Dysreguliertes Nervensystem bei HSP – Symptome & Behandlung
Starker Herzschlag, flache Atmung, eingefrorene Emotionen: Besonders Hochsensible neigen zu einem dysregulierten Nervensystem und werden von Alltagsreizen schnell gestresst.
Wie ein dysreguliertes Nervensystem entsteht, was die Anzeichen dafür sind und wie du lernst, dich aktiv zu entspannen, erfährst du jetzt.
Das hochsensible Nervensystem
Eines der Symptome von Hochsensibilität ist eine stärkere Reaktion auf Reize und Schwingungen als bei Nicht-Hochsensiblen. Da unser hochsensibles Nervensystem keinen Reizfilter hat, gelangen unsere Alltagseindrücke bis ins Unterbewusstsein und hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck in unserer Psyche.
Dies begünstigt die Ausbildung von Trauma – denn in unserer oberflächlichen Welt sind Darstellungen von Gewalt, ein roher zwischenmenschlicher Umgang und Zeitdruck an der Tagesordnung.
Da diese Dinge auch schon hochsensible Kinder zu spüren bekommen, ist es nicht verwunderlich, dass viele HSP als Erwachsene ein dysreguliertes Nervensystem haben. Vielleicht hast auch du schon bemerkt, dass du große Schwierigkeiten damit hast, dich tief zu entspannen.
Diese Faktoren sorgen dafür, dass besonders Hochsensible ein dysregulierten Nervensystem ausbilden:
- ein starkes Verantwortungsgefühl und schnell einsetzende Reizschuld
- hohe Empathie (Übernahme fremder Emotionen)
- frühe Lernerfahrungen, sich „anzupassen“ oder „zusammenzureißen“
- wenig Raum für echte Regeneration im Alltag
- emotional verwundete Bezugspersonen, die ihre Kinder schlecht halten können
Tipp: In meinem kostenfreien PDF „Nervensystem regulieren“ findest du Soforthilfe-Tipps, um dich bei Reizüberflutung schnell wieder zu erden.
Das Nervensystem: Balance zwischen Anspannung und Entspannung
Unser autonomes Nervensystem steuert unbewusst lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Herzschlag und Verdauung. Es besteht vereinfacht gesagt aus zwei Hauptanteilen:
- Sympathikus: zuständig für Aktivierung, Leistung und Stress („Kampf oder Flucht“)
- Parasympathikus: zuständig für Ruhe, Regeneration und Sicherheit („Rest & Digest“)
Ein gesundes Nervensystem kann flexibel zwischen diesen Zuständen wechseln.
Wenn du großen Stress und viele Reize in deinem Alltag wahrnimmst, gerätst du verstärkt in den Sympathikus. Dieser macht dich leistungsfähig und schützt dein Innenleben gewissermaßen vor all den Erwartungen, mit denen du gerade konfrontiert bist. Du bist weniger im Spüren, dafür aber handlungsfähiger.
Wenn du geschafft hast, was du dir vorgenommen hast, gerätst du langsam in den Parasympathikus. Du entspannst dich und kannst dich wieder mit dir selbst verbinden, denn du weißt: „Ich bin jetzt in Sicherheit.“ Du atmest tiefer, kannst verstärkt kreativ denken und dich fallenlassen.
Bei einem dysregulierten Nervensystem gelingt dieser Wechsel nur eingeschränkt und braucht oft bewusste Anstrengung. Je länger das Nervensystem in der Dysregulation ist, desto länger braucht es, um sich wieder zu entspannen.
Wenn du aufgrund einer traumatischen Situation zu lange im Sympathikus bist, kann es sogar passieren, dass du in eine Dissoziation rutschst – dein Nervensystem friert komplett ein und du fühlst nichts mehr. Manche Menschen (die sich für sehr leistungsfähig halten) leben jahrzehntelang in diesem Zustand und merken nicht, dass sie die Verbindung zu sich komplett verloren haben.
Hinweis: Falls du Interesse an diesem Thema hast, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Trauma und Hochsensibilität – Entwicklung und Heilung von Traumata“.
Was bedeutet „dysreguliert“?
Ein dysreguliertes Nervensystem ist häufig entweder:
- überaktiviert (ständige innere Anspannung, Nervosität, Reizbarkeit, Schlafprobleme) oder
- unteraktiviert (Erschöpfung, Antriebslosigkeit, emotionale Taubheit, Rückzug)
Manchmal wechseln diese Zustände auch abrupt und unvorhersehbar, was es Betroffenen oft unmöglich macht, adäquat darauf zu reagieren. Ein dysreguliertes Nervensystem entsteht infolge von Stress (durch Trauma), einem unausgeglichenen Botenstoffhaushalt im Gehirn und fehlender Regenerationszeit.
