupt keinen Zugang mehr zu ihrer Gefühlswelt – sie wirken eher abgestumpft und funktional.

Hinweis: Wenn du wissen möchtest, wie sich schwierige Erfahrungen im Nervensystem bemerkbar machen, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Der Mensch als Schichtmodell – Warum Entwicklung in Spiralen erfolgt“.

Wann Leidensfähigkeit bei HSP in Beziehungen sinnvoll und gesund ist, Nicole Trojahn

 

Wie viel Leidensfähigkeit braucht eine Partnerschaft?

Vielleicht lautet die Antwort: Genug, um nicht vor jeder Schwierigkeit davonzulaufen.

Aber nicht so viel, dass du dich selbst verlässt, d.h. die Verbundenheit mit dir selbst dauerhaft unterbrechen musst. Du darfst einen Streit aushalten, akzeptieren, dass dein Partner anders ist. Du darfst mit Enttäuschungen umgehen und auch mal warten.

Aber du musst nicht:

  • wiederholte Respektlosigkeit aushalten
  • deine Bedürfnisse dauerhaft unterdrücken
  • ständig Angst haben
  • deine Grenzen aufgeben
  • dich selbst kleinmachen
  • oder dauerhaft für das emotionale Wohlbefinden eines anderen Menschen verantwortlich sein

Das ist keine fehlende Leidensfähigkeit. Das ist Selbstachtung.

 

Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht „Wie viel?“, sondern „Wofür?“

Das finde ich an diesem Thema besonders spannend.

Wir fragen häufig: Wie viel kann ich aushalten?

Aber vielleicht ist die wichtigere Frage: Wofür bin ich bereit, etwas auszuhalten?

Ich bin vielleicht bereit, eine schwierige Zeit mit einem Menschen durchzustehen, den ich liebe. Ich bin bereit, mich meinen eigenen Beziehungsmustern zu stellen, um innerlich zu wachsen (z. B. der Angst vor Fehlern). Aber bin ich auch bereit, mich selbst dafür aufzugeben? Nein.

Und vielleicht darf dieses Nein genauso viel Wert haben wie mein Ja.

 

Die andere Seite der Leidensfähigkeit: Selbstliebe

Je stärker unser Selbstwert ist, desto weniger müssen wir Liebe durch Leiden beweisen.

Dann können wir sagen: „Ich liebe dich.“

Und gleichzeitig: „Ich brauche dich nicht.“

Ich verstehe dich.

Und gleichzeitig: „Ich kann das nicht für dich tragen.“

Ich möchte bei dir bleiben.

Und gleichzeitig: „Ich brauche, dass sich etwas verändert.“

 

Das ist für mich eine reife, erwachsene Form von Liebe: Nicht grenzenlos. Aber tief. Nicht selbstlos. Sondern selbstverbunden. Und ganz ehrlich – nur, wer sich gut um seine eigene Stabilität kümmert, kann mit einem anderen Menschen eine relativ erwartungsfreie, tiefe Verbindung aufbauen.

Hinweis: Wenn du wissen möchtest, wie du deine Leidensfähigkeit gesund weiterentwickeln kannst, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Umgang mit Leid – HSP und seelischer Schmerz“.

Ich persönlich versuche, meine eigene Leidensfähigkeit immer weiter auszubauen. Denn ich glaube, dass sie die Grundlage dafür ist, dass ich mich einer anderen Person gegenüber verletzlich zeigen kann – eine Verletzlichkeit, in der ich sage: „So sieht es in mir aus und ich erlaube dir, mich so zu sehen.“ Dabei bleibe ich in meiner Eigenverantwortung, schaffe aber auch den Raum dafür, dass mein Gegenüber mir auf tiefer Ebene wirklich begegnen kann. Ich mache das für mich selbst – denn was gibt es Schöneres, als sich ohne Zwang, ohne Angst, ohne Ziehen und Klammern mit einem anderen Menschen tief zu verbinden?

Und ich glaube, weil viele Menschen wenig leidensfähig sind (z. B. weil sie unbewusst zu viel unverarbeiteten Schmerz tragen), bleibt ihnen die Chance auf tiefe Verbundenheit weitestgehend verwehrt. Oft bleibt die Verbindung eher oberflächlich und weltlich – für uns Hochsensible ist das aber nicht echt und erfüllend genug.

 

Was bedeutet das für dich, wenn du hochsensibel bist?

Es geht für dich weder darum, weniger zu fühlen, noch härter zu werden. Und vielleicht musst du deine Leidensfähigkeit überhaupt nicht erhöhen.

Vielleicht darfst du etwas anderes lernen: deine eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen:

  • Du merkst, wenn dir etwas zu viel wird.
  • Du merkst, wenn du Ruhe brauchst.
  • Du merkst, wenn eine Beziehung dich erschöpft.
  • Du merkst, wenn du dich anpasst.
  • Du merkst, wenn du dich selbst verlässt.

Natürlich ist Wahrnehmung nicht automatisch DIE Wahrheit – aber deine Wahrheit. Auch hochsensible Menschen können Situationen falsch interpretieren. Aber Wahrnehmung ist eine Information.

Und diese Information darfst du ernst nehmen.

 

Ich habe z. B. ein ausgezeichnetes Gespür dafür, „wo“ jemand verwundet ist. Wenn mein Partner frühkindliche Wunden hat (z. B. keine ausreichende Liebe der Eltern erfahren hat) und ich auf tiefer Ebene diesem Menschen begegne, dann spüre ich diesen emotionalen Mangel. Wenn sich dieser Mensch nicht darüber bewusst ist, kann es leicht passieren, dass er von mir etwas möchte, was ich nicht geben kann/will (elterliche Zuwendung).

Deshalb ist es besonders für uns HSP so wichtig, dass unsere Partner sich selbst gut kennen und halten können. Niemand ist perfekt. Wir sind alle mehr oder weniger verwundet und auf der Reise.

