Hochsensibilität & neurotisches Verhalten: Was Trauma anrichtet

Hochsensibilität & neurotisches Verhalten: Was Trauma anrichtet

Hochsensiblen wird oft leichte Reizbarkeit und zu hohe Empfindsamkeit nachgesagt. In diesem Zusammenhang fällt auch der Begriff neurotisches Verhalten – manchmal als Fremdzuschreibung, manchmal als Selbstdiagnose.

Ist Hochsensibilität tatsächlich eine Form von Neurotizismus? Oder handelt es sich um zwei grundsätzlich verschiedene Phänomene, die lediglich oberflächlich ähnlich wirken? Alle Antworten dazu gibt’s in diesem Artikel.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Hochsensibilität und Neurotizismus

 

Hochsensibilität: Neigt unser Nervensystem zu Neurotizismus?

Wir Hochsensiblen haben bekanntlich eine erhöhte Sensitivität. Aufgrund des fehlenden Reizfilters und der hohen Dichte an Alltagseinflüssen bilden wir schneller ein dysreguliertes Nervensystem aus, als Nicht-Hochsensible. In einer Studie zu Hochsensibilität und Neurotizismus wurde herausgefunden, dass wir HSP aufgrund unserer höheren Reizempfindlichkeit stärker zu neurotischem Verhalten neigen.

Doch das macht uns Menschen mit Hochsensibilität noch lange nicht zu Neurotikern.

 

Typische Merkmale hochsensibler Menschen:

  • eine ausgeprägte emotionale Wahrnehmung
  • hohe Empathie und Mitgefühl
  • intensives Erleben von Freude, Traurigkeit oder Angst
  • schnelle Überforderung bei hoher Reizdichte
  • ein starkes Bedürfnis nach Rückzug und Regeneration, oft mit Reizschuld verknüpft
  • ausgeprägte Selbstreflexion

Hochsensible Menschen denken oft tiefer, komplexer und vorausschauender.

Sie erkennen Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben und nehmen aufgrund ihrer Energiesensibilität alle möglichen Zwischentöne wahr. Das kann sowohl eine Stärke als auch eine Belastung sein.

 

Neurotisches Verhalten: Wenn Emotionen schwer zu regulieren sind

Der Begriff Neurotizismus stammt aus der Persönlichkeitspsychologie und beschreibt die Neigung, stärker und anhaltender auf Stress, Unsicherheit und negative Emotionen zu reagieren.

Menschen mit hohem Neurotizismus erleben emotionale Zustände wie Angst, Ärger oder Traurigkeit intensiver und fühlen sich ihnen häufiger ausgeliefert.

Neurotisches Verhalten zeigt sich weniger in der Wahrnehmung selbst, sondern vor allem in der emotionalen Verarbeitung. Neurotizismus ist (oft unbewusst) gelebte Folge von Erfahrungen, die im Innen existenzbedrohliche Emotionen ausgelöst haben (z. B. Schamgefühle). Viele neurotische Menschen verstehen z. B. nicht, dass ihre Partner als Spiegel für die eigenen unbearbeiteten Verletzungen fungieren – und sie nicht verusachen.

 

Typische Merkmale neurotischen Verhaltens

  • starkes Grübeln und gedankliches Kreisen
  • erhöhte Ängstlichkeit
  • emotionale Instabilität
  • Selbstzweifel, Schuldgefühle und innere Unsicherheit
  • starke Stressreaktionen
  • Schwierigkeiten, sich emotional zu beruhigen
  • Neigung zu Perfektionismus

Im Gegensatz zur Hochsensibilität ist neurotisches Verhalten oft mit einem deutlichen Leidensdruck verbunden und kann langfristig zu Erschöpfung, Angststörungen oder depressiven Symptomen führen.

Viele Eigenschaften von Neurotizismus sind den Symptomen der Hochsensibilität ähnlich, dennoch gibt es große Unterschiede zwischen den Phänomenen.

3 Merkmale neurotischen Verhaltens bei Menschen mit Hochsensibilität

 

Hochsensibilität und Neurotizismus: Zwei Konzepte, die oft verwechselt werden

Die Verwechslung von Hochsensibilität und neurotischem Verhalten ist weit verbreitet – sowohl im Alltag als auch in der Fachwelt. Das liegt daran, dass beide mit intensiven emotionalen Reaktionen einhergehen können.

Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Ursache:

  • Hochsensibilität bedeutet, mehr und feiner wahrzunehmen.
  • Neurotisches Verhalten bedeutet, mit dem Wahrgenommenen schwer umgehen zu können.

Ein hochsensibler Mensch kann emotional stabil, reflektiert und ausgeglichen sein. Ein neurotischer Mensch hingegen fühlt sich häufig von seinen Emotionen überwältigt – unabhängig davon, wie sensibel er wahrnimmt.

Neurotizismus ist oft die Folge von Traumata.

Denn unverarbeitete seelische Wunden führen dazu, dass Situationen überdramatisiert werden und neurotisches Verhalten begünstigen. Traumatisierten Menschen ist es manchmal unmöglich, neutral und angemessen auf eine Situation zu reagieren, da in ihnen der ganze alte Schmerz getriggert wird.

Tipp: Wenn du dich mit dem Thema seelische Wunden tiefer beschäftigen möchtest, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Trauma und Hochsensibilität – Entwicklung und Heilung von Traumata“.

 

Warum hochsensible Menschen besonders anfällig für neurotische Muster sind

Hochsensible Menschen verfügen über ein offenes, reaktionsfreudiges Nervensystem. Das macht sie empfänglicher für Schönheit, Tiefe und Verbundenheit – aber auch für Stress, Überforderung und emotionale Verletzungen.

Unsere Gesellschaft mit all ihren Dogmen und Zwängen begünstigt, dass wir HSP schnell eine Opferrolle ausbilden. Diese Haltung führt schnell zu neurotischem Verhalten.

Wenn hochsensible Menschen:

  • dauerhaft über ihre Grenzen gehen
  • ihre Bedürfnisse ignorieren
  • sich an leistungsorientierte, reizintensive Umfelder anpassen
  • emotionale Belastungen nicht verarbeiten können, weil sie ständig erreichbar sein müssen
  • und sich somit schwere Traumata ausbilden

kann sich Hochsensibilität schleichend mit neurotischen Verhaltensweisen einfärben.

Das angeborene Persönlichkeitsmerkmal bekommt dadurch eine Färbung, die manchmal sogar schon Krankheitswert hat.

Starkes neurotisches Verhalten ist nämlich mit Leidensdruck verknüpft – sowohl für Betroffene als auch deren soziales Umfeld.

 

Hochsensibilität an sich ist keine Krankheit und macht auch nicht automatisch krank. Allerdings benötigen wir hochsensiblen Menschen viel Regenerations- und Verarbeitungszeit, damit wir Eindrücke gesund im Unterbewusstsein abgelegen können. Nur so wird die Ausbildung von Trauma und neurotischem Verhalten verhindert.

Hinweis: Falls du wissen möchtest, wie Traumata aus der frühen Kindheit die Persönlichkeit beeinflussen, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenlosen PDF „Der Mensch als Schichtmodell – Warum Entwicklung in Spiralen erfolgt“.

4 Gründe, wie Trauma bei Hochsensiblen Neurotizismus begünstigt

 

Wenn Sensibilität nicht gehalten wird: Ein typisches Beispiel

Vielleicht fragst du dich, wie sich neurotisches Verhalten bei Hochsensiblen konkret ausbilden kann. Deshalb möchte ich dir jetzt ein Beispiel geben, wie bereits alltägliche Situationen Neurotizismus begünstigen.

Eine HSP nimmt Spannungen im Team sofort wahr. Diese Person hat bereits früh in ihrer Kindheit gelernt, dass ihre Wahrnehmung nicht zählt – und es unerwünscht ist, schwelende Konflikte anzusprechen bzw. Lösungsvorschläge zu geben.

Aufgrund ihres hohen Verantwortungsbewusstseins und Erwartungen ihres Vorgesetzten sieht sie sich zudem in der Pflicht, für eine gute Stimmung zu sorgen – was zunehmend Kraft kostet und sie langfristig überfordert.

 

Nun befindet sie sich in einer Zwickmühle.

Da sind zum einen Traumata aus ihrer frühen Kindheit, zudem der Stress durch ihre Hochsensibilität im Beruf. Wenn diese HSP nun keine Chance hat, das Geschehene einzuordnen, sich gesund abzugrenzen und sich ihrer seelischen Wunden bewusst zu werden, entstehen Grübelschleifen, Selbstzweifel und innere Unruhe.

Vielleicht reagiert sie nun übermäßig gereizt und unangemessen stark auf kleinste Trigger.

Von außen wirkt das neurotisch. Tatsächlich ist dieses Beispiel eine gute Darstellung davon, wie ein hochsensibles Nervensystem durch Traumata und gesellschaftliche Konventionen so blockiert wird, dass gesunde Verarbeitung und natürliches Verhalten unterbunden werden.

 

Der Schlüssel: Selbstregulation statt Selbstverurteilung

Der gesunde Umgang mit Hochsensibilität liegt nicht im „Abhärten“, sondern in der Stabilisierung des Nervensystems. Da Neurotizismus die Folge von Trauma ist, ist es vor allem für Hochsensible wichtig, sich ein Leben aufzubauen, dass innere Heilung und Regeneration ermöglicht sowie das Risiko für emotionale Verletzungen minimiert.

Ein reizarmer Alltag und gesunde soziale Beziehungen sind wichtige Säulen dafür, dass Hochsensible neurotisches Verhalten gut regulieren bzw. vermeiden können.

 

Reizbewusstsein entwickeln

Erkenne, welche Situationen dich überfordern, was sie in dir auslösen und wie lange du brauchst, um wieder in die innere Balance zu kommen.

Es geht nicht darum, Schuldgefühle zu entwickeln, weil andere angeblich mehr Reize vertragen als du, sondern um innere Aufrichtigkeit. Die ist die Grundlage dafür, dass du Veränderungen anstoßen kannst.

 

Emotionale Selbstregulation lernen

Achtsamkeit, Atemübungen, Körperarbeit oder Schreiben helfen dir, emotionale Intensität zu verarbeiten.

Traumaarbeit ist der Schlüssel, um seelische Wunden zu heilen und Neurotizismus den Nährboden zu entziehen. Suche dir für diesen Prozess gern Unterstützung, z. B. durch tiefenpsychologische Therapeuten oder eine Beratung für Hochsensible.

