Vielleicht findest du diese Frage zunächst irritierend. Liebe soll doch schön sein. Sie soll Geborgenheit schenken, Nähe schaffen und uns das Gefühl geben, mit einem Menschen wirklich verbunden zu sein. Was hat Leidensfähigkeit damit zu tun?

Wir kennen wahrscheinlich alle Momente, in denen Liebe etwas von uns verlangt, das nicht leicht ist. Die Bereitschaft, während eines Konflikts nicht sofort aufzugeben. Die Fähigkeit, mit Enttäuschungen umzugehen. Oder die Kraft, eine Zeit auszuhalten, in der wir nicht wissen, wie es mit einer Beziehung weitergeht.

Vielleicht braucht Liebe also tatsächlich ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit. Wie du deine Leidensfähigkeit stärkst und herausfindest, ob sie in deiner Beziehung überhaupt angebracht ist, erfährst du jetzt.

Was ist Leidensfähigkeit bei hochsensiblen Menschen, Nicole Trojahn

 

Was bedeutet Leidensfähigkeit?

Leidensfähigkeit klingt zunächst nach etwas Negativem. Nach Schmerz. Nach Durchhalten. Nach einer Situation, die man irgendwie überstehen muss.

Doch Leidensfähigkeit ist nicht zwangsläufig etwas Schlechtes.

Sie beschreibt zunächst die Fähigkeit, schwierige, schmerzhafte oder belastende Erfahrungen auszuhalten, ohne ihnen sofort ausweichen zu müssen. Sie ist auch die Fähigkeit, sich nach einer schmerzhaften Erfahrung wieder emotional öffnen zu können.

Und diese Fähigkeit brauchen wir im Leben, denn:

  • Wir können nicht verhindern, dass Menschen uns enttäuschen.
  • Wir können nicht verhindern, dass Beziehungen Krisen erleben.
  • Wir können nicht verhindern, dass ein geliebter Mensch sich verändert.
  • Wir können nicht verhindern, dass wir selbst manchmal Fehler machen.

Wer bei jeder unangenehmen Erfahrung sofort davonläuft, wird Schwierigkeiten haben, tiefe Beziehungen aufzubauen. Denn Intimität, Nähe und Liebe machen verletzlich. Und Verletzlichkeit bedeutet, dass auch Schmerz möglich wird.

Überhaupt ist Verletzlichkeit wichtig, um Liebe erfahren zu können.

Deshalb ist eine gewisse Leidensfähigkeit durchaus eine emotionale Ressource. Nur wer das Risiko eingeht, sich verletzlich zu zeigen und ein gewisses Maß an Leid auszuhalten, hat die Chance auf eine wachsende, tragfähige Verbundenheit.

Aber natürlich hat Leidensfähigkeit Grenzen: Nur weil du etwas aushalten kannst, heißt das nicht, dass du es aushalten musst.

 

Die paradoxe Wahrheit über Leidensfähigkeit

Vielleicht liegt genau hier die interessanteste Seite des Themas. Es gibt nämlich zwei Arten, wie Leidensfähigkeit problematisch werden kann.

Die eine besteht darin, zu wenig auszuhalten:

  • Jemand wird enttäuscht und beendet sofort die Beziehung.
  • Ein Konflikt entsteht und die Person zieht sich zurück.
  • Der Partner hat eine schwierige Phase und plötzlich wird die ganze Liebe infrage gestellt.

Hier fehlt möglicherweise die Fähigkeit, normale Frustration und Beziehungskrisen auszuhalten. Ein Grund für geringe Leidensfähigkeit bei HSP könnte z. B. innere Bindungsangst sein, die sich durch frühe Verlusterfahrungen und Traumata gebildet hat.

Hinweis: Wenn du mehr zu diesen Themen wissen möchtest, dann schau gern in meinem kostenfreien PDF „Trauma und Hochsensibilität – Entwicklung und Heilung von Traumata“ und im PDF „Angst vor Nähe – Bindungsvermeider verstehen“ hinein.

 

Die andere Seite ist das Gegenteil: zu viel auszuhalten.