Wichtig ist, dass jeder sich seiner Verletzungen bewusst ist bzw. bewusst werden möchte – und sich um sie kümmert. Denn je tiefer die Verbundenheit mit einem anderen Menschen, desto stärker und einnehmender können sich emotionale Wunden bemerkbar machen und die partnerschaftliche Dynamik beeinflussen.

 

Tipp: Du willst wissen, wie und warum du möglicherweise deine eigenen schwierigen Muster auf deinen Partner projizierst? Dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Projektionen erkennen – Wie Beziehungen Traumata spiegeln“.

 

Ein kleiner Selbstcheck zum Thema Leidensfähigkeit in Beziehungen

Wenn du gerade über deine eigene Leidensfähigkeit nachdenkst, könnten dir diese Fragen helfen:

  • Was halte ich momentan aus?
  • Warum halte ich es aus?
  • Würde ich dieselbe Situation auch für einen Menschen aushalten wollen, den ich liebe?
  • Welche meiner Bedürfnisse kommen zu kurz?
  • Wo sage ich Ja, obwohl ich Nein meine?
  • Wo übernehme ich Verantwortung für die Gefühle eines anderen Menschen?
  • Welche Grenze möchte ich eigentlich setzen?

Und vielleicht sind die wichtigsten Fragen: Was würde ich tun, wenn ich keine Angst davor hätte, jemanden zu enttäuschen? Wie kann ich mit potenzieller Ablehnung umgehen und mich wieder stabilisieren?

Du musst darauf nicht sofort eine Antwort haben. Manchmal reicht es, eine Frage mit sich herumzutragen.

 

Vielleicht musst du nicht mehr aushalten – sondern früher reagieren

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die aus diesem Thema entstehen kann.

Wir denken häufig, persönliche Entwicklung bedeute, belastbarer zu werden. Mehr auszuhalten. Stärker zu werden. Nicht so empfindlich zu sein.

Das empfinde ich aber nicht als sinnvoll. Wichtiger ist, früher zu bemerken, was passiert.

Früher zu sagen, dass etwas nicht stimmt. Früher eine Pause zu machen. Früher eine Grenze zu setzen. Früher um Unterstützung zu bitten. Früher zu erkennen, dass du erschöpft bist. Und früher zu entscheiden, was du verändern möchtest.

 

Das ist keine geringere Leidensfähigkeit. Vielleicht ist es sogar eine höhere Form davon.

Denn du kommunizierst dem Menschen, den du liebst, was in dir vorgeht und riskierst damit, dass du zurückgewiesen und gekränkt wirst – oder unverstanden bleibst.

Durch offene Kommunikation und das Zeigen deiner Verletzlichkeit schaffst du aber auch die Grundlage dafür, dass ihr beide euch wirklich begegnen könnt – und eure Beziehung ein tragfähiges Fundament aus Respekt, Verständnis, Vertrauen und Akzeptanz erhält.

Warum sind Verletzlichkeit und Leidensfähigkeit wichtig für Verbundenheit in hochsensiblen Beziehungen, Nicole Trojahn

 

Die eigentliche Stärke liegt vielleicht dazwischen

Vielleicht ist das die Antwort auf unsere Ausgangsfrage. Wie viel Leidensfähigkeit braucht die Liebe?

Nicht möglichst viel. Und auch nicht möglichst wenig. Sondern genau so viel, wie notwendig ist, um mit der Unvollkommenheit menschlicher Beziehungen umgehen zu können.

Wir alle sind unperfekt, haben schwierige Muster in uns und geben trotzdem unser Bestes.

Liebe braucht die Fähigkeit, Enttäuschungen und Schamgefühle auszuhalten, Geduld und Konfliktfähigkeit. Aber sie braucht genauso Grenzen, Selbstachtung, Selbstfürsorge, Ehrlichkeit.

Und die Fähigkeit, loszulassen, wenn eine Beziehung dauerhaft mehr zerstört als nährt.

 

Leidensfähigkeit sollte niemals zum Beweis deiner Liebe werden

Liebe braucht Leidensfähigkeit – aber keine Selbstaufgabe. Nicht, weil Liebe zwangsläufig Leiden bedeutet, sondern weil echte Nähe uns verletzlich macht. Wir alle wurden mehr oder weniger verletzt, als wir uns früher verletzlich gezeigt haben.

Deshalb bedeutet Leidensfähigkeit manchmal auch, den Schmerz auszuhalten, der in uns auftaucht, wenn wir:

  • uns wieder verletzlich zeigen
  • uns jemandem öffnen
  • einem anderen Menschen Zugang zu unserem Herz gewähren

 

Allerdings darf Leidensfähigkeit niemals bedeuten, dass du dich selbst verlierst und den Zugang zu deinen Gefühlen blockieren musst, um eine Beziehung zu führen, die dir eigentlich nicht guttut.

Du musst nicht zeigen, wie viel du aushalten kannst. Du musst nicht bleiben, nur weil du einmal versprochen hast, zu bleiben.

Und du musst auch nicht weniger hochsensibel werden, um eine tragfähige Beziehung führen zu können. Vielleicht darfst du stattdessen lernen, deine hochsensible Intuition als Kompass zu nutzen.

Ich persönlich glaube, in Beziehungen braucht es Leidensfähigkeit, aber keine, die dich kleiner macht – sondern dir ermöglicht, auch dann bei dir zu bleiben, wenn das Leben und die Liebe gerade schwierig sind. Vielleicht kannst du noch mehr Nähe und Verletzlichkeit zulassen, wenn du deine Leidensfähigkeit weiter ausbaust (in einem gesunden Maße – und wenn es sinnvoll ist).

Diese Fragen können dich dabei begleiten:

  • Wie sehr kannst du einen anderen Menschen lieben, ohne dabei aufzuhören, dich selbst zu lieben?
  • Wie sehr bist du bereit, deine Vorstellung von der „perfekten“ Beziehung aufzugeben, um wahrhaftige Verbundenheit mit einem anderen (unperfekten) Menschen entwickeln zu können?