Hinweis: Falls du bemerkst, dass du von deinem Gegenüber oft getriggert wirst und nicht bemerkst, dass es dir eigentlich nur deine seelischen Verletzungen aufzeigt, dann wirf gern einen Blick in meinen PDF „Projektionen erkennen – Wie Beziehungen Traumata spiegeln“.

3 Selbstregulationsstrategien bei neurotischem Verhalten für HSP

 

Abgrenzung kultivieren

Nicht jede Stimmung gehört zu dir.

Hochsensible Menschen profitieren besonders von klaren inneren und äußeren Grenzen. Eine mögliche Folge von Trauma ist, dass dir Abgrenzung zunehmend schwerfällt.

Deshalb lohnt sich ein Blick in die Innenwelt, um energetische Störfelder aufzuspüren, aufzulösen und zu lernen, gesunde Grenzen zu setzen.

 

Hochsensibilität schützen, neurotischen Strukturen entziehen

Richtig verstanden und gelebt, ist Hochsensibilität keine Schwäche, sondern eine tiefe Ressource. Ja, sie kann neurotisches Verhalten begünstigen, ist aber nicht die Ursache für krankhaften Neurotizismus.

Gesellschaftliche Strukturen wie z. B. Institutionen für Kinder und permanent erzeugte Ängste durch die Medien sind geradezu bedrohlich für ein hochsensibles Nervensystem. Denn viel zu hohe Erwartungen, Leistungsdruck und die massive Reizflut können Traumatisierung fördern.

Zeitgleich fehlt oft die Zeit für Verarbeitung, sodass es leider nicht verwunderlich ist, dass so viele (hochsensible) Menschen neurotische Verhaltensweisen entwickeln.

 

Wir stehen ständig unter Druck. Spätestens im Berufsleben sind wir hin und wieder von toxischen Menschen umgeben und finden uns in unnatürlichen Umgebungen wieder, die Biorhythmus, Bedürfnissen und emotionaler Gesundheit entgegenstehen.

Für viele Hochsensible ist es deshalb wichtig, ein bedürfnisgerechtes Leben aufzubauen, das:

  • ausreichend Zeit für Regeneration und Herzensbildung zulässt
  • in einem gesunden sozialen Umfeld stattfindet
  • Kreativität und Visionen zulässt
  • Druck minimiert und gesunde Emotionalität fördert
  • Verbundenheit mit sich selbst unterstützt, anstatt Anerkennung im Außen zu erfordern

Auch familiäre Dysbalancen können Traumata begünstigen und neurotische Verhaltensweisen fördern.

Deshalb sollten HSP einen kritischen Blick auf ihr Leben werfen und sich fragen, ob ein paar Stressoren nicht auch einfach vermieden werden könnten.

Neurotizismus minimieren durch gesunde Lebensgestaltung für Menschen mit Hochsensibilität

 

Häufige Fragen (FAQ): Hochsensibilität und neurotisches Verhalten

Ist Hochsensibilität dasselbe wie Neurotizismus?

Nein, Hochsensibilität und Neurotizismus sind nicht dasselbe. Hochsensibilität beschreibt eine angeborene Eigenschaft der tieferen Reizverarbeitung, bei der Sinneseindrücke, Emotionen und soziale Signale intensiver wahrgenommen werden. Neurotizismus hingegen ist ein Persönlichkeitsmerkmal aus der Persönlichkeitspsychologie und bezeichnet eine erhöhte emotionale Instabilität, etwa starke Sorgen oder Stressanfälligkeit. Hochsensible Menschen können neurotisch wirken, müssen es aber nicht sein.

Warum wirken hochsensible Menschen oft neurotisch?

Hochsensible Menschen wirken oft neurotisch, weil sie Reize intensiver verarbeiten und emotional stärker reagieren. Diese erhöhte Wahrnehmung kann zu schneller Überforderung, Grübeln oder Rückzugsverhalten führen, was von außen als Nervosität oder Überempfindlichkeit interpretiert wird. Tatsächlich handelt es sich meist um eine normale Reaktion auf Reizüberflutung, nicht um eine psychische Störung oder neurotische Persönlichkeit.

Kann Hochsensibilität zu neurotischem Verhalten führen?

Ja, Hochsensibilität kann unter ungünstigen Bedingungen zu neurotischem Verhalten führen. Wenn hochsensible Menschen dauerhaft überreizt sind, wenig Selbstregulation erlernen oder ihre Bedürfnisse ignorieren, können Ängste, Perfektionismus oder ständiges Grübeln entstehen. Dieses Verhalten ist jedoch eine Folge von Stress und fehlender Anpassung – nicht von Hochsensibilität selbst. Mit passenden Strategien lässt sich dem gut entgegenwirken.

 

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Jeder ist neurotisch. Schwierig wird es, wenn ein Großteil der Persönlichkeit durch Neurosen gefärbt ist.

In meiner Beratung unterstütze ich HSP dabei, Traumata zu integrieren und neurotische Muster langsam abzubauen.

Falls auch du wissen möchtest, wie du seelische Verletzungen heilen kannst, um dich von neurotischem Verhalten zu befreien, kontaktiere mich gern.

 

Hochsensibilität & Opferrolle: Gesunder Umgang mit Schattenseiten

Hochsensibilität & Opferrolle: Gesunder Umgang mit Schattenseiten

Viele HSP erleben sich als ausgeliefert, überfordert oder nicht gesehen. Doch warum ist das so? Und vor allem: Wie können Menschen mit Hochsensibilität aus der Opferrolle herausfinden, ohne ihre Sensibilität zu verleugnen?

Dieser Artikel beleuchtet die Verbindung zwischen Hochsensibilität und Opferhaltung, räumt mit Missverständnissen auf und zeigt konkrete Wege in mehr Selbstwirksamkeit und innere Stärke.

5 Wege aus der Opferrolle für Hochsensible

 

Die Opferrolle: Definition und psychologische Hintergründe

Die Opferrolle beschreibt eine innere Haltung, in der sich ein Mensch dauerhaft als machtlos, benachteiligt oder ausgeliefert erlebt. Ständige Erreichbarkeit und Reizschuld können diese Haltung verstärken.

Typische Gedanken sind:

  • „Ich kann nichts ändern.“
  • „Andere sind schuld, dass es mir schlecht geht.“
  • „Ich werde immer übersehen.“
  • „Das Leben ist unfair zu mir.“

Vielleicht hast auch du bereits die Erfahrung gemacht, dass du Dinge, die dir in deinem hochsensiblen Alltag passieren, ein wenig überdramatisierst – obwohl sie mit ein wenig Abstand gar nicht schlimm sind, oder sogar von dir unbewusst genauso provoziert wurden. Neurotisches Verhalten bei Hochsensiblen ist gar nicht so selten.

 

Oft ist es gar nicht das gerade Erlebte, das tatsächlich schmerzhaft war, sondern die Verknüpfung zu einem traumatischen Ereignis aus deiner Vergangenheit. Wenn du dich also als Opfer der Umstände wahrnimmst, dann lohnt sich ein kritischer (aber liebevoller) Blick in deine Innenwelt.

Laut einer Studie zu Opferhaltung und Hochsensibilität wurde nämlich herausgefunden, dass eine hohe Empfindsamkeit mit intensiv erlebten Gefühlen wie Scham und niedrigem Selbstwert korreliert. Das bedeutet: Wir Hochsensiblen haben länger an Erfahrungen zu knabbern, die uns verletzt haben und ein erhöhtes Risiko, eine Opferhaltung auszubilden.

 

Warum Hochsensible besonders anfällig für die Opferrolle sind

Wir Hochsensiblen neigen schnell dazu, uns als Opfer zu fühlen.

Ja, es stimmt: Die Welt mit ihrer Hektik ist schon etwas ungemütlich für uns. Dennoch können wir nicht erwarten, dass wir mit Samthandschuhen angefasst werden. Es immer möglich (und das hören Menschen, die dauerhaft in der Opferhaltung sind, nicht gern), selbstbestimmt zu handeln und das Leben nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten – wenigstens zu einem gewissen Grad.

Warum wir HSP schnell in die Opferrolle rutschen, liegt an unterschiedlichen Faktoren.

 

1. Tiefe emotionale Verletzbarkeit

Wir Hochsensiblen fühlen intensiver – auch Schmerz, Ablehnung und Kritik. Was andere schnell abhaken, kann bei uns HSP lange nachwirken. Dadurch entsteht leichter das Gefühl, ständig verletzt zu werden oder aufgrund der Hochsensibilität unverstanden zu sein.

Besonders wer früh lernt, kein Mitspracherecht zu haben und sich anpassen zu müssen, bildet im Laufe seiner Entwicklung eine Opferhaltung aus. 

Institutionen wie Schule und Kindergarten fördern mitunter Anpassung statt Selbstbestimmung und tragen einen Teil dazu bei, dass sich viele Hochsensible als Opfer des Systems wahrnehmen. Auch Geschlechterklischees wie z. B. unser toxisches Männerbild führen dazu, dass vor allem hochsensible introvertierte Männer kaum Möglichkeiten haben, ihre Sensibilität gesund zu leben.

Wie unsere Institutionen Opferdenken fördern - besonders bei Menschen mit Hochsensibilität

 

2. Frühe Prägungen, Grenzverletzungen und Trauma

Viele Hochsensible wachsen in Umfeldern auf, die ihre Feinfühligkeit nicht verstehen oder sogar abwerten. Hochsensible Kinder hören immer noch Sätze wie:

  • „Stell dich nicht so an.“
  • „Du bist zu empfindlich.“
  • „Reiß dich zusammen.“

Diese Sätze können dazu führen, dass Hochsensible früh lernen, sich selbst infrage zu stellen – ein Nährboden für Opferdenken.

 

Wer ständig das Gefühl hat, an der eigenen Wahrnehmung zweifeln zu müssen und für kleine Fehler immens bestraft wird, lernt, sich lieber zu fügen – und gar nicht erst zu versuchen, etwas im eigenen Interesse zu verändern.

Hinweis: Falls du wissen möchtest, wie seelische Verletzungen das spätere Leben formen, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Trauma und Hochsensibilität – Entwicklung und Heilung von Traumata“.

 

3. Dauerhafte Überforderung und Reizüberflutung

Wenn hochsensible Menschen nie gelernt haben, gesunde Grenzen zu setzen und sich selbst ständig übergehen (z. B. im Job, in Beziehungen oder im Familienleben), entsteht chronische Erschöpfung. In diesem Zustand fällt es schwer, aktiv Lösungen zu sehen – die Opferrolle wirkt dann wie ein logischer Rückzugsort.