  • Jemand wird immer wieder verletzt.
  • Die eigenen Bedürfnisse werden immer wieder zurückgestellt.
  • Von dir gesetzte Grenzen werden überschritten.
  • Versprechen werden gebrochen.

Trotzdem bleibt die Person. Sie verzeiht. Sie versteht. Sie hofft. Sie wartet.

Und sagt sich:

  • „Ich liebe ihn doch.“
  • „Ich muss geduldiger sein.“
  • „Ich darf nicht so schnell aufgeben.“
  • „Vielleicht wird es irgendwann besser.“

Hier wird Leidensfähigkeit nicht mehr zur Stärke. Sie kann zur Selbstaufgabe werden. Viele Hochsensible neigen dazu, ihre Grenzen und Bedürfnisse zu vernachlässigen, um an Beziehungen festzuhalten, die ihnen langfristig schaden.

Das geduldige Aushalten toxischer Dynamiken kann ebenfalls mit Kindheitswunden in Zusammenhang stehen – vor allem dann, wenn wir hoffen, in der Partnerschaft doch noch das zu bekommen, was uns in der Kindheit verwehrt geblieben ist.

Tipp: In meinem kostenfreien PDF „Bedürftigkeit stillen und Grenzen stabilisieren“ erfährst du, wie du dir selbst Halt gibst. Schau dazu auch gern in meinem Artikel „Sich selbst Geborgenheit geben“ vorbei.

Zwischen diesen beiden Polen liegt etwas, das wir vielleicht als emotionale Reife bezeichnen könnten: die Fähigkeit zu erkennen, was es wert ist, ausgehalten zu werden – und was nicht.

 

Was hat Hochsensibilität damit zu tun?

Viele hochsensible Menschen können sehr aufmerksam auf andere eingehen. Sie nehmen aufgrund ihrer hohen Energiesensibilität Bedürfnisse wahr, bevor diese ausgesprochen werden. Sie hören nicht nur die Worte, sondern auch die Zwischentöne.

Gerade in einer Partnerschaft kann das wunderschön sein.

Aber es hat auch eine Schattenseite. Denn wenn du die Gefühle anderer sehr genau wahrnimmst, kann es passieren, dass du dich für diese Gefühle verantwortlich fühlst.

Und dann beginnt ein gefährlicher Gedankengang: „Wenn es meinem Partner schlecht geht, muss ich etwas tun.“

Genau dieser Gedankengang kann Hochsensible lang in Beziehungen halten – vor allem zu toxischen Menschen oder Menschen in der Opferrolle – und ihre Leidensfähigkeit unnötig strapazieren.

4 Gründe, warum HSP oft an ungesunden Beziehungen festhalten, Nicole Trojahn

 

Wenn Empathie zur Überverantwortung wird

Vielleicht kennst du das:

Dein Partner ist schlecht gelaunt. Du fragst dich sofort, ob du etwas falsch gemacht hast. Er zieht sich zurück. Du versuchst herauszufinden, was passiert ist. Er ist enttäuscht. Du bekommst ein schlechtes Gewissen. Er ist wütend. Du möchtest die Situation möglichst schnell wieder beruhigen.

Vielleicht merkst du dabei gar nicht, wie viel Energie du darauf verwendest, die emotionalen Zustände eines anderen Menschen zu regulieren.

Das kann gerade für hochsensible Menschen mit hohem Verantwortungsbewusstsein sehr anstrengend sein.

 

Denn Empathie bedeutet nicht, dass du für die Gefühle anderer verantwortlich bist.

Du darfst mitfühlen, zuhören, unterstützen.

Aber du musst nicht verhindern, dass dein Partner traurig, enttäuscht oder unzufrieden ist. Dein Partner ist erwachsen und selbst für die Regulation seiner Gefühle verantwortlich.

Während du also bemerkst, dass dein Partner mit unangenehmen Gefühlen zu tun hat, bleibst du bei dir. Wenn du das nicht gut kannst, sondern immer intervenieren möchtest, dann schadest du dir selbst.