Leidensfähigkeit macht in hochsensiblen Beziehungen Sinn, wenn..., Nicole Trojahn

Häufige Fragen zu Leidensfähigkeit, Liebe und Hochsensibilität

Ist Leidensfähigkeit eine Voraussetzung für Liebe?

Eine gewisse Leidensfähigkeit kann hilfreich sein, weil Konflikte, Enttäuschungen und schwierige Lebensphasen zu Beziehungen dazugehören. Du musst aber nicht leiden, um deine Liebe zu beweisen. Entscheidend ist, ob du eine schwierige Phase gemeinsam mit einem Menschen tragen kannst und möchtest, ohne dich selbst dabei aufzugeben.

Warum halten hochsensible Menschen manchmal besonders viel aus?

Durch ihre ausgeprägte Wahrnehmung und Empathie können hochsensible Menschen sehr viel Verständnis für andere entwickeln. Sie erkennen häufig die Verletzungen und Bedürfnisse ihres Gegenübers und stellen die eigenen Bedürfnisse manchmal zurück. Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen Empathie und Selbstaufgabe zu unterscheiden.

Was ist der Unterschied zwischen Leidensfähigkeit und Resilienz?

Leidensfähigkeit bedeutet vor allem, Belastung oder Schmerz aushalten zu können. Resilienz beschreibt eher die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen und sich danach wieder zu stabilisieren. Viel aushalten zu können bedeutet deshalb nicht automatisch, dass eine Situation gut verarbeitet wird. Wer dauerhaft mehr aushalten muss, als er emotional verkraftet, stumpft ab und muss sich von sich selbst entfernen. Das hat nichts mit Resilienz zu tun – und auch nicht mit einem gesunden Maß an Leidensfähigkeit.

Wann wird Leidensfähigkeit zur Selbstaufgabe?

Wenn du dauerhaft deine eigenen Bedürfnisse, Werte oder Grenzen zurückstellst, um eine Beziehung aufrechtzuerhalten, kann Leidensfähigkeit zur Selbstaufgabe werden. Ein guter Hinweis ist die Frage: „Werde ich durch dieses Aushalten stärker und verbundener (mit mir selbst und meinem Partner) – oder werde ich dabei immer kleiner und erschöpfter?“

Kann man jemanden lieben und trotzdem gehen?

Ja. Liebe verpflichtet dich nicht dazu, in einer Beziehung zu bleiben, die dir dauerhaft schadet. Gerade hochsensible und empathische Menschen können große Schuldgefühle entwickeln, wenn sie einen anderen Menschen verlassen. Doch auch eine Trennung kann Ausdruck von Selbstachtung und Selbstfürsorge sein.

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Viele Hochsensible haben schon viele Erfahrungen im Umgang mit Leid gesammelt.

In meiner Beratung begleite ich HSP dabei, herauszufinden, wie sie ihre gesunde Leidensfähigkeit stärken und erkennen, wann sie sich aus ungesunden Situationen befreien sollten.

Falls auch du dabei eine Begleitung suchst, nimm gern Kontakt zu mir auf.

 

Hochsensibel & Schlaf: Warum du abends nicht abschalten kannst

Hochsensibel & Schlaf: Warum du abends nicht abschalten kannst

Du bist müde. Eigentlich sogar richtig erschöpft. Der Tag war lang und du hast dich schon den ganzen Nachmittag auf dein Bett gefreut. Endlich Ruhe. Doch kaum liegst du im Bett, passiert etwas Merkwürdiges: Dein Körper ist müde – aber dein Kopf ist hellwach.

Plötzlich kommen die Gedanken. Du möchtest abschalten. Aber es funktioniert einfach nicht. In diesem Artikel möchte ich dir aufzeigen, warum viele HSP Probleme beim Schlafen haben und wie du deine Schlafqualität verbessern kannst.

Tipps für einen besseren Schlaf bei Hochsensibilität, Nicole Trojahn

 

Hochsensibilität und Schlaf – gibt es einen Zusammenhang?

Hochsensibilität ist keine Krankheit und keine Schlafstörung. Sie beschreibt ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem Menschen Reize besonders intensiv wahrnehmen und tiefer verarbeiten können.

Viele hochsensible Menschen haben beispielsweise besonders feine Antennen für die Stimmung anderer Menschen.

Sie nehmen Geräusche, Gerüche, Schwingungen, Licht oder körperliche Empfindungen intensiver wahr. Auch Gefühle und zwischenmenschliche Situationen können lange nachwirken.

Studien wie von Costa-López et al. (2024) zeigen, dass Hochsensibilität auch mit stärkerem Stresserleben und einer schlechteren Schlafqualität zusammenhängt. Für hochsensible Menschen können ausreichende Phasen der Erholung deshalb besonders wichtig sein.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder hochsensible Mensch automatisch schlecht schläft.

Trotzdem kann die intensive Reizverarbeitung eine Rolle spielen, wenn du merkst, dass du nach besonders ereignisreichen Tagen schlechter einschläfst oder nachts nicht richtig zur Ruhe kommst.

 

Was bedeutet ein reizoffenes Nervensystem?

Der Begriff „reizoffenes Nervensystem“ wird im Zusammenhang mit Hochsensibilität häufig verwendet. Gemeint ist damit vereinfacht gesagt, dass besonders viele Informationen aus der Umwelt und aus dem eigenen Inneren wahrgenommen werden.

Das können ganz offensichtliche Dinge sein:

Aber auch subtilere Dinge können eine Rolle spielen:

  • die Stimmung eines anderen Menschen
  • ein bestimmter Gesichtsausdruck
  • ein veränderter Tonfall
  • ungelöste Konflikte
  • eigene Gefühle
  • Sorgen und Gedanken

 

Wenn dein Nervensystem während des Tages ständig neue Informationen verarbeitet, kann es sein, dass du am Abend zwar körperlich müde bist, innerlich aber noch nicht wirklich im Ruhemodus angekommen bist.

Auch Reizüberflutung kann zu einem dysregulierten Nervensystem führen, sodass du im Nachhinein viel Zeit brauchst, bis du wirklich zur Ruhe kommen kannst.