Manche Menschen machen es sich in dieser Opferhaltung richtig bequem und werden sogar wütend, wenn ihnen jemand konkrete Lösungsvorschläge bietet – sie also aus ihrer gewohnten Haltung befreien möchte.

Hinweis: Um dich vor chronischer Erschöpfung zu schützen, kannst du deinen Alltag bewusst entschleunigen. Wirf dazu gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Reizarme Alltagsgestaltung für Menschen mit Hochsensibilität“.

 

Hochsensibilität ist keine Opferidentität

Der zentrale Punkt ist: Hochsensibilität rechtfertigt nicht, dauerhaft in der Opferrolle zu bleiben. Sie erklärt vieles – aber sie entmündigt nicht. Wir HSP haben unser Leben selbst in der Hand und dürfen uns nicht von anderen Menschen, Umständen und früheren Verletzungen abhängig machen.

Problematisch wird es, wenn Hochsensibilität unbewusst zur Erklärung für alles wird:

  • „Ich kann nicht anders, ich bin halt hochsensibel.“
  • „Die Welt ist zu hart für mich.“
  • „Andere müssen sich an mich anpassen.“

 

Hier verschiebt sich die Verantwortung vollständig nach außen. Das kann kurzfristig entlasten, verhindert aber langfristiges Wachstum und eine gesunde Entscheidungsfindung. Außerdem nimmt es starke manipulative Züge an, andere für das eigene Befinden verantwortlich zu machen.

Wer anderen nämlich seine Eigenverantwortung überträgt, wird irgendwann zu einem toxischen Menschen.

3 Auswirkungen der eigenen Opferhaltung auf andere Menschen

 

Die versteckten Vorteile der Opferrolle bei Hochsensibilität

So unangenehm sie für Betroffene ist – die Opferrolle bietet auch sekundäre Gewinne:

  • Schutz vor Veränderung
  • Rechtfertigung für Rückzug
  • Aufmerksamkeit und Mitgefühl
  • Vermeidung von Konflikten
  • keine Verantwortung bzw. Eigenverantwortung übernehmen müssen

Für hochsensible Menschen, die Harmonie lieben und Konflikte scheuen, kann das besonders verführerisch sein.

 

Wenn du in der Opferhaltung bleibst, kannst du zwar nichts ändern, aber auch keine Fehltritte machen. Allerdings ist es dann einfach, immer herumzunörgeln, andere für die eigene Befindlichkeit verantwortlich zu machen und den „sterbenden Schwan“ zu demonstrieren. 

Hinweis: Natürlich ist es gesund, sich auch mal von anderen supporten zu lassen. Vor allem, wenn innere seelischen Wunden aufgearbeitet werden, ist Unterstützung wichtig. Entscheidend ist, ob du diese Hilfe nutzt, um wieder in die Selbstbestimmung zu kommen – oder ob sie permanent eingefordert wird, um die Opferhaltung zu manifestieren.

 

Der Weg raus aus der Opferrolle – speziell für Menschen mit Hochsensibilität

Ich selbst neige auch ab und an dazu, mich als Opfer wahrzunehmen: von Umständen, Menschen, meiner inneren Verfassung. Allerdings werde ich mir dann schnell darüber bewusst, wo ich mich innerlich gerade befinde und suche Wege, um den Opfermodus schnell zu verlassen.

Die Wege dafür sind vielfältig.

 

1. Hochsensibilität neu definieren

Der erste Schritt ist ein Perspektivwechsel: Hochsensibilität ist kein Makel, sondern eine Fähigkeit mit Verantwortung.

Frage dich:

  • Wie kann ich meine Sensibilität bewusst einsetzen?
  • Wo darf ich lernen, mich besser abzugrenzen?

Nur, weil du hochsensibel bist, bist du weder krank noch leistungsunfähig.

Werde dir darüber bewusst, inwieweit du dich bisher hinter deiner Hochsensibilität versteckt hast. Es geht dabei nicht darum, dass du Schuldgefühle entwickelst, sondern um innere Aufrichtigkeit.

 

2. Verantwortung zurückholen

Wir Hochsensiblen sind mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein ausgestattet. Mitunter mussten wir schon als Kind Verantwortung für andere tragen (Parentifizierung) und haben dadurch ein schwieriges Verhältnis dazu aufgebaut.

Manche HSP wurden durch zu viel Verantwortung im Kindesalter so stark überfordert, dass sie später überhaupt keine Verantwortung mehr übernehmen wollen/können.

Dennoch ist Eigenverantwortung der einzige Weg aus der Opferrolle.

 

Es bedeutet:

  • Ich erkenne meine Handlungsspielräume.
  • Ich entscheide, wie ich mit Situationen umgehe.
  • Ich bin bestrebt, meine Möglichkeiten auszuloten und das Beste aus der Situation zu machen.
  • Ich gebe die Verantwortung für andere ab und kümmere mich um mein eigenes Glück.

Ein kraftvoller Satz ist z. B.: „Ich kann nicht alles kontrollieren – aber ich kann meine Reaktion wählen.“

Tipp: Du kannst deine seelischen Wunden am besten erkennen, wenn du deinen Partner als Spiegel betrachtest. Wenn er dich triggert, dann ist das meist ein Zeichen dafür, dass du einer Verletzung auf der Spur bist.

Warum manche lieber Verantwortung für andere übernehmen, statt eigenverantwortlich zu handeln

 

3. Grenzen setzen lernen

Viele Menschen mit Hochsensibilität geraten in die Opferrolle, weil sie keine klaren Grenzen setzen. Sie sagen Ja, obwohl sie Nein fühlen. Vielleicht hast auch du als Kind gelernt, dass deine Bedürfnisse nicht zählen. Dementsprechend geht es nun erst einmal darum, dich und deine Grenzen kennenzulernen.

Grenzen sind kein Angriff – sie sind Selbstschutz.

Hinweis: Dein Körper hilft dir dabei, Grenzen wahrzunehmen. Um die Signale deines Körpers schnell deuten zu können und dich gesund abzugrenzen, wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Körperarbeit für Hochsensible – Signale des Körpers verstehen“.

 

4. Raus aus der Identifikation mit dem Leid

Du hast schwierige Erfahrungen gemacht – aber du bist nicht dein Leid. Diese Unterscheidung ist essenziell, um die Opferidentität loszulassen. Manche Hochsensible neigen gern dazu, sich nur noch durch die Brille ihrer Verletzungen zu betrachten, dabei haben sie so viele Potenziale und Handlungsspielräume.

Hilfreiche Fragen:

  • Wer bin ich jenseits meiner Verletzungen?
  • Was stärkt mich wirklich?
  • Wie soll mein Leben aussehen und was kann ich aktiv dafür tun?

 

5. Unterstützung annehmen – ohne sich abhängig zu machen

Coaching, Therapie oder Selbsthilfegruppen können wertvolle Begleiter sein. Wichtig ist, dass sie Empowerment fördern und nicht das Gefühl verstärken, „kaputt“ zu sein.

Such dir Menschen, die bereits selbstbestimmt ihr Leben leben und dich auf deinem Weg aus der Opferrolle unterstützen können. Nimm ihren Support an, bleib aber trotzdem in deiner Eigenverantwortung und höre auf deine Intuition.

Letztlich musst du selbst entscheiden, was für dich richtig ist.

 

Erfahrungsbericht: Wie ich meine Opferrolle gegen Selbstwirksamkeit eingetauscht habe

Leider bin ich meiner Opferhaltung viele Jahre lang auf den Leim gegangen.

Ich habe durch meine Erfahrungen nämlich gelernt, chancenlos und ausgeliefert zu sein. Und so wurde ich zu einem extrem angepassten, unglücklichen Menschen ohne Perspektive.

Irgendwann haben Körper und Seele gestreikt. Viele Jahre Begleitung waren erforderlich, bis ich verstanden hatte, die Chefin meines Lebens zu sein – auch wenn das konträr zu meinen früheren Erfahrungen stand.

Wenn ich in die Opferrolle rutsche - 4 Strategien für Hochsensible, um aus der Opferhaltung rauszukommen

 

Also setzte ich mich in Bewegung, und zwar mit jeder Menge Widerstand. Da war noch der ganze Schmerz von der Verantwortung, die ich als Kind übernehmen musste. Und Angst vor Fehlern.

 Ehrlicherweise hatte ich auch angenommen, Verbundenheit mit anderen Menschen könne nur dann entstehen, wenn man absolut verletzlich und hilfsbedürftig sei – das ist totaler Quatsch und die Haltung eines Kindes, nicht von einem Erwachsenen!

Mittlerweile habe ich viel Selbstwirksamkeit erfahren und nehme wahr, wenn ich gerade durch die Brille des Opfers schaue.

Dadurch kann ich Situationen reflektierter bewerten und meine tatsächlichen Möglichkeiten einschätzen und nutzen.

Tipp: Wut ist wichtig, um die Opferrolle verlassen zu können. Wenn du mehr darüber wissen möchtest, wie du diese (oft verachtete) Emotion gesund in dein Leben integrierst, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Hochsensibilität und Wut – Gesund mit Wut umgehen“.

 

Häufige Fragen (FAQ) zu Hochsensibilität und Opferrolle

 

Warum geraten hochsensible Menschen häufiger in die Opferrolle?

Kritik, Ablehnung oder Ungerechtigkeit werden von HSP nicht nur rational registriert, sondern emotional stark verarbeitet. Dadurch entsteht schneller das Gefühl, überfordert, ohnmächtig oder ausgeliefert zu sein. Hinzu kommt, dass viele Hochsensible früh gelernt haben, sich anzupassen, Konflikte zu vermeiden und die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen. Wenn Grenzen nicht klar gesetzt werden, entsteht leicht der Eindruck: „Ich werde immer übergangen“ – ein zentraler Nährboden für die Opferrolle.

Wie erkenne ich als hochsensible Person, ob ich in einer Opferrolle feststecke?

Typische Anzeichen sind wiederkehrende Gedanken wie:

  • „Die anderen sind schuld.“

  • „Ich kann ja sowieso nichts ändern.“

  • „Mir passiert das immer.“

Auch emotional zeigen sich Hinweise: innere Erschöpfung, Hilflosigkeit, unterschwellige Wut oder das Gefühl, vom Leben unfair behandelt zu werden. Wenn Verantwortung überwiegend im Außen gesehen wird und die eigene Handlungsmacht klein erscheint, ist das ein klares Signal für eine Opferdynamik.

Welche typischen Denk- und Verhaltensmuster verstärken die Opferrolle bei Hochsensibilität?