Ein dysreguliertes Nervensystem aufgrund von Trauma entsteht folgendermaßen:
Du hast Stress erlebt, den du emotional nicht verarbeitet hast (weil du z. B. ein Kind warst und in einem gewalttätigen Umfeld gelebt hast). Natürlicherweise hättest du geweint, wärst wütend oder traurig geworden, als dir wehgetan wurde. Da du deine Emotionen nicht zeigen durftest, wurden sie unverarbeitet im Nervensystem abgespeichert. Nun sorgt dieser unverarbeitete Stress für eine permanente Dysregulation. Je mehr dich ein Trigger an die seelische Wunde erinnert, desto bedrohlicher wirken die Stresssymptome deines Nervensystems, die du jetzt erlebst.
11 Symptome eines dysregulierten Nervensystems
Stress an sich ist nichts Schlechtes, wenn er irgendwann wieder nachlässt und ausreichend Zeit für Regeneration zur Verfügung steht. Viele Menschen leben in einem dauerhaften Alarmzustand und sind deshalb besonders reizbar.
Die Symptome eines dysregulierten Nervensystems sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es kann also sein, dass du nur einige dieser Symptome hast.
1. Anhaltende innere Unruhe
Das Nervensystem befindet sich dauerhaft im Aktivierungsmodus. Auch ohne äußeren Stress fühlt sich der Körper angespannt an, als müsste jederzeit etwas passieren. Ruhe wird als „unangenehm“ oder sogar bedrohlich erlebt. Aus diesem Grund versuchen sich manche Menschen ständig abzulenken und fürchten sich regelrecht vor Ruhe.
2. Schnelle Reizüberflutung
Ein dysreguliertes Nervensystem kann Reize nicht mehr gut filtern.
Geräusche, Gespräche, Licht oder Gerüche treffen ungefiltert auf das System und führen schnell zu Überforderung, Gereiztheit oder Rückzug. Aufgrund des fehlenden Reizfilters und der hohen Energiesensibilität setzen Reize uns Hochsensiblen besonders zu.
3. Erschöpfung trotz Schlaf
Der Körper kommt nachts nicht in echte Tiefenregeneration, weil das Nervensystem nicht vollständig in den Ruhemodus wechselt. Schlaf ist zwar vorhanden, aber nicht erholsam.
Vielleicht fühlst auch du dich morgens manchmal wie gerädert, obwohl du extra zeitig ins Bett gegangen bist.
4. Schlafprobleme
Gedanken kreisen, der Körper bleibt angespannt oder wacht früh auf. Auch Probleme beim Durchschlafen können vermehrt auftreten. Häufig ist das Nervensystem nachts aktiver als tagsüber, weil dann keine Ablenkung mehr da ist. Nun versucht es dich darauf aufmerksam zu machen, dass etwas nicht stimmt.
5. Emotionale Überreaktionen
Kleine Auslöser lösen große emotionale Reaktionen aus.
Das liegt nicht an mangelnder Selbstkontrolle, sondern daran, dass das Nervensystem bereits „am Limit“ ist und kaum Puffer hat. Je länger du in diesem Zustand bist, desto gereizter bist du. Reflektiertes und bewusstes Handeln ist nicht mehr möglich. Gerade bei Hochsensibilität in der Partnerschaft kommt es dann oft zu vermeidbaren Streitereien und haltlosen Vorwürfen.
6. Emotionale Taubheit oder Abflachung
Manche Menschen spüren statt intensiver Gefühle plötzlich wenig oder gar nichts.
Das ist ein Schutzmechanismus des Nervensystems, um Überlastung zu vermeiden. Wenn der Stressmodus nicht mehr unterbrochen wird, fällst du in die Dissoziation, in der dein Nervensystem komplett einfriert. In diesem Zustand bist du vielleicht sogar leistungsfähig, spürst aber nichts mehr.
7. Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
Bei Dauerstress priorisiert das Gehirn Überleben statt Denken. Kreativität, Fokus und Erinnerungsfähigkeit treten in den Hintergrund, was oft fälschlich als „Unfähigkeit“ interpretiert wird.
8. Körperliche Stresssymptome
Verspannungen, Kopfschmerzen, ein Kloßgefühl im Hals, Verdauungsprobleme oder Herzklopfen sind Ausdruck davon, dass der Körper ständig unter Stress steht. Der Körper spricht, wenn Worte fehlen. Auch Reizmagen und das Gefühl einer körperlichen Schwere weisen darauf hin, dass du dringend mal eine Pause machen musst.
9. Ständiges Alarmgefühl
Das Nervensystem ist in permanenter Wachsamkeit.
Selbst harmlose Situationen werden als potenziell gefährlich bewertet. Das führt zu Schreckhaftigkeit und innerer Anspannung. In diesem Modus passiert es schnell, sich unfair zu verhalten und andere zu beschuldigen, obwohl sie nichts falsch gemacht haben. Weil das Nervenkostüm so stark angespannt ist, verlangen wir von uns selbst und anderen Perfektionismus.
10. Rückzugs- oder Vermeidungsverhalten
Rückzug ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein intelligenter Selbstschutz.
Das Nervensystem versucht, weitere Reizüberflutung zu verhindern. Kurzzeitig kann dir Rückzug bei der Regeneration helfen. Langfristig kann er dazu beitragen, dass du dich sozial isolierst und Fähigkeiten wie z. B. Grenzen setzen verlierst.