Tipp: Wenn du im Alltag öfter unter Reizüberflutung leidest und dich schnell wieder in Balance bringen möchtest, wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Nervensystem regulieren“.

 

Warum Hochsensible manchmal mehr Regeneration brauchen

Vielleicht hast du schon einmal gedacht: „Warum bin ich nach einem normalen Tag eigentlich so erschöpft?“

Von außen betrachtet war vielleicht gar nichts Besonderes los. Du warst arbeiten. Hast eingekauft, mit ein paar Menschen gesprochen und deine normalen Aufgaben erledigt. Für dein Nervensystem können diese vielen kleinen Reize aber trotzdem eine große Menge an Verarbeitung bedeuten.

Deshalb brauchen hochsensible Menschen manchmal mehr Rückzug und Regeneration, als ihnen ihr Umfeld zugesteht.

Das bedeutet nicht, dass du weniger belastbar bist.

Es kann einfach bedeuten, dass dein System anders mit Reizen umgeht. Genau deshalb ist es wichtig, auf deinen eigenen Körper zu hören – und ihm Ruhe zu gönnen, ohne Reizschuld zu haben.

Wie das Nervensystem von Hochsensiblen funktioniert, Nicole Trojahn

Warum können Hochsensible abends nicht abschalten?

„Ich kann nicht abschalten“ ist wahrscheinlich einer der Sätze, die viele Hochsensible rund um das Thema Schlaf kennen.

Du möchtest dich entspannen. Aber dein Kopf macht weiter. Warum?

 

1. Dein Gehirn verarbeitet den Tag noch

Während des Tages gibt es häufig gar keine Zeit, alle Eindrücke bewusst wahrzunehmen und einzuordnen.

Du funktionierst einfach. Du beantwortest eine E-Mail, gehst in ein Meeting, telefonierst mit einer Freundin, während du gerade beim Einkaufen bist und kümmerst dich danach zu Hause um die nächsten Aufgaben.

Erst wenn es ruhig wird, merkst du, wie viel eigentlich passiert ist.

Dann kommt beispielsweise der Gedanke: „Warum hat meine Kollegin heute so komisch reagiert?“ Und schon bist du mitten in einer Analyse. Was hat sie gemeint? Habe ich etwas falsch gemacht?

Vielleicht kennst du dieses Gedankenkreisen.

Gerade bei Hochsensibilität kann die tiefe Verarbeitung dazu führen, dass Erlebnisse noch lange im Inneren nachwirken.

 

Ich persönlich habe viele Jahre meines Lebens damit verbracht, Gespräche, die ich während des Tages geführt hatte, zu analysieren. Oft hatte ich dann mit Schuldgefühlen zu tun, weil ich sehr kritisch mit mir ins Gericht gegangen bin und meistens zu dem Schluss kam, dass ich Dinge hätte anders sagen/machen können.

Mittlerweile habe ich mir dieses Muster größtenteils abgewöhnt. Denn diese Grübelschleifen führen zu nichts (außer zu Stress) und waren in meinem Fall eher Ausdruck meiner Unsicherheit.

 

2. Reizüberflutung kann bis in den Abend hineinwirken

Ein voller Tag endet nicht automatisch mit dem Feierabend. Da ist noch so viel zu erledigen. Einkaufen, Kinder abholen, Haushalt, Abendbrot machen, duschen, den nächsten Tag vorbereiten etc. – und plötzlich ist es 22:30 Uhr.

Du bist zwar schon ein paar Stunden zu Hause – aber dein Nervensystem hatte noch keine echte Pause.

Gerade für Menschen mit Hochsensibilität kann eine solche Reizdichte belastend sein. Reizüberflutung entsteht schließlich nicht nur durch ein einzelnes besonders intensives Erlebnis. Es kann auch die Summe vieler kleiner Reize sein.

 

3. Gefühle kommen abends hoch

Manchmal sind es gar nicht die äußeren Reize, die dich wachhalten, sondern deine Gefühle.

Vielleicht hattest du tagsüber einen Konflikt in deiner Partnerschaft, der dich verletzt hat. Aber du hattest keine Zeit, dich mit all den Gefühlen auseinanderzusetzen, weil der Alltag irgendwie weitergehen musste.

Also hast du deine Wut und Traurigkeit unterdrückt und funktioniert.

Abends im Bett ist plötzlich Raum für all diese Gefühle. Und dann spürst du erst: „Eigentlich hat mich das heute ziemlich getroffen.“

Gerade zwischenmenschliche Situationen wie z. B. neurotisches Verhalten können bei hochsensiblen Menschen besonders intensiv nachwirken. Feinste Veränderungen in Mimik und Stimme werden wahrgenommen und können noch lange beschäftigt halten.

 

4. Du nimmst die Ruhe plötzlich sehr intensiv wahr

Auch das klingt zunächst paradox. Tagsüber wünschst du dir Ruhe. Wenn sie dann da ist, wird sie fast ungewohnt.

Du hörst plötzlich jedes Geräusch. Das Ticken der Uhr. Den Kühlschrank. Die Heizung. Vielleicht spürst du deine Bettdecke auf der Haut oder bemerkst deinen eigenen Herzschlag.

Während andere Menschen solche Reize kaum beachten, können sie deine Aufmerksamkeit regelrecht anziehen.

Dann wird aus „endlich Ruhe“ plötzlich: „Warum höre ich dieses Geräusch so laut?“ Und schon bist du wieder wach.

 

Ich persönlich kenne viele Hochsensible, die sogar ein bisschen Angst vor Ruhe haben. Vor allem Menschen, die viel Trauma erlebt und abgespeichert haben, erleben Stille oft als etwas Bedrohliches. Denn nun kommen traumatische Erlebnisse wieder ins Bewusstsein. Aus diesem Grund schlafen manche nur ein, wenn ihr Fernseher läuft oder sie wirklich so erschöpft sind, dass sie ganz schnell einschlafen.