Besonders häufig sind:

  • Überverantwortung für andere: Die eigenen Bedürfnisse werden zurückgestellt, bis Frust entsteht.

  • Katastrophisierendes Denken: Einzelne negative Erfahrungen werden verallgemeinert.

  • Konfliktvermeidung: Probleme werden nicht angesprochen, sondern „ausgehalten“.

  • Starke Selbstzweifel: Kritik wird verinnerlicht, auch wenn sie objektiv unbegründet ist.

Diese Muster laufen meist unbewusst ab und verstärken sich gegenseitig – gerade bei sensiblen Menschen mit hoher Empathie.

Wie können Menschen mit Hochsensibilität aus der Opferrolle aussteigen und innere Stärke entwickeln?

Der wichtigste Schritt ist das bewusste Zurückholen von Selbstverantwortung – ohne Selbstverurteilung. Hochsensibilität ist keine Schwäche, sondern eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit, die klare Selbstführung braucht.

Hilfreich sind:

  • das Erkennen eigener Grenzen und deren ruhige Kommunikation

  • das Hinterfragen automatischer Opfergedanken

  • der Aufbau von Selbstmitgefühl statt Selbstkritik

  • kleine, konkrete Handlungen, die das Gefühl von Wirksamkeit stärken

 

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Auch ich war viele Jahre in der Opferhaltung gefangen, habe mich aber für ein eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Leben entschieden.

In meiner Beratung unterstütze ich HSP dabei, Opferanteile zu erkennen und liebevoll zu versorgen.

Falls auch du wissen möchtest, wie du deine Selbstbestimmung zurückholst, dann kontaktiere mich gern.

 

Hochsensibilität & ständige Erreichbarkeit: 7 einfache Tipps

Hochsensibilität & ständige Erreichbarkeit: 7 einfache Tipps

Für viele hochsensible Menschen ist nicht die Arbeit selbst das größte Problem, sondern das Gefühl, nie wirklich abschalten zu dürfen. Ständige WhatsApp-Nachrichten, Social Media-Posts, eine E-Mail „nur kurz zur Info“ – und innerlich bist du sofort wieder im Betriebsmodus. Wenn du hochsensibel bist, fühlt sich ständige Erreichbarkeit nicht nur stressig an, sondern übergriffig.

Ich zeige dir, warum das so ist und wie du dich davor schützt.

7 Tipps, um Erreichbarkeit für Menschen mit Hochsensibilität gesund zu gestalten

 

Warum ständige Erreichbarkeit Hochsensible besonders belastet

Laut einer Studie zu Hochsensibilität und Überstimulation wurde herausgefunden, dass ständige Erreichbarkeit dazu führt, dass HSP schnell reizüberflutet sind. Wir Hochsensiblen verarbeiten Reize tiefer und intensiver. Das betrifft nicht nur Geräusche oder Stimmungen, sondern auch soziale Erwartungen.

Jeder Reiz, der auf uns einprasselt, erfordert viel Energie, um ihn gesund zu verarbeiten. Und wenn uns die Zeit für Verarbeitung fehlt, neigen wir zu einem dysregulierten Nervensystem

Heutzutage sind wir immer von Reizen umgeben. Die Informationsflut ist enorm. Messengerdienste, Social Media und beruflich geforderte Abrufbarkeit sind für uns HSP absolute Stressoren.

 

Denn eine Nachricht ist für uns Hochsensible nicht nur eine Nachricht. Sie bedeutet:

  • eine unausgesprochene Erwartung und den Gedanken „Ich will niemanden enttäuschen.“
  • eine emotionale Verbindung und Schuldgefühle, wenn nicht sofort reagiert wird
  • einen inneren Film mit all den Konsequenzen, den unser (Nicht-)Handeln auslösen könnte

 

Während andere kurz ihre Nachrichten checken und munter mit ihrem Tagesablauf weitermachen, bleibt unser hochsensibles Nervensystem aktiviert – selbst wenn wir nicht antworten.

Bei permanenter Reizüberflutung bleibt uns manchmal gar nichts anderes übrig, als uns komplett zurückzuziehen (und melden uns oft tagelang nicht mehr). Das erzeugt wiederum Reizschuld, die uns HSP zu schaffen macht.

3 Auswirkungen ständiger Erreichbarkeit auf das hochsensible Nervensystem

 

WhatsApp, TikTok, Instagram & Co.: Die stille Dauerbelastung

Digitale Erreichbarkeit ist für Menschen mit Hochsensibilität tückisch, weil sie keine klaren Grenzen kennt. Während Generationen vor uns nicht einmal ein Telefon besaßen, sollen wir permanent abrufbar sein.

Gerade für Hochsensible im Beruf ist es eine Tortur, wenn sie immer auf ihrem Arbeitshandy erreichbar sein müssen.

Früher gab es Feierabend. Heute gibt es:

  • Gruppen-Chats (auch ganz besonders nervige, wie z. B. Elterngruppen bzgl. Schule)
  • Statusanzeigen („online“, „zuletzt gesehen“)
  • Lesebestätigungen, die die Erwartung triggern, schnell zu antworten
  • Push-Benachrichtigungen rund um die Uhr

 

Für Hochsensible entsteht daraus ein Dauer-Alarmzustand. Selbst wenn das Handy still ist, bleibt innerlich die Anspannung: Es könnte jederzeit etwas kommen.

Das verhindert, dass wir in den Entspannungsmodus wechseln können. Dieser ist aber dringend notwendig, um das Tagesgeschehen zu verarbeiten und langfristig emotional gesund zu bleiben.

 

Warum „einfach ignorieren“ keine Lösung ist

Sicher hast auch du schon viele Ratschläge von Nicht-HSP gehört, deren Nervensystem ganz anders mit der Reizflut umgeht, als deines. Viele gut gemeinten Ideen gehen an der Realität vorbei:

Diese Äußerungen führen dazu, dass wir uns eher schlecht fühlen:

  • „Leg das Handy halt weg.“
  • „Du musst lernen, Grenzen zu setzen.“
  • „Beantworte die Nachrichten einfach später und denke nicht mehr darüber nach.“

Was einmal in unser hochsensibles System eingedrungen ist, lässt sich von uns kaum ignorieren.

Das Problem ist nicht die Nachricht an sich, sondern das, was sie in uns auslöst. Wir hochsensiblen Menschen spüren Erwartungen oft stärker als andere – selbst dann, wenn sie nur vermutet sind.

Das kann schnell dazu führen, dass wir eine Opferrolle einnehmen.

Was ständige Nachrichten bei Hochsensiblen auslösen

 

Gesunde Abgrenzung beginnt deshalb nicht bei der App, sondern im Inneren. Wir können lernen, tief liegende Persönlichkeitsschichten von uns zu schützen, sodass Eindrücke uns nicht mehr bis ins Mark erschüttern.

Tipp: Wenn du wissen willst, wie du gesunde Abgrenzung trainieren kannst, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Bedürftigkeit stillen und Grenzen stabilisieren“.

 

Hochsensibilität & Erreichbarkeit: 7 konkrete Strategien

Viele von uns Hochsensiblen haben über Jahre hinweg ein immenses Stressniveau entwickelt, dass es uns schwermacht, die Verbindung zu uns selbst zu stärken.

Ohne diese Verbundenheit wissen wir aber gar nicht, was wir tun müssen, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen und gesund mit ständiger Erreichbarkeit umzugehen.

Je besser du deine äußeren Grenzen schützen kannst, desto mehr bist du in der Lage, dich mit deiner Intuition zu verbinden. Und je besser das gelingt, desto weniger triggert es dich, wenn eine Nachricht nach der anderen hereinflattert.

 

1. Trenne Erreichbarkeit von Verfügbarkeit

Du darfst erreichbar sein, ohne verfügbar zu sein.

Eine ungelesene Nachricht ist kein persönliches Versagen. Niemand kann und darf dich zwingen, sofort auf ein Anliegen zu reagieren.

Wir HSP brauchen einfach unsere Zeit, um über die Information nachzudenken und eine Entscheidung zu treffen.

Um die Erwartung ständiger Verfügbarkeit zu entgehen, kannst du:

  • Lesebestätigungen ausschalten
  • „Zuletzt online“ deaktivieren

 

2. Feste Antwortzeiten definieren (für dich!)

Nicht kommunizieren, wann andere dich erreichen dürfen, sondern wann du antwortest. Du kennst deine Grenzen und Bedürfnisse am besten und weißt, ob du gerade in der Lage bist, zu reagieren. Dadurch schaffst du dir einen Schutzraum, der Entspannungsmomente ermöglicht.

Beispiel:

  • E-Mails: 1–2 feste Antwortzeiten am Tag
  • Messenger: nur zu bestimmten, von dir festgelegten Uhrzeiten

 

3. Mikro-Pausen für dein Nervensystem

Wenn du von einem reizarmen Alltag weit entfernt bist, solltest du dir wenigstens kleine Erholungspausen gönnen. Schon 2–3 Minuten ohne Bildschirm helfen dir dabei, dein Nervensystem zu regulieren.

Probieres es mit:

  • tiefem Ausatmen und Erlernen der Bauchatmung
  • Blick aus dem Fenster
  • Smartphone bewusst weglegen
  • Körperwahrnehmung stärken und Verspannungen bewusst lösen

 

Hinweis: Wenn du dein Nervensystem langfristig stabilisieren willst, brauchst du eine gute Verbindung zu deinem Körper. In meinem kostenfreien PDF „Körperarbeit für Hochsensible – Signale des Körpers verstehen“ findest du Ideen, wie du dich in dir noch mehr zuhause fühlst.

 

4. Schuldgefühle bewusst hinterfragen

Frage dich: Habe ich wirklich eine Verpflichtung – oder nur ein schlechtes Gefühl?

Gefühle sind kein Beweis für Verantwortung. Ohnehin darfst du an deinem hohen Verantwortungsbewusstsein etwas arbeiten, denn du bist nicht verpflichtet, der Welt gegenüber immerzu verfügbar zu sein.

Schuldgefühle sind bei Hochsensiblen leider sehr häufig zu finden. Sie plagen uns nur deshalb, weil die Gesellschaft uns eingebläut hat, dass gesunde Selbstfürsorge und Selbstschutz egoistisch seien.

Wie Schuldgefühle gesunde Abgrenzung verhindern

 

5. Erreichbarkeit aktiv gestalten

In den meisten Fällen hilft es, dein soziales Umfeld aktiv über deine Grenzen zu informieren.