11. Schwierigkeiten, sich zu entspannen oder zu genießen
Selbst schöne Momente lösen keine echte Entspannung aus. Der Körper kennt den Zustand von Sicherheit nicht mehr ausreichend – Genuss braucht jedoch innere Sicherheit.
Vielleicht hast du noch nie erlebt, wirklich sicher zu sein.
In diesem Fall brauchst du ein verständnisvolles Umfeld und eine gute Begleitung, um den angestauten Stress in deinem Nervensystem langsam und gesund abzubauen.
Wichtig: Diese Symptome sind keine Einbildung, sondern reale körperliche Reaktionen. Je besser du mit deinem Körper verbunden bist, desto schneller kannst du dir aktiv Regenerationszeit verschaffen. In meinem kostenfreien PDF „Körperarbeit für Hochsensible – Signale des Körpers verstehen“ lernst du, dein Nervensystem frühzeitig zu regulieren.
Der Weg zur Regulation: Sicherheit statt Selbstoptimierung
Gerade jetzt schießen viele Coaches wie Pilze aus dem Boden, die dir weißmachen wollen, dass du einfach mehr an dir arbeiten musst, um endlich erfolgreich zu sein, bevor du dich entspannen darfst. Dadurch gerät das Nervensystem noch mehr in den Alarmzustand.
Für hochsensible Menschen geht es nicht darum, „belastbarer“ zu werden und etwas zu erreichen, sondern das Nervensystem wieder in Sicherheit zu bringen.
Regulation bedeutet nicht Kontrolle, sondern sanfte Rückkehr in Balance. Es bedeutet ausatmen und fließen lassen, statt Luft anhalten und Emotionen festhalten.
Hilfreich für die Entspannung deines Nervensystems sind:
- Routinen, die Sicherheit vermitteln (feste Pausen, Rückzugszeiten)
- körperorientierte Methoden wie Atemübungen, sanfte Bewegung, somatische Übungen
- Reizreduktion im Alltag (bewusster Medienkonsum, klare Grenzen)
- emotionale Selbstanbindung: Gefühle wahrnehmen statt wegdrücken
- wohlwollender Umgang mit sich selbst, statt Selbstkritik
Vor allem, wenn wir Hochsensible Intimität erleben, kann Stress im Nervensystem aktiviert werden. Denn Nähe ist für viele von uns als „bedrohlich“ abgespeichert. Sprich mit deinem Partner offen über das, was in dir vorgeht. Ein verständnisvolles Gegenüber kann dich dabei unterstützen, in die Entspannung zu kommen.
Tipp: In meinem kostenfreien PDF“ Sich selbst halten – Wie HSP lernen, sich fallenzulassen“ findest du tolle Inspirationen, wie du dir selbst Geborgenheit und Sicherheit schenken kannst.
Erfahrungsbericht: Wie ich als HSP mein Nervensystem beruhige
Leider war mein Nervensystem den Großteil meines noch recht zarten Lebensalters in einem hochgradig dysregulierten Zustand. Manchmal so dysreguliert, dass ich in die komplette Dissoziation rutschen musste, um die Umstände überhaupt zu ertragen.
Besonders in unserer westlichen Kultur scheint das keine Seltenheit zu sein. Das Maß transgenerationaler Traumata, neurotischer Erwartungen, fehlender Wichtigkeit gesunder Emotionalität und institutioneller Zwänge ist bei uns doch sehr groß.
Aus diesen und familiären Gründen war ich viele Jahre nicht fähig, eine gesunde Emotionalität auszubilden. Mein Nervensystem war permanent im Alarmzustand gefangen. Erst, als ich mich aktiv dem Schmerz zuwendete, der da in mir gespeichert war, konnte ich lernen, mein strapaziertes Nervensystem bewusst zu regulieren.
Dabei hat mir Folgendes geholfen:
- Erkenntnis, dass ich keine Schuld an meinem Zustand habe und ich mich auch nicht dafür schämen muss
- eine gute und einfühlsame Begleitung durch die Schichten meines Unterbewusstseins
- emotionale Arbeit (z. B. Weinen, Wut rauslassen)
- Trainieren der Bauchatmung
- offene Kommunikation und Aufbau eines Umfeldes mit vertrauensvollen Menschen
- Lebensgestaltung, die mir ausreichend Zeit für Regeneration ermöglicht
- Priorisierung meiner emotionalen Gesundheit über alles andere
Mittlerweile habe ich eine gute Verbindung zu mir selbst und merke schnell, in welchem Zustand sich mein Nervensystem befindet.
Wenn mir Trigger begegnen, dann versuche ich, mich ihnen aktiv zu stellen und gesunde Erfahrungen zu provozieren. Ich erlaube es mir aber auch, mir immer ausreichend Regenerationszeit zu nehmen und alles, was „hochkommt“ zu spüren.
Mir ist wichtig, dass ich liebevoll mit mir umgehe. Und zum Schutz meines Nervensystems scheue ich mich auch nicht davor, permanent toxische Menschen zu meiden und meinen Alltag an meine Bedürfnisse anzupassen (z. B. beim Einkaufen mit Hochsensibilität).

