Hinweis: Falls du dir nicht sicher bist, ob du hochsensibel oder traumatisiert bist, bzw. mehr zum Thema Trauma wissen möchtest, wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Trauma und Hochsensibilität – Entwicklung und Heilung von Traumata“.

 

Hochsensibel und Schlafprobleme: Ein Teufelskreis kann entstehen

Wenn du häufiger schlecht schläfst, kann zusätzlich ein innerer Druck entstehen.

Du liegst im Bett und denkst: „Ich muss jetzt schlafen.“ Dann schaust du auf die Uhr. 23:47 Uhr. „Morgen muss ich früh aufstehen.“ Du drehst dich um. 00:15 Uhr.

Du fragst dich immer wieder: „Warum schlafe ich immer noch nicht?“ – und schon fühlst du dich unter Druck gesetzt, schließlich musst du morgen früh fit sein.

 

Der Gedanke „Ich muss schlafen“ erzeugt zusätzlichen Stress

Schlaf lässt sich nicht erzwingen. Das ist vielleicht einer der schwierigsten Aspekte. Du kannst dich nicht einfach hinlegen und beschließen: „So, jetzt muss ich schlafen, also schlafe ich jetzt.“

Je stärker du kontrollierst, ob du bereits schläfst, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt dein Wachzustand.

Du bist keine Maschine, sondern ein Mensch.

Versuche es deshalb eher mit einer Erlaubnis: „Ich muss gerade nichts leisten. Ich darf einfach ruhen. Und wenn ich nicht schlafen kann, dann ist das nicht schlimm.“

Atmen. Die Augen schließen. Den Körper spüren. Und den Schlaf kommen lassen, wenn er kommt. Diese Zeit kannst du nutzen, um die Verbundenheit mit dir selbst zu stärken und liebevoll zu dir zu sein.

Einfache Einschlafübung für Menschen mit Hochsensibilität, Nicole Trojahn

 

Hochsensibel nachts wach – was kann dahinterstecken?

Manche Menschen mit Hochsensibilität schlafen zunächst problemlos ein und wachen später in der Nacht auf.

Vielleicht kennst du das: Du wachst um drei Uhr auf und bist plötzlich hellwach. Und kaum bist du wach, beginnt dein Kopf zu arbeiten.

 

Das Gedankenkarussell mitten in der Nacht

Nachts gibt es kaum Ablenkung. Keine E-Mails. Keine Gespräche. Keine Aufgaben. Nur dich und deine Gedanken.

Und genau deshalb können Sorgen nachts besonders groß wirken.

Vielleicht denkst du über die Arbeit nach. Oder über deine Beziehung. Oder eine Entscheidungsfindung treibt dich um. Oder eine alte Erinnerung lässt dich nicht los.

Was tagsüber nur ein kleiner Gedanke war, kann um drei Uhr morgens plötzlich riesig wirken. Versuche in solchen Momenten nicht, mitten in der Nacht dein ganzes Leben zu lösen.

Du musst dieses Problem jetzt nicht bearbeiten. Du kannst dir sagen: „Das darf bis morgen warten.“

 

Der eigentliche Schlüssel liegt manchmal im Tagesablauf

Wenn du dich fragst, warum du abends nicht abschalten kannst, lohnt es sich, nicht nur auf deine Schlafenszeit zu schauen.

Schau auf deinen ganzen Tag.

 

Wie viele Reize hast du tagsüber?

Vielleicht bist du trotz Hochsensibilität im Beruf 8 Stunden in einem Großraumbüro beschäftigt.

Danach fährst du durch den Berufsverkehr. Kaufst noch ein Geschenk. Abends beantwortest du Nachrichten und musst zum Elternabend. Auf dem Heimweg telefonierst du noch mit deiner hochsensiblen Freundin.

Und wenn du dann endlich zu Hause bist, fragst du dich, warum dein Kopf nicht ruhig wird.

Vielleicht ist die Antwort gar nicht kompliziert: Du hattest den ganzen Tag kaum Gelegenheit, wirklich zur Ruhe zu kommen.

 

Wie viele echte Pausen machst du?

Eine Pause bedeutet nicht automatisch, dass du kurz dein Handy anschaust. Social Media, Messengerdienste und Apps sind auch Reize – und zwar ziemlich anstrengende.

Eine echte Pause könnte bedeuten:

  • Du sitzt fünf Minuten am Fenster.
  • Du gehst kurz nach draußen.
  • Du trinkst deinen Kaffee ohne Handy.
  • Du schließt die Bürotür.
  • Du gehst ein paar Minuten spazieren.
  • Du bist einfach einmal nicht erreichbar.

Gerade für hochsensible Menschen können solche kleinen Inseln wichtig sein.

 

Ich persönlich liebe es, zwischendurch immer mal wieder tief in den Bauch zu atmen und mich so mit meinem Körper zu verbinden. Es passiert nämlich schnell, dass wir HSP aufgrund von zu viel Stress nur noch ganz flach atmen und viel zu wenig Sauerstoff aufnehmen.

Tipp: Falls du die Verbundenheit zu deinem Körper noch mehr stärken möchtest, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Körperarbeit für Hochsensible – Signale des Körpers verstehen“.

 

8 Tipps für besseren Schlaf bei Hochsensibilität

Du musst nicht alle Tipps gleichzeitig ausprobieren. Vielleicht findest du einen, der sich für dich sofort richtig anfühlt.

 

1. Baue einen Übergang zwischen Alltag und Schlaf ein

Wenn du nach einem stressigen Tag direkt ins Bett gehst, erwartest du von deinem Körper einen ziemlich abrupten Wechsel. Von Aktivität zu Ruhe. Von vielen Reizen zu Stille. Von Funktionieren zu Schlaf.

Ich vermute stark, dein Nervensystem braucht etwas mehr Zeit – und sanfte Übergänge.

Du könntest beispielsweise:

  • nach der Arbeit spazieren gehen
  • duschen
  • bequeme hochsensiblenfreundliche Kleidung anziehen
  • das Licht dimmen
  • eine Tasse Tee trinken
  • ein paar Minuten still sitzen
  • Musik hören
  • ein Buch lesen

Es geht nicht darum, eine perfekte Abendroutine zu entwickeln.