 

Wenn du ständig versuchst, deinen Partner zu regulieren:

  • verlierst du den Zugang zu deinen Bedürfnissen und Grenzen
  • nimmst du deinem Partner die Chance, sich selbst zu regulieren und innerlich zu wachsen
  • sorgst du dafür, dass eine Dysbalance in der Beziehung entsteht: Du regulierst, der andere lässt sich regulieren. Das erzeugt ein Machtgefälle.
  • wirst du irgendwann erschöpft und ausgebrannt sein

Und vielleicht denkst du: „Es geht ja noch. Ich halte das schon aus.“

Gesunde Leidensfähigkeit sollte aber nicht dazu führen, dass wir unseren eigenen Schmerz irgendwann für normal halten. Leider geschieht das häufig bei Menschen, die selbst nicht ganz einschätzen können, ob sie hochsensibel oder traumatisiert sind.

Gerade wir Hochsensible sind von genug emotionalen Stressoren umgeben (Ungerechtigkeit, Unbewusstheit etc.). Deshalb sollten wir doch wenigstens im Privatleben dafür sorgen, dass wir Partnerschaften führen, in denen jeder seine emotionale Eigenverantwortung trägt.

 

Liebe braucht Frustrationstoleranz

Trotzdem wäre es zu einfach, jetzt zu sagen: „Leidensfähigkeit ist schlecht. Sobald etwas anstrengend ist, sollte ich die Beziehung verlassen.“

Denn das stimmt ebenfalls nicht. Eine tragfähige Beziehung braucht die Fähigkeit, Frustration auszuhalten.

  • Dein Partner wird dich enttäuschen.
  • Du wirst ihn enttäuschen.
  • Ihr werdet unterschiedliche Bedürfnisse haben.
  • Manchmal möchtest du Nähe und er braucht Abstand.
  • Manchmal möchte er reden und du brauchst Ruhe.
  • Manchmal hast du recht.
  • Manchmal hat er recht.
  • Und manchmal gibt es überhaupt keine eindeutige Antwort.

Wenn wir solche Situation nicht aushalten können, wird Beziehung schwierig.

Liebe braucht deshalb ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz, emotionaler Belastbarkeit und Konfliktfähigkeit. Und Liebe braucht Mut, um Verletzlichkeit zuzulassen – andernfalls kann überhaupt keine emotionale Verbundenheit entstehen.

Aber diese Fähigkeiten dienen der Beziehung. Sie dürfen nicht gegen dich eingesetzt werden.

 

Was ist der Unterschied zwischen gesundem Aushalten und Selbstaufgabe in der Beziehung?

Vielleicht kannst du dir zwei Sätze anschauen.

„Ich halte diese schwierige Phase mit dir aus.“ und „Ich halte dich aus.“

Der erste Satz enthält Verbundenheit. Offensichtlich gibt es gerade eine Krise, an der ihr gemeinsam arbeitet, weil euch eure Beziehung wichtig ist. Der zweite klingt bereits nach Erschöpfung – weil du deinen Partner als Belastung wahrnimmst.

Vielleicht liegt genau darin die Grenze.

 

Aushalten kann bedeuten:

  • „Ich bleibe im Gespräch.“
  • „Ich gebe uns Zeit, weil ich weiß, dass wir beide daran arbeiten.“
  • „Ich akzeptiere, dass du gerade Schwierigkeiten hast, die du bereits zu lösen versuchst.“
  • „Ich versuche, dich zu verstehen.“
  • „Ich bin nicht sofort weg, wenn es schwierig wird.“

 

Selbstaufgabe bedeutet dagegen:

  • „Ich stelle meine Bedürfnisse dauerhaft zurück, weil ich dich nicht verlieren will.“
  • „Ich akzeptiere Verhalten, das mich permanent verletzt.“
  • „Ich ignoriere meine Grenzen, damit du bekommst, was du willst.“
  • „Ich hoffe ständig auf Veränderung.“
  • „Ich verliere mich selbst, damit die Beziehung bestehen bleibt.“

 

Liebe braucht das erste. Sie braucht nicht das zweite.

Ich weiß, es ist manchmal nicht ganz leicht, den Unterschied festzustellen. Und ich finde es auch gar nicht schlimm, mal eine Weile auszuhalten, wenn der Partner eine schwierige Phase hat. Das Leben ist ja immer herausfordernd und es ist auch OK, eine Weile lang emotionale Stütze zu sein.