Du darfst aber auch genauso:

  • Gruppen stummschalten
  • Chats archivieren
  • Benachrichtigungen reduzieren

 

Nicht aus Schwäche, sondern aus Selbstschutz. Leider gibt es viele toxische Menschen, die kein Verständnis für deine Grenzen und Bedürfnisse haben. Es ist daher auch vollkommen legitim, die Erreichbarkeit stark einzuschränken oder sogar zu unterbinden.

 

6. Innere Erlaubnis statt äußere Erklärung

Viele Menschen mit Hochsensibilität glauben, sie müssten ihre Nicht-Erreichbarkeit begründen („Ich war beschäftigt“, „Sorry, ich hatte viel zu tun“).

Das erzeugt inneren Druck und gibt dir selbst das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun.

Übe stattdessen stille Erlaubnis:

  • Du musst nicht erklären, warum du später antwortest.
  • Deine Zeit ist kein Rechtfertigungsprojekt.
  • Du bist keine Maschine, sondern ein Mensch mit hoher Energiesensibilität, der sich von all den Zwischentönen immer wieder erholen muss.

 

Ein einfacher innerer Satz, den du dir immer wieder sagen darfst, lautet: „Ich darf in meinem Tempo reagieren.“

Das entlastet dein Nervensystem mehr als jede technische Einstellung.

 

7. Übergangsrituale nach jeder digitalen Unterbrechung

Hochsensible Menschen wechseln können nicht so schnell auf gesunde Art und Weise zwischen Anspannung und Entspannung wechseln, wie Nicht-Hochsensible. Jede Nachricht reißt dich innerlich aus deinem Fokus – auch wenn sie harmlos ist.

Du brauchst kleine Rituale, um die inneren Grenzen zu wahren und dich gesund zwischen den einzelnen Persönlichkeitsschichten hin- und herbewegen zu können.

 

Hilfreich sind hierfür folgende Tipps:

  • Schließe nach jeder Antwort bewusst ab, z. B. tief ausatmen, Schultern lockern.
  • Notieren kurz: „Thema erledigt“.
  • Mache Mini-Bewegungen (aufstehen, strecken) und Routinen, um dein Nervensystem zu stabilisieren.

 

Diese Mikro-Rituale signalisieren deinem Körper: Gefahr vorbei, du darfst runterfahren.

Tipp: Ideen für mehr Entspannung im Alltag findest du in meinem kostenfreien PDF „Selbstfürsorge für Hochsensible – 7 Routinen für den Alltag“.

 

Hochsensibilität ist kein Kommunikationsproblem

Wenn dich ständige Erreichbarkeit erschöpft, bist du nicht „zu empfindlich“. Dein System ist einfach feiner eingestellt – und braucht andere Rahmenbedingungen. Diese schnelllebige Welt ist für niemanden gemacht – weder für Nicht-HSP noch für uns Hochsensible. Schon allein deshalb ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu schützen.

Erholung beginnt oft nicht mit mehr Ruhe und Rückzug, sondern mit weniger innerem Druck.

4 Sätze, die dir beim Umgang mit Nachrichten helfen - für HSP

 

Du darfst offline sein. Ohne Begründung, ohne schlechtes Gewissen. Denn deine Gesundheit ist das Wichtigste.

 

Ständige Erreichbarkeit ist kein Maßstab für:

  • Engagement
  • Freundlichkeit
  • Zuverlässigkeit

…sondern ein Zeichen einer völlig überdrehten Leistungsgesellschaft, die den Kontakt zu ihrer Emotionalität verloren hat.

Auch wenn uns immer wieder Unverständnis und der Vorwurf von Egoismus begegnen: Gerade hochsensible Menschen leisten viel – oft unsichtbar. Du darfst dich schützen, ohne dich zu rechtfertigen.

 

 

Erfahrungsbericht: So gehe ich als HSP mit Erreichbarkeit um

Tatsächlich habe ich es lange nur schwer ausgehalten, Nachrichten unbeantwortet zu lassen und auch mal „Nein“ zu sagen, wenn mir etwas gegen den Strich ging.

Mittlerweile (und natürlich gibt es Schwankungen) kommt es auch vor, dass ich ein paar Wochen verstreichen lasse, bis ich auf Nachrichten, die für mich wenig Priorität haben, antworte.

Ich habe verstanden: Ich muss gut auf mich aufpassen – denn keiner weiß, wie es in mir aussieht.

 

Um im Alltag nicht ständig mit Nachrichten konfrontiert zu sein:

  • logge ich mich bei Social Media bewusst ein und auch wieder aus
  • lasse ich mein Smartphone zuhause, wenn ich mich in der Natur bewege
  • minimiere ich den Kontakt zu Menschen, die mir nicht guttun (oder breche ihn ab)
  • habe ich mich für feste Zeiten entschieden, an denen ich Mails beantworte
  • vermeide ich die Nutzung digitaler Geräte am Wochenende

Ich sehe es auch nicht mehr ein, Einladungen und Kontaktversuche anderer direkt beantworten zu müssen. Ich sage dann oft „Ich weiß jetzt noch nicht, ob ich dich an diesem Tag besuchen möchte.“ Und lasse mir somit Optionen offen.

So kann ich intuitiv entscheiden und authentisch sein.

 

Häufige Fragen (FAQ) zu Hochsensibilität und ständiger Erreichbarkeit

Warum passiert es bei Hochsensibilität, dass ich mich emotional zuständig fühle, noch bevor ich eine Nachricht gelesen habe?

Hochsensible Menschen verarbeiten Reize besonders tief und reagieren stark auf emotionale Signale. Schon das Vibrieren des Handys kann daher als Hinweis auf mögliche Bedürfnisse, Erwartungen oder Stimmungen anderer interpretiert werden. Da digitale Nachrichten keinen Tonfall oder Kontext liefern, beginnt das Gehirn hochsensibler Menschen automatisch mit emotionaler Interpretation. Dieses Muster führt dazu, dass bereits vor dem Lesen einer Nachricht innere Anspannung entsteht und das Gefühl, emotional verantwortlich zu sein.

Welche Rolle spielt ständige Erreichbarkeit bei Hochsensibilität und emotionaler Überforderung?

Ständige Erreichbarkeit verstärkt bei hochsensiblen Menschen den inneren Druck, jederzeit reagieren zu müssen. Messenger-Dienste, Push-Benachrichtigungen und Lesebestätigungen erzeugen das Gefühl permanenter Erwartung. Für hochsensible Personen bedeutet das eine dauerhafte Aktivierung des Nervensystems, da jede Nachricht potenziell emotional relevant erscheint. Langfristig kann diese Kombination aus Hochsensibilität und digitaler Dauerverfügbarkeit zu Erschöpfung, Stress und emotionaler Überforderung führen.

Übernehme ich als hochsensible Person wirklich Verantwortung für die Gefühle anderer – oder fühlt es sich nur so an?

In den meisten Fällen fühlt es sich nur so an. Hochsensible Menschen übernehmen häufig unbewusst fremde Emotionen, ohne objektiv dafür verantwortlich zu sein. Durch ausgeprägte Empathie und Anpassungsfähigkeit entsteht schnell der Eindruck, für das emotionale Gleichgewicht anderer sorgen zu müssen. Dabei handelt es sich weniger um echte Verantwortung als um ein erlerntes emotionales Muster. Das bewusste Erkennen dieses Unterschieds ist ein wichtiger Schritt, um Hochsensibilität gesund zu leben und sich innerlich abzugrenzen.

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Ständige Erreichbarkeit ist für Hochsensible besonders anstrengend – denn die ohnehin zarten Grenzen werden dadurch komplett gesprengt.

In meiner Beratung unterstütze ich HSP dabei, wie sie gesund mit klingelnden Smartphones und nervigen Nachrichten umgehen können.

Wenn du Tipps und Hinweise für Smartphone-freie Zeit im Alltag brauchst, dann kontaktiere mich gern.

 

Hochsensibilität & Reizschuld: Für Rückzug schuldig fühlen

Hochsensibilität & Reizschuld: Für Rückzug schuldig fühlen

Viele hochsensible Menschen kennen dieses innere Dilemma: Der Körper schreit nach Rückzug, Ruhe und Alleinsein – doch kaum ziehst du dich zurück, meldet sich ein unangenehmes Gefühl von Schuld.

Dieses Phänomen möchte ich in diesem Beitrag Reizschuld nennen: das Schuldgefühl, das entsteht, wenn sich Menschen mit Hochsensibilität vor Reizüberflutung schützen. Wie du gesund mit diesem Gefühl umgehst und wo es herkommt, erfährst du jetzt.

Reizschuld: Alles Wichtige auf einen Blick - Reizschuld Definition, Entstehung von Reizschuld, Umgang mit Reizschuld

 

Was ist Reizschuld?

Reizschuld ist kein offizieller psychologischer Begriff – aber eine sehr reale innere Erfahrung vieler HSP.

Sie beschreibt das Gefühl, sich für den eigenen Rückzug rechtfertigen zu müssen, obwohl dieser dringend notwendig ist, um emotional und körperlich gesund zu bleiben.

Typische Gedanken sind:

  • „Andere schaffen das doch auch.“
  • „Ich sollte mich zusammenreißen.“
  • „Ich bin kompliziert.“
  • „Ich enttäusche Menschen.“
  • „Wenn ich mich mehr anstrenge, halte ich irgendwann mehr durch.“

 

Die Reizschuld entsteht nicht, weil der Rückzug falsch ist – sondern weil hochsensible Bedürfnisse in unserer Gesellschaft oft missverstanden werden. Wir leben in einer Welt, die intensiv und reizüberflutend auf uns einprasselt.

Unser hochsensibles Gehirn ist gar nicht in der Lage, all diese Eindrücke zu verarbeiten, wenn wir Hochsensiblen uns nicht in regelmäßigen Abständen zurückziehen.

Fehlt der Rückzug, neigen wir dazu, ein dysreguliertes Nervensystem auszubilden.

 

Warum Menschen mit Hochsensibilität besonders anfällig für Reizschuld sind

Viele Nicht-Hochsensible kommen auf den ersten Blick gut mit den ganzen Alltagsreizen zurecht. Tatsächlich stumpfen sie aber oft ab, weil auch ihnen die Zeit für die Verarbeitung fehlt.

Wir HSP neigen aufgrund der Beschaffenheit unseres Nervensystems verstärkt dazu, reizüberflutet zu werden. Das ist nicht unsere Schuld, sondern in der Biologie unseres Gehirns begründet – wir haben nämlich keinen Reizfilter, der die Eindrücke nach Relevanz filtert.

Außerdem gibt es noch weitere Faktoren, die uns Hochsensible anfällig für Reizschuld machen.