Es geht um das Signal: Der Tag wird langsam ruhiger. Ich darf mich entspannen.

 

2. Reduziere abends die Reizüberflutung

Wenn du bereits merkst, dass du vor allem durch Interaktion abends sozial erschöpft bist, brauchst du vielleicht nicht noch mehr Input.

Frage dich am Abend: Muss der Fernseher wirklich laufen? Möchte ich gerade überhaupt telefonieren? Brauche ich Social Media?

Oder wäre weniger gerade mehr?

Ein reizärmerer Abend kann für hochsensible Menschen sehr wohltuend sein.

3 Störquellen, die auf HSP abends reizüberflutend wirken und zu Schlafproblemen führen, Nicole Trojahn

 

3. Lege das Handy bewusst zur Seite

Das Smartphone ist praktisch. Aber es ist auch eine permanente Einladung zu neuen Reizen.

Wenn dein Kopf ohnehin schon voll ist, kann es hilfreich sein, diese Informationsquelle für eine Weile auszuschalten. Es ist gesund, mal nicht erreichbar zu sein und auch mal Grenzen zu setzen.

Du musst dein Handy nicht komplett aus deinem Leben verbannen. Vielleicht reicht es, es eine Stunde vor dem Schlafengehen außer Reichweite zu legen.

 

4. Schreibe das Gedankenkarussell aus deinem Kopf

Wenn du abends ständig über Dinge nachdenkst, probiere ein kleines Abend-Journal. Nimm einen Zettel und schreibe alles auf, was gerade in deinem Kopf ist.

Zum Beispiel:

  • „Ich muss morgen noch den Termin vereinbaren.“
  • „Das Gespräch mit meiner Freundin beschäftigt mich.“
  • „Ich habe Angst vor dem morgigen Meeting.“
  • „Ich möchte über meine berufliche Situation nachdenken.“
  • „Der Konflikt mit meinem Partner macht mich wütend.

Danach kannst du dir sagen: „Ich habe es aufgeschrieben. Ich muss es jetzt nicht vergessen. Ich kann mich morgen darum kümmern.“

Das kann unglaublich entlastend sein.

 

5. Schaffe dir einen reizarmen Schlafplatz

Wenn du hochsensibel bist, darf dein Schlafzimmer besonders auf deine Bedürfnisse abgestimmt sein. Denn dies ist der Ort, an dem du dich regenerierst und Kraft tankst.

 

Geräusche reduzieren

Vielleicht brauchst du absolute Ruhe. Oder ein gleichmäßiges Hintergrundgeräusch.

Vielleicht stört dich das Ticken einer Uhr, das Schnarchen deines Partners oder der Straßenlärm (vor allem bei Hochsensibilität im Urlaub), sodass du über Ohrstöpsel nachdenken solltest.

Beobachte, was dich tatsächlich beruhigt. Gib dir die Erlaubnis, die Geräuschkulisse an deine Bedürfnisse anzupassen.

Übrigens: Es ist legitim, getrennt zu schlafen, wenn du durch die Geräusche deines Bettnachbarn einfach nicht zur Ruhe kommst.

 

Licht reduzieren

Straßenlaternen, Standby-Lichter oder helle Displays können störend sein. Vielleicht schläfst du besser, wenn dein Schlafzimmer wirklich dunkel ist.

Dafür könntest du Folgendes beachten:

  • Vermeide Wecker, die ihre Ziffern an die Decke projizieren.
  • Wähle blickdichte Vorhänge.
  • Drehe die Displays von Smartphone, Tablet und Co. nach unten.
  • Schließe deine Schlafzimmertür, damit du nicht vom Licht in der Wohnung gestört wirst.

 

Angenehme Materialien wählen

Auch körperliche Reize können eine Rolle spielen.

Kratzt deine Bettwäsche? Ist deine Decke zu warm? Stört dich dein Schlafanzug? Ist die Matratze zu hart?

Gerade wenn du auch im Alltag empfindlich auf Kleidung und Materialien reagierst, lohnt sich ein Blick auf deine Schlafumgebung.

 

Schwingungen reduzieren

Für viele Nicht-Hochsensible sind sie vielleicht nicht spürbar: die Schwingungen, die auch nachts wirken.

Die hohe Energiesensibilität von uns HSP bringt es mit sich, dass wir auch nachts mit allerlei Energien beschäftigt sind. Vielleicht schwelt noch ein Familienkonflikt oder der Partner wirkt auch nachts gestresst, weil er einen schweren Tag hatte. All das wirkt sich auf die Schlafqualität aus.

Es ist daher sehr hilfreich, sich mit Energiearbeit zu beschäftigen, latente Konflikte vor dem Zubettgehen zu besprechen und auch mal dem Partner zu signalisieren: „Ich nehme deinen Stress wahr und möchte gern etwas Abstand dazu haben, um mich erholen zu können.“

Tipp: Falls du wissen möchtest, wie du deine Feinfühligkeit im Alltag schützen kannst, wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Energiesensibilität gesund leben – Als HSP vor Fremdenergien schützen“.

 

6. Plane Rückzug schon vor der Erschöpfung ein

Viele Hochsensible machen erst dann Pause, wenn sie gar nicht mehr können. Doch Selbstfürsorge beginnt idealerweise früher.

Du musst nicht warten, bis dein Nervensystem völlig überreizt ist.

Vielleicht weißt du inzwischen ganz gut, welche Warnzeichen bei dir auftreten (Gereiztheit, starkes Rückzugsbedürfnis, Konzentrationsprobleme, innere Unruhe etc.).

Nimm diese Signale ernst und mach eine Pause.

Tipp: Falls du wissen willst, wie du dich im Alltag gut um dich kümmern kannst, wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Selbstfürsorge für Hochsensible – 7 Routinen für den Alltag“.

 

7. Überprüfe deine persönlichen Schlaf-Trigger

Es gibt nicht den einen Grund, warum Hochsensible schlecht schlafen.