Frage dich einfach öfter mal: Hast du überwiegend das Gefühl, dass ihr als Team an eurer Beziehung arbeitet (dann ist Leidensfähigkeit angebracht)? Oder eher den Eindruck, dass du dauerhaft Dinge ertragen musst, die dir nicht guttun (dann macht deine Leidensfähigkeit nicht viel Sinn)?

Tipp: Schau auch gern mal, inwieweit dein Partner deine eigenen Themen triggert. Manchmal leiden wir auch deshalb in Beziehungen, weil der Partner Spiegel unserer eigenen Wunden und Muster ist.

3 Anzeichen für Selbstaufgabe in Beziehungen - wenn Leidensfähigkeit ungesund ist, Nicole Trojahn

 

Warum gerade hochsensible Menschen manchmal zu lange bleiben

Wenn du sehr empathisch bist, kann es schwer sein, einen Menschen loszulassen, dessen Verhalten dir eigentlich schadet.

Denn du siehst vielleicht seine ganze Geschichte:

  • Du weißt, dass er selbst verletzt wurde.
  • Du kennst seine Ängste (z. B. Angst, nicht gut genug zu sein).
  • Du verstehst seine Unsicherheit.
  • Du weißt, dass er es vielleicht nicht böse meint.

Und plötzlich scheint dein eigenes Leiden weniger wichtig.

„Er kann ja nichts dafür. Er hat es selbst schwer. Ich muss Verständnis haben.“

Natürlich dürfen wir Verständnis haben. Aber Verständnis und Grenze schließen einander nicht aus.

Du kannst sagen: „Ich verstehe, warum du so reagierst. Und trotzdem kann ich nicht akzeptieren, dass du so mit mir umgehst.“

Das ist keine Härte. Das ist Klarheit. Dir geht es sicher auch nicht immer gut. Vielleicht bist du als hochsensibles Kind auch verletzt worden. Aber du versuchst in Beziehungen ja auch, fair zu sein und deine Emotionen nicht an anderen auszulassen.

 

Grenzen setzen ist Teil von Liebe

Gerade wenn du hochsensibel bist, kann Grenzen setzen eine wichtige Lernaufgabe sein.

Vielleicht spürst du deine Grenze sogar sehr genau. Aber sobald du sie aussprichst, bekommst du ein schlechtes Gewissen. Vielleicht durftest du früher nicht authentisch sein und deine Grenzen nicht zeigen.

Nun möchtest du:

  • den anderen nicht verletzen
  • nicht egoistisch wirken
  • nicht als „zu empfindlich“ gelten

Also verschiebst du deine Grenze noch ein Stück. Und noch ein Stück. Bis du irgendwann selbst nicht mehr weißt, wo sie eigentlich liegt.

Dabei ist eine Grenze kein Angriff.

Eine Grenze sagt: „Hier endet meine Verantwortung für dich und beginnt meine Verantwortung für mich.“

Das kann sehr liebevoll sein. Denn nur wenn du weißt, wo du selbst stehst, kannst du einem anderen Menschen wirklich begegnen und eine echte Verbundenheit aufbauen.

 

Muss Liebe nicht auch Opfer bringen?

Aber gehört es nicht zur Liebe, Opfer zu bringen?

Doch. Natürlich. Wir verzichten manchmal, stellen unsere eigenen Wünsche zurück, unterstützen den anderen.

Aber ein Opfer und eine Selbstaufgabe sind nicht dasselbe.

Ein Opfer kann freiwillig sein, sollte aber zeitlich begrenzt sein. Es kann aus Liebe entstehen. Und es kann sich trotzdem stimmig anfühlen.

Selbstaufgabe dagegen bedeutet, dass die eigenen Bedürfnisse dauerhaft keinen Platz mehr haben. Selbstaufgabe bedeutet, du hörst auf, authentisch zu sein und dich gesund weiterzuentwickeln, um die Beziehung nicht zu gefährden. Das ist gefährlich und führt zu Erschöpfung und Frust.