 

1. Hochsensible nehmen Bedürfnisse anderer stärker wahr

HSP spüren Stimmungen, Erwartungen und Enttäuschungen oft sehr fein. Wir sind mit einer außerordentlichen Energiesensibilität ausgestattet und haben einen 6. Sinn für all das, was ungesagt transportiert wird. Wir sind Meister im Verstehen nonverbaler Kommunikation.

Schon ein leichtes Zögern beim Gegenüber und eine winzige Geste können ausreichen, um bei uns Schuldgefühle auszulösen – selbst dann, wenn niemand offen Kritik äußert.

4 Dinge, die Hochsensiblen bei Gesprächen nicht entgehen - und die zu Reizüberflutung führen können

 

2. Rückzug wird gesellschaftlich negativ bewertet

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und sollen ständig erreichbar sein.

Unsere Kultur belohnt, wenn wir funktionieren und uns anpassen. Emotionale Gesundheit hat leider noch nicht den Stellenwert, den sie dringend bräuchte.

Belastbarkeit, Dauerverfügbarkeit und soziale Präsenz sind Marker, die in unserer Gesellschaft als besonders erstrebenswert gelten. Wie es aber tief in uns drinnen aussieht, daran gibt es kaum Interesse.

 

Rückzug wird schnell mit Schwäche und Desinteresse gleichgesetzt.

Während wir versuchen, gut für uns selbst zu sorgen, unterstellen uns andere, wie wären egoistisch. Wir Hochsensible internalisieren diese Bewertungen oft besonders tief. Dabei ist Selbstfürsorge die Basis dafür, dauerhaft gesund zu bleiben.

Hinweis: Falls du wissen möchtest, wie du als HSP im Alltag gut für dich sorgen kannst, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Selbstfürsorge für Hochsensible – 7 Routinen für den Alltag“.

 

3. Viele HSPs haben früh gelernt, sich anzupassen

Nicht wenige Hochsensible sind damit aufgewachsen, ihre Reizüberforderung zu übergehen. Oft fehlten uns emotional reife Bezugspersonen, die verständnisvoll mit unserem zarten Nervensystem umgegangen sind.

Statt Co-Regulation und Einfühlungsvermögen hörten wir:

  • „Stell dich nicht so an.“
  • „Das bildest du dir ein.“
  • „Du bist zu empfindlich.“

Diese Erfahrungen legen den Grundstein für spätere Selbstzweifel. Wenn wir als hochsensible Kinder nicht mal im Elternhaus Rückhalt und Verständnis erfahren haben, dann ist es als Erwachsener umso schwerer, selbstbewusst Grenzen zu setzen und für die eigenen Bedürfnisse einzustehen.

Hinweis: Wenn du wissen möchtest, wie du dich noch besser abgrenzen kannst, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Bedürftigkeit stillen und Grenzen stabilisieren“.

 

Hochsensibilität: Reizschuld vs. echte Verantwortung

Wenngleich viele Nicht-HSP uns für Rückzug belächeln oder sogar egozentrisches Verhalten und fehlendes Verantwortungsbewusstsein vorwerfen, solltest du trotzdem auf deine Intuition vertrauen.

  • Reizschutz bedeutet, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.
  • Reizschuld ist ein emotionales Überbleibsel aus alten Anpassungsmustern.

Sich zurückzuziehen, weil das Nervensystem überlastet ist, ist kein moralisches Versagen. Es ist Selbstregulation.

Oder anders gesagt: Wer seine Grenzen ignoriert, zahlt später einen deutlich höheren Preis – emotional, körperlich und oft auch in Beziehungen. Vor allem bei Hochsensibilität in der Partnerschaft ist es oft notwendig, sich zurückzuziehen, um die Verbindung zu sich selbst nicht zu verlieren.

Wie Verletzungen der eigenen Grenzen wahre Verbundenheit verhindert und Reizschuld das Verletzen eigener Grenzen verstärkt

 

Typische Situationen, in denen Reizschuld auftritt

Während Nicht-Hochsensible mit alltäglichen Situationen kaum Probleme zu haben scheinen, bereiten uns gewöhnliche Dinge wie z. B. das Einkaufen mit Hochsensibilität manchmal Kopfzerbrechen.

Gerade in zwischenmenschlichen Beziehungen wägen wir ab zwischen unseren eigenen Bedürfnissen und fühlen gleichzeitig, was unsere Entscheidung bei dem Gegenüber emotional auslöst.

 

In diesen Situationen sind Menschen mit Hochsensibilität schnell mit Reizschuld konfrontiert:

  • Absage von Treffen, obwohl „nichts Dramatisches“ passiert ist
  • Bedürfnis nach Alleinzeit nach der Arbeit
  • Rückzug in sozialen Gruppen
  • Überforderung durch Dauerkommunikation (Chats, Sprachnachrichten)
  • Wunsch, früher zu gehen oder gar nicht erst zu erscheinen

Je weniger sichtbar die Überforderung ist, desto stärker wird die Schuld wahrgenommen. Denn was Nicht-HSP kaum Kraft zu kosten scheint, löst bei uns das starke Bedürfnis nach Rückzug und Me-Time aus.

Tipp: Falls du wissen möchtest, wie du deinen Alltag so entspannt wie möglich gestalten kannst, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Reizarme Alltagsgestaltung für Menschen mit Hochsensibilität“.

 

Wie Hochsensible lernen können, mit Reizschuld umzugehen

Wenn du selbst unter Reizschuld leidest, dann darfst du lernen, liebevoll mit diesem Gefühl umzugehen und es langsam abzubauen. Mit der Zeit wandelt es sich – zumindest ist das meine Erfahrung – von einem unangenehmen Gefühl hin zu einem Gefühl von Selbstliebe und Selbstrespekt.

 

1. Schuldgefühle nicht bekämpfen – sondern einordnen

Reizschuld ist ein erlerntes Gefühl, kein Beweis für falsches Verhalten. Dieses Gefühl wurde uns anerzogen und spiegelt wider, wie weit wir uns gesellschaftlich von der Natürlichkeit des Menschseins entfernt haben.

Wenn dich die Reizschuld heimsucht, dann beobachte das Gefühl, ohne es bewerten oder bekämpfen zu wollen.

Je neutraler und offener du dem Gefühl begegnest, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich wandelt oder wieder verschwindet.

 

2. Sprache für die eigenen Bedürfnisse entwickeln

Nichts ist nerviger, als sich während einer akuten Reizüberflutung erklären zu müssen. Statt langer Rechtfertigungen helfen klare, ruhige Sätze:

  • „Ich brauche heute Ruhe, um wieder aufzutanken.“
  • „Mein Nervensystem ist gerade sehr voll.“
  • „Ich melde mich wieder, wenn ich mehr Kapazität habe.“

Du brauchst dich überhaupt nicht schlecht fühlen, wenn du dich abgrenzt. Wenn du authentisch bist und gut für dich sorgst, hast du mehr Kapazitäten für echte Verbundenheit und tragfähige Beziehungen.

Hinweis: Besonders bei HSP mit traumatischen Bindungserfahrungen ist Reizschuld stark ausgeprägt. In meinem kostenfreien PDF „Angst vor Nähe – Bindungsvermeider verstehen“ erfährst du, wie du auch im Erwachsenenalter sichere Bindung lernen kannst.

 

3. Rückzug als Prävention verstehen

Rückzug ist keine Flucht, sondern eine Form von Selbstfürsorge.

Wer früh reagiert, muss später weniger reparieren. Denn diejenigen, die jahrelang ihr Bedürfnis nach Rückzug und Regeneration missachten, landen früher oder später im Burnout, sind ständig gereizt und stecken andere mit ihren chaotischen Schwingungen an.

 

4. Beziehungen neu bewerten

Menschen, die deinen Reizschutz dauerhaft abwerten, fordern möglicherweise Anpassung – nicht Verbindung. Sie mögen dich nur unter der Bedingung, dass du funktionierst.

Baue dir ein Umfeld aus gesunden sozialen Kontakten auf und meide toxische Menschen so gut es geht. Auch alte Beziehungen dürfen dafür gern mal auf den Prüfstand.

So erkennst du Menschen, bei denen du authentisch sein kannst

 

Erfahrungsbericht: Meine Hochsensibilität braucht keinen Freispruch!

Ich habe viele Jahre damit zugebracht, mich krampfhaft an die absurden Ansprüche dieser Gesellschaft anzupassen und bin dadurch zu einer Person geworden, die nichts mehr mit mir gemeinsam hatte.

Mittlerweile ist es mir ziemlich egal, was andere von meinem reizarmen Lebensstil halten. Denn ich habe genug Selbstbewusstsein, dass ich andere nicht mehr um Erlaubnis für meine Entscheidungen bitten muss.

Ich muss niemandem beweisen, dass meine Reizüberforderung „berechtigt“ ist. Mein Nervensystem funktioniert anders als bei den meisten – und das ist kein Charakterfehler.

 

Wenn ich Reizschuld bemerke, dann:

  • frage ich mich, wer mir eingeredet hat, dass Selbstfürsorge egozentrisch sei – und lasse das Gefühl einfach an mir vorbeiziehen
  • bin ich besonders liebevoll mit mir selbst, denn die Reizschuld gehört nicht zu mir
  • atme ich ganz bewusst tief in den Bauch und mache Dinge, die mein Nervensystem beruhigen

Reizschuld verliert ihre Macht dort, wo Verständnis entsteht: für dich selbst, für deine Grenzen und für die Art, wie du die Welt wahrnimmst.

 

Also wenn du dich schuldig fühlst, weil du Ruhe brauchst, frage dich nicht: „Was stimmt nicht mit mir?“ Sondern: „Was braucht mein Nervensystem gerade – und warum habe ich gelernt, das zu übergehen?“

Hinweis: Falls du lernen willst, frühzeitig deine Bedürfnisse wahrzunehmen, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Körperarbeit für Hochsensible – Signale des Körpers verstehen“ . Weitere praktische Tipps im Umgang mit Reizüberflutung findest du auf hochsensibilitaet.ch.

 

Häufige Fragen (FAQ) zu Hochsensibilität und Reizschuld

Was bedeutet „Reizschuld“ bei Hochsensibilität – und warum fühlen sich Hochsensible dafür verantwortlich?