Deshalb lohnt es sich, dich selbst zu beobachten:

  • Was war an den Tagen anders, an denen du besonders schlecht geschlafen hast?
  • Hattest du viel Stress?
  • Kamst du schon die Nächte vorher nicht zur Ruhe?
  • Warst du lange am Handy?
  • Hast du spät Kaffee getrunken?
  • Hattest du einen Konflikt?
  • Warst du den ganzen Tag unter Menschen?
  • Hast du Pausen gemacht?
  • Oder war dein Tag eigentlich entspannt?

Ein kleines Schlaf- und Reiztagebuch kann helfen, Muster zu erkennen.

 

8. Setze auf sanfte Intimität

Abends ist oft die Zeit für Zweisamkeit und Berührung.

Da körperliche Reize auch anstrengend sein können, ist für Hochsensible eine erwartungsfreie und langsame Intimität besonders geeignet – ohne Druck, Erwartungen und festes Programm.

Um das Nervensystem beim Entspannen zu unterstützen, solltest du deinem Partner/deiner Partnerin offen mitteilen, wie du dich fühlst und welche Art von Berührung du dir wünschst bzw. nicht möchtest. Auch Slow Sex kann dabei helfen, den Entspannungsgrad zu erhöhen und Intimität als heilsamen Ort zu gestalten.

Hinweis: Falls du wissen möchtest, wie heilsame Sexualität gelingen kann, wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Hochsensibilität und Sexualität – Intimität gesund gestalten“.

Wie sanfte Berührung und Nähe die Schlafqualität von HSP verbessern können, Nicole Trojahn

Hochsensibilität, Koffein und Schlaf

Auch Koffein kann ein Thema sein.

Vielleicht merkst du, dass Kaffee dich schnell unruhig macht. Vielleicht kannst du aber auch abends problemlos noch einen Espresso oder ein Glas Wein trinken.

Hochsensible Menschen reagieren nicht alle gleich, doch viele sind koffeinempfindlich.

Du musst nicht automatisch auf Kaffee oder dein Glas Wein verzichten.

Aber du kannst dich beobachten und deine Gewohnheiten ein bisschen besser an dein hochsensibles Nervensystem anpassen.

 

Ein kleines Experiment zum Thema Koffein und Hochsensibilität

Trink für einige Tage deinen letzten Kaffee deutlich früher als sonst (z. B. 2 h).

Beobachte:

  • Wie schnell schläfst du ein?
  • Wie oft wachst du nachts auf?
  • Wie fühlst du dich morgens?
  • Wie ruhig fühlst du dich abends?

So findest du heraus, wie dein Körper individuell reagiert.

Du kannst dir auch über einen längeren Zeitraum aufschreiben, wie viel und wann du Koffein konsumierst und wie sich das auf deine Schlafqualität auswirkt. So erhältst du Ergebnisse, die dir dabei helfen, deine Routinen anzupassen.

 

Selbstfürsorge für Hochsensible beginnt nicht erst am Abend

Vielleicht liegt die wichtigste Erkenntnis zum Thema Hochsensibilität und Schlaf sogar hier: Dein Schlafproblem beginnt möglicherweise nicht nachts.

Vielleicht beginnt es morgens. Mit einem zu vollen Terminkalender. Mit zu vielen sozialen Verpflichtungen wegen eines zu hohen Verantwortungsbewusstseins. Mit dem Gefühl, immer funktionieren zu müssen. Mit dem Nichtbeachten deiner eigenen Grenzen.

Wenn du den ganzen Tag über deine Bedürfnisse hinweggehst, ist es nicht verwunderlich, wenn dein Körper irgendwann am Abend nach Ruhe verlangt.

 

Grenzen setzen kann auch Schlafhygiene für Hochsensible sein

Vielleicht bist auch du bisher zu streng mit dir gewesen, hast deine Bedürfnisse zu oft vernachlässigt, das Wohl anderer immer über dein eigenes gestellt – und so Schlafprobleme provoziert. Daher ist es ein wichtiger Schritt, mehr Sanftheit einzuladen und mitfühlender mit dir und deinen Grenzen umzugehen.

Ein Nein kann manchmal mehr für deinen Schlaf tun als eine neue Einschlaftechnik.

Ein Nein zu einem zusätzlichen Termin. Ein Nein zu einem Telefonat am späten Abend. Ein Nein dazu, am Wochenende jede freie Minute zu verplanen.

Grenzen zu setzen ist Selbstfürsorge. Und Selbstfürsorge kann bedeuten, deinem Nervensystem regelmäßig die Ruhe zu geben, die es braucht.

 

Was kannst du heute Abend ausprobieren?

Du musst nicht dein gesamtes Leben verändern. Vielleicht probierst du heute nur eine Sache aus.

Variante 1: Eine Stunde ohne Handy

Lege dein Smartphone eine Stunde vor dem Schlafengehen außer Reichweite. Schalte es am besten auf „stumm“ oder gleich ganz aus. Du hast das Recht, auch mal eine Weile nicht erreichbar zu sein.

Variante 2: Gedanken aufschreiben

Nimm 5 Minuten und schreibe alles auf, was dich beschäftigt. Bewerte dabei nicht, sondern schreibe einfach. All deine Gedanken haben ihre Berechtigung und dürfen zu Papier gebracht werden.

Variante 3: Reize reduzieren

Dimme das Licht. Schalte den Fernseher aus. Mach es leiser. Mach es gemütlich. Sorge für eine angenehme Atmosphäre, die deinen Bedürfnissen entspricht.

Variante 4: Nichts mehr leisten, sondern alles erlauben

Lege dich ins Bett und sage dir: „Ich muss jetzt nicht schlafen. Alles darf sein.“ Vielleicht schläfst du danach schneller ein. Vielleicht auch nicht. Beides ist in Ordnung.

 

Wann solltest du Schlafprobleme abklären lassen?

So wichtig das Thema Hochsensibilität auch ist: Bitte versuche nicht, jede Schlafstörung damit zu erklären.