Die Frage ist deshalb nicht: „Was muss ich für die Liebe aufgeben?“ Sondern: „Kann ich etwas geben, ohne mich selbst dabei zu verlieren?“

 

Sind Leidensfähigkeit und Resilienz dasselbe?

Auch psychologisch lohnt sich eine Unterscheidung.

Leidensfähigkeit bedeutet, dass wir Schmerz oder Belastung aushalten können.

Resilienz beschreibt eher die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen, sich anzupassen und nach schwierigen Erfahrungen wieder Stabilität zu finden.

Das bedeutet: Du kannst sehr leidensfähig sein und trotzdem nicht resilient mit einer Situation umgehen. Du kannst jahrelang etwas aushalten, das dich innerlich erschöpft.

Von außen wirkt das vielleicht beeindruckend. Aber vielleicht bist du gar nicht stark, sondern musstest den Zugang zu deinen Gefühlen unterbrechen, um in einer ungesunden Situation überleben zu können.

 

Vielleicht bist du einfach nur sehr gut darin geworden, dich selbst zu übergehen.

Resilienz bedeutet deshalb nicht: „Ich halte alles aus.“

Sondern eher: „Ich kann mit Schwierigkeiten umgehen und dabei mit mir selbst verbunden bleiben.“

Diese Unterscheidung ist enorm wichtig! Denn ich kenne sehr viele Menschen, die in ungesunden Verhältnissen verharren und sich für stabil halten. Tatsächlich haben sie aber überhaupt keinen Zugang mehr zu ihrer Gefühlswelt – sie wirken eher abgestumpft und funktional.

Hinweis: Wenn du wissen möchtest, wie sich schwierige Erfahrungen im Nervensystem bemerkbar machen, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Der Mensch als Schichtmodell – Warum Entwicklung in Spiralen erfolgt“.

Wann Leidensfähigkeit bei HSP in Beziehungen sinnvoll und gesund ist, Nicole Trojahn

 

Wie viel Leidensfähigkeit braucht eine Partnerschaft?

Vielleicht lautet die Antwort: Genug, um nicht vor jeder Schwierigkeit davonzulaufen.

Aber nicht so viel, dass du dich selbst verlässt, d.h. die Verbundenheit mit dir selbst dauerhaft unterbrechen musst. Du darfst einen Streit aushalten, akzeptieren, dass dein Partner anders ist. Du darfst mit Enttäuschungen umgehen und auch mal warten.

Aber du musst nicht:

  • wiederholte Respektlosigkeit aushalten
  • deine Bedürfnisse dauerhaft unterdrücken
  • ständig Angst haben
  • deine Grenzen aufgeben
  • dich selbst kleinmachen
  • oder dauerhaft für das emotionale Wohlbefinden eines anderen Menschen verantwortlich sein

Das ist keine fehlende Leidensfähigkeit. Das ist Selbstachtung.

 

Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht „Wie viel?“, sondern „Wofür?“

Das finde ich an diesem Thema besonders spannend.

Wir fragen häufig: Wie viel kann ich aushalten?

Aber vielleicht ist die wichtigere Frage: Wofür bin ich bereit, etwas auszuhalten?

Ich bin vielleicht bereit, eine schwierige Zeit mit einem Menschen durchzustehen, den ich liebe. Ich bin bereit, mich meinen eigenen Beziehungsmustern zu stellen, um innerlich zu wachsen (z. B. der Angst vor Fehlern). Aber bin ich auch bereit, mich selbst dafür aufzugeben? Nein.

Und vielleicht darf dieses Nein genauso viel Wert haben wie mein Ja.

 

Die andere Seite der Leidensfähigkeit: Selbstliebe

Je stärker unser Selbstwert ist, desto weniger müssen wir Liebe durch Leiden beweisen.

Dann können wir sagen: „Ich liebe dich.“

Und gleichzeitig: „Ich brauche dich nicht.“

Ich verstehe dich.

Und gleichzeitig: „Ich kann das nicht für dich tragen.“

Ich möchte bei dir bleiben.

Und gleichzeitig: „Ich brauche, dass sich etwas verändert.“

 

Das ist für mich eine reife, erwachsene Form von Liebe: Nicht grenzenlos. Aber tief. Nicht selbstlos. Sondern selbstverbunden. Und ganz ehrlich – nur, wer sich gut um seine eigene Stabilität kümmert, kann mit einem anderen Menschen eine relativ erwartungsfreie, tiefe Verbindung aufbauen.