Reizschuld beschreibt das Gefühl hochsensibler Menschen, sich für ihre schnelle Überforderung durch Reize rechtfertigen zu müssen. Da Hochsensible Geräusche, Stimmungen, soziale Interaktionen und digitale Reize intensiver wahrnehmen, entsteht häufiger das Bedürfnis nach Rückzug oder Pausen. In einer leistungs- und reizintensiven Gesellschaft wird diese Reaktion jedoch oft als „zu empfindlich“ bewertet. Viele hochsensible Menschen übernehmen diese Bewertung unbewusst und entwickeln Schuldgefühle für ihre Reizverarbeitung – obwohl diese neurobiologisch bedingt ist und keine persönliche Schwäche darstellt.

Warum entsteht bei Hochsensibilität das Gefühl, anderen durch eigene Reizüberforderung zur Last zu fallen?

Hochsensible Menschen sind meist sehr empathisch und nehmen nicht nur äußere Reize, sondern auch die Reaktionen ihres Umfelds stark wahr. Wenn sie sich zurückziehen oder Grenzen setzen müssen, registrieren sie kleinste Irritationen oder Unverständnis bei anderen. Diese Wahrnehmung führt schnell zu dem inneren Schluss, man sei „anstrengend“ oder „kompliziert“. Die daraus entstehende Reizschuld ist weniger eine objektive Belastung für andere als vielmehr ein inneres Loyalitäts- und Anpassungsmuster hochsensibler Menschen.

Wie können hochsensible Menschen Reizschuld loslassen, ohne ihre Sensibilität zu unterdrücken?

Der zentrale Schritt ist das Verständnis, dass Hochsensibilität eine angeborene Form der Reizverarbeitung ist und kein Fehlverhalten. Reizschuld entsteht dort, wo natürliche Grenzen ständig übergangen werden. Hochsensible Menschen profitieren davon, ihre Bedürfnisse frühzeitig zu kommunizieren, Reizpausen bewusst einzuplanen und die eigene Wahrnehmung nicht länger zu bewerten, sondern zu akzeptieren. Wer lernt, Reizüberforderung ernst zu nehmen, reduziert Schuldgefühle und stärkt langfristig emotionale Stabilität und Selbstakzeptanz.

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Niemand muss sich schämen, wenn er sich zurückzieht, um Reize gesund zu verarbeiten.

In meiner Beratung unterstütze ich HSP dabei, selbstbewusst mit ihrem Bedürfnis nach sozialem Rückzug umzugehen.

Falls auch du wissen möchtest, wie du dich von der belastenden Reizschuld befreien kannst, kontaktiere mich gern.

 

Dysreguliertes Nervensystem bei HSP – Symptome & Behandlung

Dysreguliertes Nervensystem bei HSP – Symptome & Behandlung

Starker Herzschlag, flache Atmung, eingefrorene Emotionen: Besonders Hochsensible neigen zu einem dysregulierten Nervensystem und werden von Alltagsreizen schnell gestresst. Wie ein dysreguliertes Nervensystem entsteht, was die Anzeichen dafür sind und wie du lernst, dich aktiv zu entspannen, erfährst du jetzt.

11 Symptome eines dysregulierten Nervensystems bei Menschen mit Hochsensibilität

 

Das hochsensible Nervensystem

Eines der Symptome von Hochsensibilität ist eine stärkere Reaktion auf Reize und Schwingungen als bei Nicht-Hochsensiblen. Da unser hochsensibles Nervensystem keinen Reizfilter hat, gelangen unsere Alltagseindrücke bis ins Unterbewusstsein und hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck in unserer Psyche.

Dies begünstigt die Ausbildung von Trauma – denn in unserer oberflächlichen Welt sind Darstellungen von Gewalt, ein roher zwischenmenschlicher Umgang und Zeitdruck an der Tagesordnung.

Da diese Dinge auch schon hochsensible Kinder zu spüren bekommen, ist es nicht verwunderlich, dass viele HSP als Erwachsene ein dysreguliertes Nervensystem haben. Vielleicht hast auch du schon bemerkt, dass du große Schwierigkeiten damit hast, dich tief zu entspannen.

 

Diese Faktoren sorgen dafür, dass besonders Hochsensible ein dysregulierten Nervensystem ausbilden:

  • ein starkes Verantwortungsgefühl und schnell einsetzende Reizschuld
  • hohe Empathie (Übernahme fremder Emotionen)
  • frühe Lernerfahrungen, sich „anzupassen“ oder „zusammenzureißen“
  • wenig Raum für echte Regeneration im Alltag, da ständige Erreichbarkeit erwartet wird
  • emotional verwundete Bezugspersonen, die ihre Kinder schlecht halten können

 

Tipp: In meinem kostenfreien PDF „Nervensystem regulieren“ findest du Soforthilfe-Tipps, um dich bei Reizüberflutung schnell wieder zu erden. 

 

Das Nervensystem: Balance zwischen Anspannung und Entspannung

Unser autonomes Nervensystem steuert unbewusst lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Herzschlag und Verdauung. Es besteht vereinfacht gesagt aus zwei Hauptanteilen:

  • Sympathikus: zuständig für Aktivierung, Leistung und Stress („Kampf oder Flucht“)
  • Parasympathikus: zuständig für Ruhe, Regeneration und Sicherheit („Rest & Digest“)

Ein gesundes Nervensystem kann flexibel zwischen diesen Zuständen wechseln.

 

Wenn du großen Stress und viele Reize in deinem Alltag wahrnimmst, gerätst du verstärkt in den Sympathikus. Dieser macht dich leistungsfähig und schützt dein Innenleben gewissermaßen vor all den Erwartungen, mit denen du gerade konfrontiert bist. Du bist weniger im Spüren, dafür aber handlungsfähiger.

Wenn du geschafft hast, was du dir vorgenommen hast, gerätst du langsam in den Parasympathikus. Du entspannst dich und kannst dich wieder mit dir selbst verbinden, denn du weißt: „Ich bin jetzt in Sicherheit.“ Du atmest tiefer, kannst verstärkt kreativ denken und dich fallenlassen.

Funktionsweise des vegetativen Nervensystems - Sympathikus und Parasympathikus

 

Bei einem dysregulierten Nervensystem gelingt dieser Wechsel nur eingeschränkt und braucht oft bewusste Anstrengung. Je länger das Nervensystem in der Dysregulation ist, desto länger braucht es, um sich wieder zu entspannen.

Forschungen zu Kindheitstrauma und dysreguliertem Nervensystem belegen, dass frühkindliche Traumata die Gehirnstruktur verändern können und der Übergang in den Entspannungsmodus erschwert/blockiert wird.

Wenn du aufgrund einer traumatischen Situation zu lange im Sympathikus bist, kann es sogar passieren, dass du neurotisches Verhalten entwickelst oder sogar in eine Dissoziation rutschst – dein Nervensystem friert komplett ein und du fühlst nichts mehr. Manche Menschen (die sich für sehr leistungsfähig halten) leben jahrzehntelang in diesem Zustand und merken nicht, dass sie die Verbindung zu sich komplett verloren haben.

Hinweis: Falls du Interesse an diesem Thema hast, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Trauma und Hochsensibilität – Entwicklung und Heilung von Traumata“.

 

Was bedeutet „dysreguliert“?

Ein dysreguliertes Nervensystem ist häufig entweder:

  • überaktiviert (ständige innere Anspannung, Nervosität, Reizbarkeit, Schlafprobleme) oder
  • unteraktiviert (Erschöpfung, Antriebslosigkeit, emotionale Taubheit, Rückzug)

Manchmal wechseln diese Zustände auch abrupt und unvorhersehbar, was es Betroffenen oft unmöglich macht, adäquat darauf zu reagieren. Ein dysreguliertes Nervensystem entsteht infolge von Stress (durch Trauma), einem unausgeglichenen Botenstoffhaushalt im Gehirn und fehlender Regenerationszeit.

 

Ein dysreguliertes Nervensystem aufgrund von Trauma entsteht folgendermaßen:

Du hast Stress erlebt, den du emotional nicht verarbeitet hast (weil du z. B. ein Kind warst und in einem gewalttätigen Umfeld gelebt hast). Natürlicherweise hättest du geweint, wärst wütend oder traurig geworden, als dir wehgetan wurde. Da du deine Emotionen nicht zeigen durftest, wurden sie unverarbeitet im Nervensystem abgespeichert. Nun sorgt dieser unverarbeitete Stress für eine permanente Dysregulation. Je mehr dich ein Trigger an die seelische Wunde erinnert, desto bedrohlicher wirken die Stresssymptome deines Nervensystems, die du jetzt erlebst.

Wie Trauma zu einem dysregulierten Nervensystem führt

 

11 Symptome eines dysregulierten Nervensystems

Stress an sich ist nichts Schlechtes, wenn er irgendwann wieder nachlässt und ausreichend Zeit für Regeneration zur Verfügung steht. Viele Menschen leben in einem dauerhaften Alarmzustand und sind deshalb besonders reizbar.

Die Symptome eines dysregulierten Nervensystems sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es kann also sein, dass du nur einige dieser Symptome hast.

 

1. Anhaltende innere Unruhe

Das Nervensystem befindet sich dauerhaft im Aktivierungsmodus. Auch ohne äußeren Stress fühlt sich der Körper angespannt an, als müsste jederzeit etwas passieren. Ruhe wird als „unangenehm“ oder sogar bedrohlich erlebt. Aus diesem Grund versuchen sich manche Menschen ständig abzulenken und fürchten sich regelrecht vor Ruhe.

 

2. Schnelle Reizüberflutung

Ein dysreguliertes Nervensystem kann Reize nicht mehr gut filtern.

Geräusche, Gespräche, Licht oder Gerüche treffen ungefiltert auf das System und führen schnell zu Überforderung, Gereiztheit oder Rückzug. Aufgrund des fehlenden Reizfilters und der hohen Energiesensibilität setzen Reize uns Hochsensiblen besonders zu.

 

3. Erschöpfung trotz Schlaf

Der Körper kommt nachts nicht in echte Tiefenregeneration, weil das Nervensystem nicht vollständig in den Ruhemodus wechselt. Schlaf ist zwar vorhanden, aber nicht erholsam.

Vielleicht fühlst auch du dich morgens manchmal wie gerädert, obwohl du extra zeitig ins Bett gegangen bist.

 

4. Schlafprobleme

Gedanken kreisen, der Körper bleibt angespannt oder wacht früh auf. Auch Probleme beim Durchschlafen können vermehrt auftreten. Häufig ist das Nervensystem nachts aktiver als tagsüber, weil dann keine Ablenkung mehr da ist. Nun versucht es dich darauf aufmerksam zu machen, dass etwas nicht stimmt.

 

5. Emotionale Überreaktionen

Kleine Auslöser lösen große emotionale Reaktionen aus.