Wenn du über längere Zeit schlecht schläfst, häufig nachts wach wirst, morgens dauerhaft erschöpft bist oder dein reizarmer Alltag aufgrund von Schlafmangel anstrengend ist, ist es sinnvoll, die Ursachen ärztlich abklären zu lassen.

Denn Schlafprobleme können ganz unterschiedliche Ursachen haben.

Stress kann eine Rolle spielen. Aber auch Erkrankungen wie z. B. ADHS, psychische Belastungen, Medikamente, bestimmte Schlafstörungen oder andere Faktoren kommen infrage.

Hochsensibilität ist keine Erklärung für alles.

Und du musst dich nicht damit abfinden, schlecht zu schlafen, nur weil du hochsensibel bist.

 

Erfahrungsbericht: Meine persönliche Schlafroutine als HSP

Ohne ausreichend gesunden Schlaf geht bei mir gar nichts. Es gab Zeiten, da habe ich durchschnittlich 5 bis 6 Stunden geschlafen, habe super funktioniert, aber leider überhaupt nichts mehr gespürt.

Erst, als ich irgendwann die Möglichkeit hatte, mehr zu schlafen, habe ich überhaupt erst wieder Zugang zu meiner Innenwelt erhalten.

Mittlerweile weiß ich, dass ich mindestens 8 bis 9 Stunden Schlaf brauche, um über den Tag hinweg die Verbindung zu meinen Gefühlen, meinem Körper und meiner Intuition (größtenteils) aufrechterhalten zu können.

 

Meine Schlafroutine sieht so aus:

  • Wenn möglich, schlafe ich aus und lege Termine eher in den Nachmittag/Abend.
  • Mein Smartphone liegt außerhalb des Schlafbereichs und ist nachts stumm geschaltet.
  • Vor dem Zubettgehen verzichte ich auf Bildschirme und grelles Licht.
  • Mein Bett ist heilig – dementsprechend achte ich auf Gemütlichkeit und Sauberkeit.
  • Mein Wecker macht keine Geräusche und sendet auch keine Lichtimpulse.
  • Ich schlafe am besten, wenn ich allein bin – so kommt mein Nervensystem richtig zur Ruhe.
  • Mein Schlafbereich ist abgedunkelt, damit ich morgens ganz langsam aufwache.
  • Ich nehme mir morgens Zeit, um Träume (besonders Albträume) zu verarbeiten.

Jeder Mensch ist anders. Dementsprechend muss jeder für sich selbst herausfinden, wie er seine Schlafqualität optimieren kann.

Wichtig ist, auf sich selbst zu hören und für bestmögliche Umstände zu sorgen – auch wenn sie unkonventionell sind.

Hochsensibilität und Schlafen - Das ist mir als hochsensible Frau wichtig, Nicole Trojahn

Häufige Fragen (FAQ) zu Hochsensibilität und Schlaf

Warum können hochsensible Menschen schlechter schlafen?

Hochsensible Menschen nehmen Reize wie Geräusche, Licht, Gedanken und Emotionen häufig intensiver wahr. Dadurch kann das Nervensystem auch abends noch aktiv sein und die Verarbeitung des Tages das Einschlafen erschweren. Hochsensibilität bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jemand Schlafprobleme hat.

Warum wachen hochsensible Menschen nachts so häufig auf?

Geräusche, Licht, Bewegungen oder andere Reize können bei hochsensiblen Menschen leichter zu nächtlichem Aufwachen führen. Auch Stress und die intensive Verarbeitung emotionaler Erlebnisse können den Schlaf beeinflussen. Häufiges Aufwachen kann jedoch auch andere Ursachen haben.

Wie kann man als hochsensibler Mensch besser einschlafen?

Eine ruhige, reizreduzierte Abendroutine kann helfen. Gedämpftes Licht, wenig Bildschirmzeit, feste Schlafenszeiten und Entspannung vor dem Zubettgehen können das Abschalten erleichtern. Wichtig ist, herauszufinden, welche Rituale persönlich beruhigend wirken.

Warum sind hochsensible Menschen morgens trotz ausreichend Schlaf erschöpft?

Auch ausreichend lange Schlafdauer garantiert nicht automatisch erholsamen Schlaf. Häufiges Aufwachen, innere Unruhe oder eine intensive Verarbeitung von Eindrücken können dazu beitragen, dass man sich morgens erschöpft fühlt. Anhaltende Müdigkeit sollte jedoch nicht ausschließlich auf Hochsensibilität zurückgeführt werden.

Welche Schlafumgebung brauchen hochsensible Menschen für erholsamen Schlaf?

Eine möglichst ruhige und reizreduzierte Umgebung kann hilfreich sein. Dazu gehören beispielsweise ein dunkles Schlafzimmer, eine angenehme Temperatur und wenig störende Geräusche. Was als angenehm empfunden wird, ist individuell – entscheidend ist, störende Reize so weit wie möglich zu reduzieren.

Ab wann sollte ich mit meinen Schlafproblemen zum Arzt gehen?

Wenn Schlafprobleme über mehrere Wochen anhalten, regelmäßig auftreten oder deinen Alltag deutlich beeinträchtigen, solltest du sie ärztlich abklären lassen. Das gilt auch bei starkem Schnarchen, Atemaussetzern, ausgeprägter Tagesmüdigkeit oder wenn du trotz ausreichend Schlaf dauerhaft erschöpft bist. Hochsensibilität kann den Schlaf beeinflussen, sollte aber nicht vorschnell als alleinige Ursache angenommen werden.

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Viele Hochsensible leiden hin und wieder unter Einschlaf- und Durchschlafproblemen – oft wegen zu vieler Gedanken und einer ungünstigen Schlafumgebung.

In meiner Beratung begleite ich HSP dabei, ihre Schlafgewohnheiten an ihre Bedürfnisse anzupassen und die Schlafqualität zu erhöhen.

Falls auch du dabei eine Begleitung suchst, nimm gern Kontakt zu mir auf.