Hinweis: Wenn du wissen möchtest, wie du deine Leidensfähigkeit gesund weiterentwickeln kannst, dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Umgang mit Leid – HSP und seelischer Schmerz“.

Ich persönlich versuche, meine eigene Leidensfähigkeit immer weiter auszubauen. Denn ich glaube, dass sie die Grundlage dafür ist, dass ich mich einer anderen Person gegenüber verletzlich zeigen kann – eine Verletzlichkeit, in der ich sage: „So sieht es in mir aus und ich erlaube dir, mich so zu sehen.“ Dabei bleibe ich in meiner Eigenverantwortung, schaffe aber auch den Raum dafür, dass mein Gegenüber mir auf tiefer Ebene wirklich begegnen kann. Ich mache das für mich selbst – denn was gibt es Schöneres, als sich ohne Zwang, ohne Angst, ohne Ziehen und Klammern mit einem anderen Menschen tief zu verbinden?

Und ich glaube, weil viele Menschen wenig leidensfähig sind (z. B. weil sie unbewusst zu viel unverarbeiteten Schmerz tragen), bleibt ihnen die Chance auf tiefe Verbundenheit weitestgehend verwehrt. Oft bleibt die Verbindung eher oberflächlich und weltlich – für uns Hochsensible ist das aber nicht echt und erfüllend genug.

 

Was bedeutet das für dich, wenn du hochsensibel bist?

Es geht für dich weder darum, weniger zu fühlen, noch härter zu werden. Und vielleicht musst du deine Leidensfähigkeit überhaupt nicht erhöhen.

Vielleicht darfst du etwas anderes lernen: deine eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen:

  • Du merkst, wenn dir etwas zu viel wird.
  • Du merkst, wenn du Ruhe brauchst.
  • Du merkst, wenn eine Beziehung dich erschöpft.
  • Du merkst, wenn du dich anpasst.
  • Du merkst, wenn du dich selbst verlässt.

Natürlich ist Wahrnehmung nicht automatisch DIE Wahrheit – aber deine Wahrheit. Auch hochsensible Menschen können Situationen falsch interpretieren. Aber Wahrnehmung ist eine Information.

Und diese Information darfst du ernst nehmen.

 

Ich habe z. B. ein ausgezeichnetes Gespür dafür, „wo“ jemand verwundet ist. Wenn mein Partner frühkindliche Wunden hat (z. B. keine ausreichende Liebe der Eltern erfahren hat) und ich auf tiefer Ebene diesem Menschen begegne, dann spüre ich diesen emotionalen Mangel. Wenn sich dieser Mensch nicht darüber bewusst ist, kann es leicht passieren, dass er von mir etwas möchte, was ich nicht geben kann/will (elterliche Zuwendung).

Deshalb ist es besonders für uns HSP so wichtig, dass unsere Partner sich selbst gut kennen und halten können. Niemand ist perfekt. Wir sind alle mehr oder weniger verwundet und auf der Reise.

Wichtig ist, dass jeder sich seiner Verletzungen bewusst ist bzw. bewusst werden möchte und sich um sie kümmert. Denn je tiefer die Verbundenheit mit einem anderen Menschen, desto stärker und einnehmender können sich emotionale Wunden bemerkbar machen und die partnerschaftliche Dynamik beeinflussen.

 

Tipp: Du willst wissen, wie und warum du möglicherweise deine eigenen schwierigen Muster auf deinen Partner projizierst? Dann wirf gern einen Blick in meinen kostenfreien PDF „Projektionen erkennen – Wie Beziehungen Traumata spiegeln“.

 

Ein kleiner Selbstcheck zum Thema Leidensfähigkeit in Beziehungen

Wenn du gerade über deine eigene Leidensfähigkeit nachdenkst, könnten dir diese Fragen helfen:

  • Was halte ich momentan aus?
  • Warum halte ich es aus?
  • Würde ich dieselbe Situation auch für einen Menschen aushalten wollen, den ich liebe?
  • Welche meiner Bedürfnisse kommen zu kurz?
  • Wo sage ich Ja, obwohl ich Nein meine?
  • Wo übernehme ich Verantwortung für die Gefühle eines anderen Menschen?
  • Welche Grenze möchte ich eigentlich setzen?