Das liegt nicht an mangelnder Selbstkontrolle, sondern daran, dass das Nervensystem bereits „am Limit“ ist und kaum Puffer hat. Je länger du in diesem Zustand bist, desto gereizter bist du. Reflektiertes und bewusstes Handeln ist nicht mehr möglich. Gerade bei Hochsensibilität in der Partnerschaft kommt es dann oft zu vermeidbaren Streitereien und haltlosen Vorwürfen.

 

6. Emotionale Taubheit oder Abflachung

Manche Menschen spüren statt intensiver Gefühle plötzlich wenig oder gar nichts.

Das ist ein Schutzmechanismus des Nervensystems, um Überlastung zu vermeiden. Wenn der Stressmodus nicht mehr unterbrochen wird, fällst du in die Dissoziation, in der dein Nervensystem komplett einfriert. In diesem Zustand bist du vielleicht sogar leistungsfähig, spürst aber nichts mehr.

Checkliste: Anzeichen von Dissoziation bei Hochsensiblen

 

7. Konzentrations- und Gedächtnisprobleme

Bei Dauerstress priorisiert das Gehirn Überleben statt Denken. Kreativität, Fokus und Erinnerungsfähigkeit treten in den Hintergrund, was oft fälschlich als „Unfähigkeit“ interpretiert wird.

 

8. Körperliche Stresssymptome

Verspannungen, Kopfschmerzen, ein Kloßgefühl im Hals, Verdauungsprobleme oder Herzklopfen sind Ausdruck davon, dass der Körper ständig unter Stress steht. Der Körper spricht, wenn Worte fehlen. Auch Reizmagen und das Gefühl einer körperlichen Schwere weisen darauf hin, dass du dringend mal eine Pause machen musst.

 

9. Ständiges Alarmgefühl

Das Nervensystem ist in permanenter Wachsamkeit.

Selbst harmlose Situationen werden als potenziell gefährlich bewertet. Das führt zu Schreckhaftigkeit und innerer Anspannung. In diesem Modus passiert es schnell, sich unfair zu verhalten und andere zu beschuldigen, obwohl sie nichts falsch gemacht haben. Weil das Nervenkostüm so stark angespannt ist, verlangen wir von uns selbst und anderen Perfektionismus.

 

10. Rückzugs- oder Vermeidungsverhalten

Rückzug ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein intelligenter Selbstschutz.

Das Nervensystem versucht, weitere Reizüberflutung zu verhindern. Kurzzeitig kann dir Rückzug bei der Regeneration helfen. Langfristig kann er dazu beitragen, dass du dich sozial isolierst und Fähigkeiten wie z. B. Grenzen setzen verlierst.

 

11. Schwierigkeiten, sich zu entspannen oder zu genießen

Selbst schöne Momente lösen keine echte Entspannung aus. Der Körper kennt den Zustand von Sicherheit nicht mehr ausreichend – Genuss braucht jedoch innere Sicherheit.

Vielleicht hast du noch nie erlebt, wirklich sicher zu sein.

In diesem Fall brauchst du ein verständnisvolles Umfeld und eine gute Begleitung, um den angestauten Stress in deinem Nervensystem langsam und gesund abzubauen.

So kannst du eine HSP bei der Regulation ihres Nervensystems unterstützen

 

Wichtig: Diese Symptome sind keine Einbildung, sondern reale körperliche Reaktionen. Je besser du mit deinem Körper verbunden bist, desto schneller kannst du dir aktiv Regenerationszeit verschaffen. In meinem kostenfreien PDF „Körperarbeit für Hochsensible – Signale des Körpers verstehen“ lernst du, dein Nervensystem frühzeitig zu regulieren.

 

Der Weg zur Regulation: Sicherheit statt Selbstoptimierung

Gerade jetzt schießen viele Coaches wie Pilze aus dem Boden, die dir weißmachen wollen, dass du einfach mehr an dir arbeiten musst, um endlich erfolgreich zu sein, bevor du dich entspannen darfst. Dadurch gerät das Nervensystem noch mehr in den Alarmzustand.

Für hochsensible Menschen geht es nicht darum, „belastbarer“ zu werden und etwas zu erreichen, sondern das Nervensystem wieder in Sicherheit zu bringen.

Regulation bedeutet nicht Kontrolle, sondern sanfte Rückkehr in Balance. Es bedeutet ausatmen und fließen lassen, statt Luft anhalten und Emotionen festhalten.

 

Hilfreich für die Entspannung deines Nervensystems sind:

  • Routinen, die Sicherheit vermitteln (feste Pausen, Rückzugszeiten)
  • körperorientierte Methoden wie Atemübungen, sanfte Bewegung, somatische Übungen
  • Reizreduktion im Alltag (bewusster Medienkonsum, klare Grenzen)
  • emotionale Selbstanbindung: Gefühle wahrnehmen statt wegdrücken
  • wohlwollender Umgang mit sich selbst, statt Selbstkritik

Vor allem, wenn wir Hochsensible Intimität erleben, kann Stress im Nervensystem aktiviert werden. Denn Nähe ist für viele von uns als „bedrohlich“ abgespeichert. Sprich mit deinem Partner offen über das, was in dir vorgeht. Ein verständnisvolles Gegenüber kann dich dabei unterstützen, in die Entspannung zu kommen.

Dysreguliertes Nervensystem und Nähe - warum Nähe als Anker und Bedrohung wahrgenommen werden kann

 

Tipp: In meinem kostenfreien PDF“ Sich selbst halten – Wie HSP lernen, sich fallenzulassen“ findest du tolle Inspirationen, wie du dir selbst Geborgenheit und Sicherheit schenken kannst.

 

Erfahrungsbericht: Wie ich als HSP mein Nervensystem beruhige

Leider war mein Nervensystem den Großteil meines noch recht zarten Lebensalters in einem hochgradig dysregulierten Zustand. Manchmal so dysreguliert, dass ich in die komplette Dissoziation rutschen musste, um die Umstände überhaupt zu ertragen.

Besonders in unserer westlichen Kultur scheint das keine Seltenheit zu sein. Das Maß transgenerationaler Traumata, neurotischer Erwartungen, fehlender Wichtigkeit gesunder Emotionalität und institutioneller Zwänge ist bei uns doch sehr groß.

Aus diesen und familiären Gründen war ich viele Jahre nicht fähig, eine gesunde Emotionalität auszubilden. Mein Nervensystem war permanent im Alarmzustand gefangen. Erst, als ich mich aktiv dem Schmerz zuwendete, der da in mir gespeichert war, konnte ich lernen, mein strapaziertes Nervensystem bewusst zu regulieren.

 

Dabei hat mir Folgendes geholfen:

  • Erkenntnis, dass ich keine Schuld an meinem Zustand habe und ich mich auch nicht dafür schämen muss
  • eine gute und einfühlsame Begleitung durch die Schichten meines Unterbewusstseins
  • emotionale Arbeit (z. B. Weinen, Wut rauslassen)
  • Trainieren der Bauchatmung
  • offene Kommunikation und Aufbau eines Umfeldes mit vertrauensvollen Menschen
  • Lebensgestaltung, die mir ausreichend Zeit für Regeneration ermöglicht
  • Priorisierung meiner emotionalen Gesundheit über alles andere

 

Mittlerweile habe ich eine gute Verbindung zu mir selbst und merke schnell, in welchem Zustand sich mein Nervensystem befindet.

Wie ich die Verbindung zu mir selbst stärke

 

Wenn mir Trigger begegnen, dann versuche ich, mich ihnen aktiv zu stellen und gesunde Erfahrungen zu provozieren. Ich erlaube es mir aber auch, mir immer ausreichend Regenerationszeit zu nehmen und alles, was „hochkommt“ zu spüren.

Mir ist wichtig, dass ich liebevoll mit mir umgehe. Und zum Schutz meines Nervensystems scheue ich mich auch nicht davor, permanent toxische Menschen zu meiden und meinen Alltag an meine Bedürfnisse anzupassen (z. B. beim Einkaufen mit Hochsensibilität).

 

Häufige Fragen (FAQ) zu Hochsensibilität und dysreguliertes Nervensystem

Wie hängt Hochsensibilität mit einem dysregulierten Nervensystem zusammen?

Hochsensibilität bedeutet, dass Reize intensiver und tiefer verarbeitet werden. Das Nervensystem hochsensibler Menschen reagiert dadurch schneller auf äußere und innere Reize wie Geräusche, soziale Spannungen oder emotionale Belastungen. Kommen dauerhaft zu viele Reize zusammen, kann das Nervensystem in einen Zustand der Überforderung geraten.
Ein dysreguliertes Nervensystem zeigt sich dann durch anhaltende Anspannung, Erschöpfung oder schnelle Überreizung – nicht als Krankheit, sondern als natürliche Reaktion auf eine hohe Reizverarbeitung bei fehlender ausreichender Regulation.

Woran erkenne ich als hochsensible Person ein dysreguliertes Nervensystem?

Typische Anzeichen eines dysregulierten Nervensystems bei Hochsensibilität sind innere Unruhe, schnelle Reizbarkeit, emotionale Überwältigung oder das Gefühl, sich nicht mehr richtig entspannen zu können. Auch Schlafprobleme, starke Erschöpfung nach sozialen Kontakten oder ein permanentes „Unter Strom stehen“ können Hinweise sein. Diese Symptome entstehen oft dann, wenn hochsensible Menschen ihre Reizgrenzen über längere Zeit ignorieren oder nicht ausreichend Möglichkeiten zur Regeneration haben.

Was hilft hochsensiblen Menschen, ihr Nervensystem wieder zu regulieren?

Für hochsensible Menschen ist Regulation vor allem eine Frage von Rhythmus und Sicherheit. Regelmäßige Pausen, reizreduzierte Umgebungen und klare Grenzen im Alltag helfen dem Nervensystem, aus dem Dauerstress herauszufinden.
Zusätzlich unterstützen körperorientierte Methoden wie bewusste Atmung, sanfte Bewegung oder achtsame Selbstwahrnehmung die Regulation des Nervensystems. Entscheidend ist, Hochsensibilität nicht „wegmachen“ zu wollen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen das Nervensystem sich stabilisieren kann.

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Hohe Anforderungen, Druck durch die Gesellschaft und der niedrige Wert emotionaler Gesundheit fördern die Ausbildung eines dysregulierten Nervensystems.

In meiner Beratung unterstütze ich HSP dabei, sich selbst besser zu regulieren und Lebensumstände zu schaffen, die eine permanente Überreizung vermeiden.

Wenn du lernen willst, wie du dein Nervensystem beruhigen kannst, dann kontaktiere mich gern.