Und vielleicht sind die wichtigsten Fragen: Was würde ich tun, wenn ich keine Angst davor hätte, jemanden zu enttäuschen? Wie kann ich mit potenzieller Ablehnung umgehen und mich wieder stabilisieren?

Du musst darauf nicht sofort eine Antwort haben. Manchmal reicht es, eine Frage mit sich herumzutragen.

 

Vielleicht musst du nicht mehr aushalten – sondern früher reagieren

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die aus diesem Thema entstehen kann.

Wir denken häufig, persönliche Entwicklung bedeute, belastbarer zu werden. Mehr auszuhalten. Stärker zu werden. Nicht so empfindlich zu sein.

Das empfinde ich aber nicht als sinnvoll. Wichtiger ist, früher zu bemerken, was passiert.

Früher zu sagen, dass etwas nicht stimmt. Früher eine Pause zu machen. Früher eine Grenze zu setzen. Früher um Unterstützung zu bitten. Früher zu erkennen, dass du erschöpft bist. Und früher zu entscheiden, was du verändern möchtest.

 

Das ist keine geringere Leidensfähigkeit. Vielleicht ist es sogar eine höhere Form davon.

Denn du kommunizierst dem Menschen, den du liebst, was in dir vorgeht und riskierst damit, dass du zurückgewiesen und gekränkt wirst – oder unverstanden bleibst.

Durch offene Kommunikation und das Zeigen deiner Verletzlichkeit schaffst du aber auch die Grundlage dafür, dass ihr beide euch wirklich begegnen könnt – und eure Beziehung ein tragfähiges Fundament aus Respekt, Verständnis, Vertrauen und Akzeptanz erhält.

Warum sind Verletzlichkeit und Leidensfähigkeit wichtig für Verbundenheit in hochsensiblen Beziehungen, Nicole Trojahn

 

Die eigentliche Stärke liegt vielleicht dazwischen

Vielleicht ist das die Antwort auf unsere Ausgangsfrage. Wie viel Leidensfähigkeit braucht die Liebe?

Nicht möglichst viel. Und auch nicht möglichst wenig. Sondern genau so viel, wie notwendig ist, um mit der Unvollkommenheit menschlicher Beziehungen umgehen zu können.

Wir alle sind unperfekt, haben schwierige Muster in uns und geben trotzdem unser Bestes.

Liebe braucht die Fähigkeit, Enttäuschungen und Schamgefühle auszuhalten, Geduld und Konfliktfähigkeit. Aber sie braucht genauso Grenzen, Selbstachtung, Selbstfürsorge, Ehrlichkeit.

Und die Fähigkeit, loszulassen, wenn eine Beziehung dauerhaft mehr zerstört als nährt.

 

Leidensfähigkeit sollte niemals zum Beweis deiner Liebe werden

Liebe braucht Leidensfähigkeit – aber keine Selbstaufgabe. Nicht, weil Liebe zwangsläufig Leiden bedeutet, sondern weil echte Nähe uns verletzlich macht. Wir alle wurden mehr oder weniger verletzt, als wir uns früher verletzlich gezeigt haben.

Deshalb bedeutet Leidensfähigkeit manchmal auch, den Schmerz auszuhalten, der in uns auftaucht, wenn wir:

  • uns wieder verletzlich zeigen
  • uns jemandem öffnen
  • einem anderen Menschen Zugang zu unserem Herz gewähren

 

Allerdings darf Leidensfähigkeit niemals bedeuten, dass du dich selbst verlierst und den Zugang zu deinen Gefühlen blockieren musst, um eine Beziehung zu führen, die dir eigentlich nicht guttut.

Du musst nicht zeigen, wie viel du aushalten kannst. Du musst nicht bleiben, nur weil du einmal versprochen hast, zu bleiben.

Und du musst auch nicht weniger hochsensibel werden, um eine tragfähige Beziehung führen zu können. Vielleicht darfst du stattdessen lernen, deine hochsensible Intuition als Kompass zu nutzen.

Ich persönlich glaube, in Beziehungen braucht es Leidensfähigkeit, aber keine, die dich kleiner macht – sondern dir ermöglicht, auch dann bei dir zu bleiben, wenn das Leben und die Liebe gerade schwierig sind. Vielleicht kannst du noch mehr Nähe und Verletzlichkeit zulassen, wenn du deine Leidensfähigkeit weiter ausbaust (in einem gesunden Maße – und wenn es sinnvoll ist).

Diese Fragen können dich dabei begleiten:

  • Wie sehr kannst du einen anderen Menschen lieben, ohne dabei aufzuhören, dich selbst zu lieben?
  • Wie sehr bist du bereit, deine Vorstellung von der „perfekten“ Beziehung aufzugeben, um wahrhaftige Verbundenheit mit einem anderen (unperfekten) Menschen entwickeln zu können?

Leidensfähigkeit macht in hochsensiblen Beziehungen Sinn, wenn..., Nicole Trojahn

Häufige Fragen zu Leidensfähigkeit, Liebe und Hochsensibilität

Ist Leidensfähigkeit eine Voraussetzung für Liebe?

Eine gewisse Leidensfähigkeit kann hilfreich sein, weil Konflikte, Enttäuschungen und schwierige Lebensphasen zu Beziehungen dazugehören. Du musst aber nicht leiden, um deine Liebe zu beweisen. Entscheidend ist, ob du eine schwierige Phase gemeinsam mit einem Menschen tragen kannst und möchtest, ohne dich selbst dabei aufzugeben.

Warum halten hochsensible Menschen manchmal besonders viel aus?

Durch ihre ausgeprägte Wahrnehmung und Empathie können hochsensible Menschen sehr viel Verständnis für andere entwickeln. Sie erkennen häufig die Verletzungen und Bedürfnisse ihres Gegenübers und stellen die eigenen Bedürfnisse manchmal zurück. Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen Empathie und Selbstaufgabe zu unterscheiden.

Was ist der Unterschied zwischen Leidensfähigkeit und Resilienz?

Leidensfähigkeit bedeutet vor allem, Belastung oder Schmerz aushalten zu können. Resilienz beschreibt eher die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen und sich danach wieder zu stabilisieren. Viel aushalten zu können bedeutet deshalb nicht automatisch, dass eine Situation gut verarbeitet wird. Wer dauerhaft mehr aushalten muss, als er emotional verkraftet, stumpft ab und muss sich von sich selbst entfernen. Das hat nichts mit Resilienz zu tun – und auch nicht mit einem gesunden Maß an Leidensfähigkeit.

Wann wird Leidensfähigkeit zur Selbstaufgabe?

Wenn du dauerhaft deine eigenen Bedürfnisse, Werte oder Grenzen zurückstellst, um eine Beziehung aufrechtzuerhalten, kann Leidensfähigkeit zur Selbstaufgabe werden. Ein guter Hinweis ist die Frage: „Werde ich durch dieses Aushalten stärker und verbundener (mit mir selbst und meinem Partner) – oder werde ich dabei immer kleiner und erschöpfter?“

Kann man jemanden lieben und trotzdem gehen?

Ja. Liebe verpflichtet dich nicht dazu, in einer Beziehung zu bleiben, die dir dauerhaft schadet. Gerade hochsensible und empathische Menschen können große Schuldgefühle entwickeln, wenn sie einen anderen Menschen verlassen. Doch auch eine Trennung kann Ausdruck von Selbstachtung und Selbstfürsorge sein.

Nicole Trojahn

Nicole Trojahn

Freiberufliche Autorin, Texterin und Beraterin für Hochsensible


Viele Hochsensible haben schon viele Erfahrungen im Umgang mit Leid gesammelt.

In meiner Beratung begleite ich HSP dabei, herauszufinden, wie sie ihre gesunde Leidensfähigkeit stärken und erkennen, wann sie sich aus ungesunden Situationen befreien sollten.

Falls auch du dabei eine Begleitung suchst, nimm gern Kontakt zu mir auf.

 

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